Da ist ein junger Mann. Er hat nicht viel angestellt. Ein bisschen gelogen und gestohlen. Deshalb kam er für einige Monate in ein nordrhein-westfälisches Gefängnis. Dort gab es Vollzugsbeamte, gab es Pfarrer, Sozialarbeiter, Psychologen, wie überall, und wie überall viel zu wenige. Jedenfalls bekam niemand mit, dass der junge Mann von seinen Mithäftlingen gefoltert wurde, unvorstellbar grausam, stundenlang. Am Ende war er tot, die Zimmerkameraden hatten ihn erhängt. Die Schwester des jungen Mannes sagt, das System Gefängnis habe ihren Bruder umgebracht. Doch das System will so was nicht hören. Die Schwester sagt: Wichtig war nur, dass die Aufregung rasch wieder vorbeigeht und dass alles bleibt, wie es ist.

Da ist der Chef einer Berliner Haftanstalt, der während des Gesprächs mit der ZEIT sagt: "Natürlich geschehen in diesem Moment Straftaten in meinem Gefängnis. Diebstahl, Drogen, Gewalt. Natürlich. Diese Wahrheit müssen wir alle akzeptieren." Dieser Gefängnisdirektor ist ein vernünftiger, kluger Mann. Kein Zyniker. Man kann seine Wahrheit durchaus als Hilfeschrei verstehen. Doch man kann sicher sein, das System wird diesen Hilfeschrei nicht hören.

Da ist einer der angesehensten Sachverständigen der Republik, ein Arzt und Professor, der in den Gerichtssälen die Seele von Schwerverbrechern seziert, ihre Schuldfähigkeit begutachtet und auch prognostiziert, wie gefährlich diese Menschen bleiben. 74 deutsche Gefängnisse kennt er von innen, er führt Buch über die Zustände, und er könnte viel darüber erzählen, was da drin richtig läuft und was falsch. Er hätte sehr viele Ideen, wie es besser laufen würde, für die Häftlinge, aber vor allem für die Gesellschaft, die ja mit diesen Häftlingen leben muss, wenn sie das Gefängnis verlassen. Aber der Professor hat ein Problem. Wenn er das, was er denkt, einem Politiker erzählen möchte, der sich bei dem Thema wirklich auskennt, findet er keinen. Im Chor mit der Boulevardpresse brüllen die meisten die üblichen Schlagworte hinaus, "wegsperren", "Härte zeigen", aber ein Politiker, der verstehen will, worum es geht, ein Gesprächspartner auf Augenhöhe – nein, sagt der Professor, "ich kenne keinen einzigen".

Es ist ein Paradox: Für nichts interessiert sich die Öffentlichkeit mehr als für das Verbrechen, für den Verbrecher. Der Angeklagte rückt in den Mittelpunkt, im Gerichtssaal wird jedes biografische Detail durchleuchtet, jede Gefühlsregung registriert. Die Gesellschaft stürzt sich förmlich auf den Täter, sicher auch deshalb, weil die Frage, wie einer so werden konnte und ob das nicht auch irgendwie mit uns allen zu tun hat, bedenkenswert ist. Und dann schließen sich hinter dem Täter die Gefängnistore, und augenblicklich erlischt das Interesse. Der Verurteilte tritt in eine Schattenwelt, aus der so gut wie nichts nach draußen dringt, außer wenn einer zu Tode gefoltert wird. Als hätte die Gesellschaft kollektiv entschieden, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass 99 Prozent der Häftlinge eines Tages wieder in die Freiheit entlassen werden und dass es niemandem egal sein kann, in welcher Verfassung diese Menschen sind, wenn sie wieder Mitglied der Gesellschaft werden.

Etwa 68000 Häftlinge, die meisten davon Männer, sind derzeit in deutschen Gefängnissen eingesperrt. Die Gesamtkosten für den Strafvollzug betragen geschätzte drei bis vier Milliarden Euro pro Jahr. Die meisten Experten sind sich einig, dass weite Teile dieser gewaltigen Summe in einem System versickern, das in sich erstarrt ist und das mehr Probleme erzeugt, als es löst. Man kann es einen Skandal nennen, dass fertige, erprobte Konzepte seit Jahren bereitliegen, die den Strafvollzug mittelfristig weit billiger und effektiver machen könnten, die jedoch zerrieben werden von den Mühlsteinen der föderalen Politik und der Angst der Kleingeister. Man muss es einen Skandal nennen, dass ausgerechnet in den Gefängnissen, also im Zentrum der deutschen Justiz, rechtsfreie Räume entstanden sind und dass diese Tatsache seit Jahrzehnten geduldet wird. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wird und der ZEIT vorliegt, kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 25 Prozent der befragten erwachsenen Häftlinge im Laufe eines Monats Opfer von körperlichen Übergriffen wurden .

