Der Schrecken kam schleichend. Als Erstes erfasste sie die Wirtschaftsspitzen. »Schneller, als wir glauben, wird die Schweiz an ihre Grenzen stoßen. Der Zuzug nicht leistungsfähiger, nicht leistungswilliger oder nicht integrationswilliger Menschen muss unterbunden werden.« Rolf Dörig wählte markige Worte, als er im vergangenen September vor Zürcher Geschäftsleuten im Zunfthaus zur Saffran sprach. Der Mann ist als Präsident des Lebensversicherers Swiss Life und des Personalriesen Adecco sowie als Vorstandsmitglied von Economiesuisse einer der wichtigsten Wirtschaftsführer im Land.

Wenige Wochen zuvor hatte die SVP ihre Volksinitiative »gegen Masseneinwanderung« lanciert, welche die Neuverhandlungen der bilateralen Verträge mit der EU fordert. Die Wirtschaftsvertreter wussten: Diese Kampagne wird kein Selbstläufer. Zwar hatten sie seit 1992 keine Europaabstimmung mehr verloren. Wenn es hart auf hart ging, überzeugten ihre faktenreichen Argumente die Wählerschaft. Unsere Bilateralen. Unser Wohlstand.

Doch inzwischen ahnten einige Herren auf den Teppichetagen, dass die Stimmung dreht. 140 Wirtschaftsführer warnten bereits im Mai 2011 in einem offenen Brief vor den Gefahren einer Abschottungspolitik. Schneller, als wir glauben, wird die Schweiz an ihre Grenzen stoßen? Ja, ist Rolf Dörigs Diagnose im Zunfthaus zur Saffran: »Nicht nur zahlenmäßig, sondern auch bezüglich der Mentalitäten und der Stimmungen.«

Jetzt, wenige Monate später, ist es so weit: Die Schweiz erstarrt vor einer Zahl. 8.000.000. In diesen Sommerwochen, so melden die Statistiker des Bundes, werden erstmals acht Millionen Menschen im Land leben, und diese Ziffer nährt ein altes Gefühl. Es ist das Gefühl der Enge, der Klaustrophobie.

Angst macht nicht der unbekannte achtmillionste Einwohner. Es wird – geht es nach der Statistik – ein gut ausgebildeter, arbeitsamer Deutscher sein, vielleicht ein Maschineningenieur oder ein Assistenzarzt, wahrscheinlich ein Akademiker. Nicht dieser Mensch ist es, der verunsichert, sondern es sind die 380.000, die in den fünf Jahren vor ihm kamen – und es sind die Zehntausende, die noch kommen werden. Sie bescheren der Schweiz das höchste Bevölkerungswachstum seit den sechziger Jahren. Der Kleinstaat wächst jährlich um die Größe der Stadt Luzern oder des Kantons Schaffhausen.

Das mulmige Gefühl hat auch die Politik erfasst: Von links bis rechts fühlen sich die Volksvertreter verpflichtet, Antworten zu liefern.

Noch mehr Zuwanderung sei technisch machbar, aber nicht wünschenswert, sagen die Sozialdemokraten. Ihre Antwort: Den Steuerwettbewerb abschaffen.

Schon sechs Millionen Schweizer seien zu viel, solange sie auf derart großem Fuß leben, sagen die Grünliberalen. Die Grünen doppeln nach: Bereits 2,5 Millionen Menschen mit einer derart schlechten Ökobilanz seien eigentlich zu viel. Ihre Antworten? Die Grünliberalen wollen das Steuersystem umkrempeln, die Grünen gleich die ganze Wirtschaft. Passenderweise hatten beide Parteien zu ebendiesen Themen nach der Katastrophe von Fukushima je eine Volksinitiative lanciert.

Anders klingt es bei der SVP. Sie fordert: »Die Zahl der Einwohner muss sich bei rund 8 Millionen stabilisieren.« Sonst drohten Dumpinglöhne, der Verkehrsinfarkt auf Schiene und Straße, der Kollaps der Sozialwerke, die Heimat werde ausverkauft und unsere Identität gehe verloren. In die gleiche Kerbe schlägt der Verein Ecopop. Seine Volksinitiative »Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen« will die Nettozuwanderung auf 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung beschränken. Die CVP wiederum will die Ausländerpolitik »viel stärker auf die Bedürfnisse des Landes ausrichten«, was immer das heißen mag. Und die wirtschaftsnahe FDP, Gralshüterin der Bilateralen, spricht lieber über Asylpolitik als über die neue Zuwanderung.