Da ist ein junger Mann. Er hat nicht viel angestellt. Ein bisschen gelogen und gestohlen. Deshalb kam er für einige Monate in ein nordrhein-westfälisches Gefängnis. Dort gab es Vollzugsbeamte, gab es Pfarrer, Sozialarbeiter, Psychologen, wie überall, und wie überall viel zu wenige. Jedenfalls bekam niemand mit, dass der junge Mann von seinen Mithäftlingen gefoltert wurde, unvorstellbar grausam, stundenlang. Am Ende war er tot, die Zimmerkameraden hatten ihn erhängt. Die Schwester des jungen Mannes sagt, das System Gefängnis habe ihren Bruder umgebracht. Doch das System will so was nicht hören. Die Schwester sagt: Wichtig war nur, dass die Aufregung rasch wieder vorbeigeht und dass alles bleibt, wie es ist.

Da ist der Chef einer Berliner Haftanstalt, der während des Gesprächs mit der ZEIT sagt: »Natürlich geschehen in diesem Moment Straftaten in meinem Gefängnis. Diebstahl, Drogen, Gewalt. Natürlich. Diese Wahrheit müssen wir alle akzeptieren.« Dieser Gefängnisdirektor ist ein vernünftiger, kluger Mann. Kein Zyniker. Man kann seine Wahrheit durchaus als Hilfeschrei verstehen. Doch man kann sicher sein, das System wird diesen Hilfeschrei nicht hören.

Da ist einer der angesehensten Sachverständigen der Republik, ein Arzt und Professor, der in den Gerichtssälen die Seele von Schwerverbrechern seziert, ihre Schuldfähigkeit begutachtet und auch prognostiziert, wie gefährlich diese Menschen bleiben. 74 deutsche Gefängnisse kennt er von innen, er führt Buch über die Zustände, und er könnte viel darüber erzählen, was da drin richtig läuft und was falsch. Er hätte sehr viele Ideen, wie es besser laufen würde, für die Häftlinge, aber vor allem für die Gesellschaft, die ja mit diesen Häftlingen leben muss, wenn sie das Gefängnis verlassen. Aber der Professor hat ein Problem. Wenn er das, was er denkt, einem Politiker erzählen möchte, der sich bei dem Thema wirklich auskennt, findet er keinen. Im Chor mit der Boulevardpresse brüllen die meisten die üblichen Schlagworte hinaus, »wegsperren«, »Härte zeigen«, aber ein Politiker, der verstehen will, worum es geht, ein Gesprächspartner auf Augenhöhe – nein, sagt der Professor, »ich kenne keinen einzigen«.

Es ist ein Paradox: Für nichts interessiert sich die Öffentlichkeit mehr als für das Verbrechen, für den Verbrecher. Der Angeklagte rückt in den Mittelpunkt, im Gerichtssaal wird jedes biografische Detail durchleuchtet, jede Gefühlsregung registriert. Die Gesellschaft stürzt sich förmlich auf den Täter, sicher auch deshalb, weil die Frage, wie einer so werden konnte und ob das nicht auch irgendwie mit uns allen zu tun hat, bedenkenswert ist. Und dann schließen sich hinter dem Täter die Gefängnistore, und augenblicklich erlischt das Interesse. Der Verurteilte tritt in eine Schattenwelt, aus der so gut wie nichts nach draußen dringt, außer wenn einer zu Tode gefoltert wird. Als hätte die Gesellschaft kollektiv entschieden, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass 99 Prozent der Häftlinge eines Tages wieder in die Freiheit entlassen werden und dass es niemandem egal sein kann, in welcher Verfassung diese Menschen sind, wenn sie wieder Mitglied der Gesellschaft werden.

