Claudio AbbadoSterben kann jeder

Wie der Dirigent Claudio Abbado in Luzern doch noch Großes vollbrachte von Christian Berzins

Das Lucerne Festival 2012 begann mit einer Katastrophe. Am 8. Mai verschickte die neue Pressechefin per E-Mail eine »wichtige Programmänderung«: Claudio Abbado würde Beethovens Bühnenmusik zu Goethes Egmont und Mozarts Requiem dirigieren. Dass er aber die angesetzte 8. Sinfonie von Gustav Mahler nicht aufführen würde, war kaum erwähnt, obwohl dem Festival damit ein gewaltiger Baustein entfiel. War nicht gar das Festivalmotto »Glaube« wegen der »Messe« (so Mahler über die 8.) entstanden?

Wer die »Sinfonie der Tausend« – an der Uraufführung wirkten fast 1.000 Musiker mit – spielt, braucht nicht nur einen triftigen Grund, sondern auch acht (!) Top-Gesangssolisten, drei Chöre, ein riesiges Orchester – und einen Dirigenten, der die Hundertschaften zusammenhält.

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Der Intendant Michael Haefligers hatte alles perfekt organisiert. Doch er machte die Rechnung ohne Abbado. Die 79-jährige Legende muss irgendwann bei einem Gang durchs frühlingshafte Fextal gemerkt haben, dass diese »Riesenschwarte« (Adorno) nicht zu bewältigen ist, dass er sie nie gemocht hatte – und nie mögen würde. Aber vielleicht hatte ihn an diesem Tag auch nur eine Biene gestochen. Wie auch immer: Sein auf DVD aufgezeichneter Luzerner Mahler-Zyklus soll also unvollendet bleiben?

Jedenfalls wurde nicht der unwillige Dirigent, sondern Mahlers Achte aus dem Programm gekippt. Abbado ist nämlich für Luzern mehr als Gold wert. Das famose Festspielorchester besteht dank ihm und durch ihn. Weltweit wird Luzern darum beneidet.

Und dann erklang am 8. August tatsächlich dieser Egmont. Die Ouvertüre, gewiss, sie ist grandios. Doch die zwei Clärchen-Lieder und die Freiheitsrede Egmonts wirken im Konzertsaal oft deplatziert. Nicht aber in Luzern. Weniger wegen Sopranistin Juliane Banse, sondern vielmehr wegen »Sprecher« Bruno Ganz. Er machte aus dem unnahbaren Helden Egmont einen Menschen, statt mit heldischem Stolz färbte der Iffland-Ring-Träger die Silben mit grauer Nüchternheit. Zum Schafott schreiten und sterben, das kann doch jeder.

Abbado schaffte es dazu, Licht in Egmonts Kerker zu bringen. Das Luzerner Festspielorchester spielte nicht massig, sondern wuchtig. Hinreißend, wie der Italiener in einer tumultartigen Entfesselung die »Siegessinfonie« spielen ließ.

Schmerzlich still wie eine Abenddämmerung dirigierte Abbado danach den Beginn des Requiems, gerade so, als hätte er Mozarts Brief verinnerlicht, in dem der Komponist 1787 vom Tod als dem besten Freund des Menschen sprach. Abbado wollte nichts Grauenvolles erzählen, selbst der Dies Irae, der »Tag des Zorns«, verbreitete keine Schrecken.

Sollen doch die Dirigenten der Provinzorchester im Confutatis die Gelegenheit ergreifen, die Streicherfiguren wild und grausam aufbrausen zu lassen, die Hölle im flammendsten Rot zu schildern: Bei Abbado durchflutete ein goldener Lichtstrahl den Hades. Im berüchtigten Crescendo des Lacrimosa musste Abbado nicht so tun, als gälte es, nochmals »alles« zu sagen, und zwar mit Pauken und Trompeten. Sanft war der berüchtigte Forte-Schlag in Takt 8 auf »Homo reus«.

Dachte nach dieser Einkehr noch jemand an Mahlers »Sinfonie der Tausend«, dieses endlose Suchen und Drängen? Das Lucerne Festival 2012 hat mit einem Wunder begonnen.

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    • Schlagworte Schweiz | Dirigent | Claudio Abbado | Klassik
    • Der Autor Diedrich Diederichsen

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