Nähern wir uns der Schattenwelt von zwei Seiten, aus der Perspektive zweier Menschen. Einer kennt sie von innen, einer von außen, zwei Strafvollzugs-Experten der besonderen Art. Sie haben die Gemeinsamkeit, dass es das Schicksal am Anfang ihres Lebens nicht gut mit ihnen gemeint hat. Dieter Wurm, heute 55, wurde früh von seiner Mutter ins Heim gegeben, eine Erzieherin vergewaltigte ihn, ein Erzieher zerschmetterte ihm mit dem Hammer vier Fingerkuppen; als er sich wehrte, steckten sie ihn in die Gummizelle und pumpten ihn mit Medikamenten voll. Er war elf Jahre alt.

Bernd Maelicke, heute 71 Jahre alt, ist der andere. Er wuchs in Göttingen beim Großvater auf, der Vater war im Krieg gefallen. Es gab große Probleme in der Schule, das Jugendamt wurde eingeschaltet, der Großvater wusste nicht weiter mit dem wütenden Jungen, die Einweisung in ein Heim stand bevor. Ein Junge auf der Kippe. Doch dann hatte er eine Portion Glück, seine Mutter, die an den Bodensee gezogen war, holte ihn zu sich. Maelicke nennt dies den Wendepunkt seines Lebens. Er sagt: "Seither glaube ich, dass Menschen von anderen Menschen gerettet werden können."

Dieter Wurm hatte weniger Glück. Ihn rettete keine Mama. Er hat mehr Lebenszeit im Gefängnis verbracht als draußen. Auf der Straße hat er Angst. Er sagt: "Ich gelte als Scheiße, so einfach ist das."

Dieter Wurm sieht aus, als habe der Knast ihm die Farbe aus dem Körper gesaugt. Alles an ihm ist grau: der Bart, die zotteligen Haare, sogar die Augen. Wenn er lacht, hört man das, aber man sieht es nicht. Die Miene bleibt ernst. Der wuchtige Mann ist unbewegt. Fällt das Licht von draußen durch die Gitterstäbe auf sein Gesicht, kann man unter dem linken Auge einen blauen Punkt erkennen, die Knastträne. Gefangene, die länger als zehn Jahre sitzen, lassen sie sich oft tätowieren. Die Knastträne ist so etwas wie ein Orden. Auch ein anderes Erkennungszeichen der Schwerverbrecher hat er sich in die Haut gravieren lassen: drei blaue Punkte in der Daumenbeuge. Sie stehen für den Ehrenkodex der Gefangenen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Und dann hat Wurm noch ein Tattoo, das ihm seinen Spitznamen "der Skorpion" eingebracht hat. Der Gladbecker Geiselmörder Hans-Jürgen Rösner hat es ihm im Gefängnis auf den linken Unterarm gestochen. Mit dem Gummi von verbrannten Badelatschen, einem Asche-Shampoo-Gemisch, drei heißen, auf eine Zahnbürste montierten Nadeln und einem Spiegel. Rösner und Wurm kennen sich lange, aus der Auffangstelle für ungeliebte Kinder, dem Jugendheim.

Erst klaut Wurm Autos, sprengt Strommasten, steckt Bagger in Brand und überfällt eine Bank, im Hafturlaub verkauft er einem Mann eine Maschinenpistole, mit der dieser eine Bank ausraubt. Als Wurm 1991 Ausgang bekommt, flüchtet er zunächst nach Frankreich und überfällt dann wieder eine Bank, wieder wandert er ins Gefängnis, nach Berlin-Tegel. Hier entdeckt er das Schreiben für sich . 1999 gewinnt er für eine Kurzgeschichte und ein Gedicht sogar einen Preis, den ihm Martin Walser überreicht. Er macht eine Therapie, holt mit 42 Jahren seinen Realschulabschluss nach. Als er im Januar 2001 entlassen wird, hat er eine Arbeit, die er schon als Freigänger begonnen hat: als Fahrgastbetreuer bei der S-Bahn. Zum ersten Mal sieht es gut aus für Dieter Wurm. Doch im Juni 2001 wird ihm gekündigt, angeblich nachdem ein Polizist ihn bei der Arbeit erkannt und den Kollegen bei der S-Bahn gesteckt hat, mit wem sie da arbeiteten. Mit dem Job verliert Wurm auch die Zuversicht. Der nächste Bankraub läuft aus dem Ruder, Wurm entführt einen Bus, nimmt mehrere Geiseln, wird von der Polizei angeschossen und vom Gericht mit Sicherungsverwahrung weggesperrt. Viermal ist er eingesperrt, dreimal wieder freigelassen worden; gut möglich, dass er diesmal nicht mehr rauskommt. Er sagt: "Ich habe das Knastsystem durch die überlange Haft so verinnerlicht, dass ich mit meinen Unsicherheiten und Ängsten auf die Menschen draußen seltsam wirke, die kommen mit mir nicht klar." Und er kommt auch nicht mit ihnen klar.