Etwa 68000 Häftlinge, die meisten davon Männer, sind derzeit in deutschen Gefängnissen eingesperrt. Die Gesamtkosten für den Strafvollzug betragen geschätzte drei bis vier Milliarden Euro pro Jahr. Die meisten Experten sind sich einig, dass weite Teile dieser gewaltigen Summe in einem System versickern, das in sich erstarrt ist und das mehr Probleme erzeugt, als es löst. Man kann es einen Skandal nennen, dass fertige, erprobte Konzepte seit Jahren bereitliegen, die den Strafvollzug mittelfristig weit billiger und effektiver machen könnten, die jedoch zerrieben werden von den Mühlsteinen der föderalen Politik und der Angst der Kleingeister. Man muss es einen Skandal nennen, dass ausgerechnet in den Gefängnissen, also im Zentrum der deutschen Justiz, rechtsfreie Räume entstanden sind und dass diese Tatsache seit Jahrzehnten geduldet wird. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wird und der ZEIT vorliegt, kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 25 Prozent der befragten erwachsenen Häftlinge im Laufe eines Monats Opfer von körperlichen Übergriffen wurden.

Nähern wir uns der Schattenwelt von zwei Seiten, aus der Perspektive zweier Menschen. Einer kennt sie von innen, einer von außen, zwei Strafvollzugs-Experten der besonderen Art. Sie haben die Gemeinsamkeit, dass es das Schicksal am Anfang ihres Lebens nicht gut mit ihnen gemeint hat. Dieter Wurm, heute 55, wurde früh von seiner Mutter ins Heim gegeben, eine Erzieherin vergewaltigte ihn, ein Erzieher zerschmetterte ihm mit dem Hammer vier Fingerkuppen; als er sich wehrte, steckten sie ihn in die Gummizelle und pumpten ihn mit Medikamenten voll. Er war elf Jahre alt.

Bernd Maelicke, heute 71 Jahre alt, ist der andere. Er wuchs in Göttingen beim Großvater auf, der Vater war im Krieg gefallen. Es gab große Probleme in der Schule, das Jugendamt wurde eingeschaltet, der Großvater wusste nicht weiter mit dem wütenden Jungen, die Einweisung in ein Heim stand bevor. Ein Junge auf der Kippe. Doch dann hatte er eine Portion Glück, seine Mutter, die an den Bodensee gezogen war, holte ihn zu sich. Maelicke nennt dies den Wendepunkt seines Lebens. Er sagt: »Seither glaube ich, dass Menschen von anderen Menschen gerettet werden können.«

Dieter Wurm hatte weniger Glück. Ihn rettete keine Mama. Er hat mehr Lebenszeit im Gefängnis verbracht als draußen. Auf der Straße hat er Angst. Er sagt: »Ich gelte als Scheiße, so einfach ist das.«

Dieter Wurm sieht aus, als habe der Knast ihm die Farbe aus dem Körper gesaugt. Alles an ihm ist grau: der Bart, die zotteligen Haare, sogar die Augen. Wenn er lacht, hört man das, aber man sieht es nicht. Die Miene bleibt ernst. Der wuchtige Mann ist unbewegt. Fällt das Licht von draußen durch die Gitterstäbe auf sein Gesicht, kann man unter dem linken Auge einen blauen Punkt erkennen, die Knastträne. Gefangene, die länger als zehn Jahre sitzen, lassen sie sich oft tätowieren. Die Knastträne ist so etwas wie ein Orden. Auch ein anderes Erkennungszeichen der Schwerverbrecher hat er sich in die Haut gravieren lassen: drei blaue Punkte in der Daumenbeuge. Sie stehen für den Ehrenkodex der Gefangenen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Und dann hat Wurm noch ein Tattoo, das ihm seinen Spitznamen »der Skorpion« eingebracht hat. Der Gladbecker Geiselmörder Hans-Jürgen Rösner hat es ihm im Gefängnis auf den linken Unterarm gestochen. Mit dem Gummi von verbrannten Badelatschen, einem Asche-Shampoo-Gemisch, drei heißen, auf eine Zahnbürste montierten Nadeln und einem Spiegel. Rösner und Wurm kennen sich lange, aus der Auffangstelle für ungeliebte Kinder, dem Jugendheim.

Erst klaut Wurm Autos, sprengt Strommasten, steckt Bagger in Brand und überfällt eine Bank, im Hafturlaub verkauft er einem Mann eine Maschinenpistole, mit der dieser eine Bank ausraubt. Als Wurm 1991 Ausgang bekommt, flüchtet er zunächst nach Frankreich und überfällt dann wieder eine Bank, wieder wandert er ins Gefängnis, nach Berlin-Tegel. Hier entdeckt er das Schreiben für sich. 1999 gewinnt er für eine Kurzgeschichte und ein Gedicht sogar einen Preis, den ihm Martin Walser überreicht. Er macht eine Therapie, holt mit 42 Jahren seinen Realschulabschluss nach. Als er im Januar 2001 entlassen wird, hat er eine Arbeit, die er schon als Freigänger begonnen hat: als Fahrgastbetreuer bei der S-Bahn. Zum ersten Mal sieht es gut aus für Dieter Wurm. Doch im Juni 2001 wird ihm gekündigt, angeblich nachdem ein Polizist ihn bei der Arbeit erkannt und den Kollegen bei der S-Bahn gesteckt hat, mit wem sie da arbeiteten. Mit dem Job verliert Wurm auch die Zuversicht. Der nächste Bankraub läuft aus dem Ruder, Wurm entführt einen Bus, nimmt mehrere Geiseln, wird von der Polizei angeschossen und vom Gericht mit Sicherungsverwahrung weggesperrt. Viermal ist er eingesperrt, dreimal wieder freigelassen worden; gut möglich, dass er diesmal nicht mehr rauskommt. Er sagt: »Ich habe das Knastsystem durch die überlange Haft so verinnerlicht, dass ich mit meinen Unsicherheiten und Ängsten auf die Menschen draußen seltsam wirke, die kommen mit mir nicht klar.« Und er kommt auch nicht mit ihnen klar.

Bernd Maelicke, der als Junge gerade noch die Kurve gekriegt hat, sitzt auf der Terrasse eines Restaurants am Bodensee und erklärt, wie wichtig neue Wege im deutschen Strafvollzug sind, Wege, die er selbst gefunden hat. 15 Jahre lang leitete er den Strafvollzug in Schleswig-Holstein, er hat die Bewährungshilfe ausgebaut und dazu beigetragen, dass verstärkt geprüft wird, ob Gefangene vorzeitig entlassen werden können. Heute ist Maelicke eine Koryphäe im Strafvollzug. Er ist Praktiker und Theoretiker zugleich. An der Universität Lüneburg ist er Professor, Landesregierungen berät er bei Resozialisierungsprojekten. Es ist sein biografisches Grundprinzip, das im Mittelpunkt seiner Arbeit steht: Abweichende Lebensläufe, jedenfalls viele von ihnen, können korrigiert werden. Da mag geredet werden, was will: Dieses Prinzip ist keine Sache des Wollens, sondern des Müssens. Es gibt keine Alternative. Bernd Maelicke hat es mit seiner Arbeit bewiesen. Der deutsche Strafvollzug hat ein dramatisches Problem: Er macht Menschen nicht besser, sondern schlechter. Auch Dieter Wurm, der Skorpion, ist so ein Fall.

Die Hälfte aller Strafgefangenen werden nach ihrer Entlassung wieder kriminell. Jeder vierte muss zurück in den Knast. Unzählige Straftäter beschreiben das allererste Eingesperrtsein als Schlüsselerlebnis für eine lebenslange kriminelle Karriere. Der deutsche Strafvollzug – ein funktionierendes System? Aber sicher, sagen die mächtigen Befürworter. Zum Beispiel Bayerns Justizministerin Beate Merk. Sie findet: »Das System Strafvollzug funktioniert.« Das Gefängnis mache die Häftlinge zu brauchbaren Menschen, es sei eine gute Chance, sich zu bessern. »Es wäre traurig, wenn ich daran nicht glauben würde – und unsere praktischen Erfahrungen geben mir recht.« Die Befürworter bauen ein Gegenbild auf, geradezu eine heile Welt. Der Strafvollzug resozialisiert, er trainiert Teamfähigkeit, strukturiert den Tagesablauf der Gefangenen, er bietet Berufsausbildungen und Anti-Aggressions-Trainings an, er schützt die Bevölkerung vor gefährlichen Kriminellen, Ausbrüche sind selten. Es gebe doch immer weniger Gefangene, heißt es, manche Anstalten sind sogar unterbelegt, fast jeder Justizpolitiker kann auf ein paar neue Therapieplätze verweisen. Und muss man die Zahlen nicht ganz anders lesen? Die Hälfte aller entlassenen Strafgefangenen bleiben straffrei, drei Viertel müssen nicht zurück ins Gefängnis. Hört sich das nicht schon richtig gut an?