Bernd Maelicke, der als Junge gerade noch die Kurve gekriegt hat, sitzt auf der Terrasse eines Restaurants am Bodensee und erklärt, wie wichtig neue Wege im deutschen Strafvollzug sind, Wege, die er selbst gefunden hat. 15 Jahre lang leitete er den Strafvollzug in Schleswig-Holstein, er hat die Bewährungshilfe ausgebaut und dazu beigetragen, dass verstärkt geprüft wird, ob Gefangene vorzeitig entlassen werden können. Heute ist Maelicke eine Koryphäe im Strafvollzug. Er ist Praktiker und Theoretiker zugleich. An der Universität Lüneburg ist er Professor, Landesregierungen berät er bei Resozialisierungsprojekten. Es ist sein biografisches Grundprinzip, das im Mittelpunkt seiner Arbeit steht: Abweichende Lebensläufe, jedenfalls viele von ihnen, können korrigiert werden. Da mag geredet werden, was will: Dieses Prinzip ist keine Sache des Wollens, sondern des Müssens. Es gibt keine Alternative. Bernd Maelicke hat es mit seiner Arbeit bewiesen. Der deutsche Strafvollzug hat ein dramatisches Problem: Er macht Menschen nicht besser, sondern schlechter. Auch Dieter Wurm, der Skorpion, ist so ein Fall.

Die Hälfte aller Strafgefangenen werden nach ihrer Entlassung wieder kriminell. Jeder vierte muss zurück in den Knast. Unzählige Straftäter beschreiben das allererste Eingesperrtsein als Schlüsselerlebnis für eine lebenslange kriminelle Karriere. Der deutsche Strafvollzug – ein funktionierendes System? Aber sicher, sagen die mächtigen Befürworter. Zum Beispiel Bayerns Justizministerin Beate Merk. Sie findet: "Das System Strafvollzug funktioniert." Das Gefängnis mache die Häftlinge zu brauchbaren Menschen, es sei eine gute Chance, sich zu bessern. "Es wäre traurig, wenn ich daran nicht glauben würde – und unsere praktischen Erfahrungen geben mir recht." Die Befürworter bauen ein Gegenbild auf, geradezu eine heile Welt. Der Strafvollzug resozialisiert, er trainiert Teamfähigkeit, strukturiert den Tagesablauf der Gefangenen, er bietet Berufsausbildungen und Anti-Aggressions-Trainings an, er schützt die Bevölkerung vor gefährlichen Kriminellen, Ausbrüche sind selten. Es gebe doch immer weniger Gefangene, heißt es, manche Anstalten sind sogar unterbelegt, fast jeder Justizpolitiker kann auf ein paar neue Therapieplätze verweisen. Und muss man die Zahlen nicht ganz anders lesen? Die Hälfte aller entlassenen Strafgefangenen bleiben straffrei, drei Viertel müssen nicht zurück ins Gefängnis. Hört sich das nicht schon richtig gut an?

"Die wollten halt mal jemanden sterben sehen"

Martina Terlinden sitzt sechs Jahre nach dem Foltermord an ihrem kleinen Bruder Hermann im Innenhof eines Mehrfamilienhauses in Leverkusen, in den unablässig das Rauschen der nahen Autobahn dringt. Am 11. November 2006 kam der 20-jährige Hermann im Gefängnis um.

Seit sechs Tagen leben er und seine 20, 19 und 17 Jahre alten Mitgefangenen zu diesem Zeitpunkt gemeinsam in Zelle 104 der JVA Siegburg, rechts und links an der Wand je ein Doppelstockbett, die Toilette in einem abgetrennten Raum. Fünf Tage lang spielen sie zusammen Karten, verstehen sich gut. "Der Hermann hat uns noch einen Brief geschrieben, in dem stand, dass er sich mit den anderen angefreundet hat", sagt Martina Terlinden heute. Auch am sechsten Tag spielen die drei vormittags noch Karten mit Hermann, dann foltern sie ihn zu Tode. "Die wollten halt mal jemanden sterben sehen, haben sie dem Richter erzählt." Terlinden sagt diesen Satz dreimal, als könne sie ihn dadurch irgendwann begreifen.

Erst prügeln sie mit in Handtücher gewickelten Seifenstücken auf ihn ein, die sie wie Peitschen schwingen, das hat einer von ihnen in Stanley Kubricks Full Metal Jacket gesehen. Dann befehlen sie ihm, einen halben Liter Wasser mit Salz und Chilipulver und eine Tube Zahnpasta zu schlucken. Als er sich übergeben muss, zwingen sie ihn, das Erbrochene zu essen. Sie lassen ihn ihre Spucke vom Toilettendeckel ablecken und ihren Urin aus einem Napf trinken, dann treten sie ihn, bis er wieder erbrechen muss. Anschließend lassen sie sich von ihm oral befriedigen. Einer der Täter findet: "Wer bläst, dem kann man auch in den Arsch ficken", daher rammen sie ihm den abgesplitterten Holzgriff eines Handfegers in den Anus, damit muss er durch die Zelle kriechen und ihn dann auch noch ablutschen. Als er auf ihr Geheiß die Zelle putzt, spielen die drei wieder Karten. In diesem Moment gelingt es Hermann, den Alarmknopf zu drücken, doch der Beamte lässt sich an der Gegensprechanlage von dem Trio abwimmeln. Als vier Stunden später zwei Beamte die Zelle betreten, sieht Hermann sie nur an, schweigt aber auf Anweisung der anderen – die Beamten gehen wieder. Für den Hilferuf wird Hermann bestraft, die Zellengenossen fesseln ihn an ein Doppelstockbett, als wollten sie ihn kreuzigen, immer wieder schlagen und treten sie ihm in den Magen. Dann machen sie eine Pause, es ist 18 Uhr, sie wollen die Sportschau sehen.

Nach dem Spiel Bayer Leverkusen gegen Bayern München schreiben sie eine Liste, auf der sie abwägen, ob es besser sei, ihn zu töten oder ihn am Leben zu lassen. Per Handzeichen beschließen sie einstimmig, Hermann "wegzuhängen". Es ist halt Samstag, und es gibt nichts anderes zu tun. An diesem Wochenendtag sind die gestörten Jugendlichen in ihrer Zelle die meiste Zeit sich selbst überlassen geblieben.

Viermal versuchen die drei Häftlinge, Hermann an verschiedenen Kabeln aufzuhängen, viermal reißt das Kabel. Aus einem zerrissenen Bettlaken knoten die Täter schließlich einen Strick, lassen Hermann noch eine letzte Zigarette rauchen und hängen ihn dann an der Toilettentür auf. Nach etwa 110 Sekunden ist er tot. Am nächsten Morgen rufen die anderen um Hilfe und erzählen den Beamten eine Story vom Suizid. Sie haben gehört, dass man auf vorzeitige Entlassung hoffen darf, wenn man so ein traumatisches Ereignis miterlebt hat.

Vor Gericht, sagt Martina Terlinden, habe ihr einer der Angeklagten bei der Verlesung des Tathergangs ständig dreckig ins Gesicht gelacht. "Diese Bestie gehört für immer weggesperrt." Sie ist zur Hardlinerin geworden. Aber sie empfindet nicht nur Hass für die Mörder ihres Bruders. "Die da oben glauben wirklich, dass außer den dreien keiner schuld ist. Doch so einfach ist das nicht." Die da oben – für Martina Terlinden ist die Anstaltsleitung, ist das nordrhein-estfälische Justizministerium, ist das System Strafvollzug genauso schuldig an dem Tod ihres kleinen Bruders. "Ich begreife nicht, dass die Beamten freigesprochen wurden. Der Apparat hat sich selbst beschützt."

Diese These stützt der Anwalt eines der drei Täter. Die Staatsanwaltschaft habe ihm damals einen Deal angeboten, der neben dem Geständnis seines Mandanten noch etwas vorsah: Er sollte keine Attacken gegen die Missstände in der JVA Siegburg fahren. "Im Gegenzug wurde mir ein milder Strafantrag für meinen Mandanten in Aussicht gestellt", sagt er der ZEIT. Die Staatsanwaltschaft Bonn widerspricht dieser Darstellung. Jedenfalls wurden die Täter nicht zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt – sie bekamen 10, 14 und 15 Jahre.

Siegburg ist zum Symbol geworden für die allgegenwärtige Gewalt und Grausamkeit in deutschen Gefängnissen – und für einen Staat, der versagt, der nicht einmal die Sicherheit der inhaftierten Bürger gewährleisten kann. Dort, wo er am meisten Verantwortung für sie trägt, weil er ihnen alle Freiheitsrechte nimmt, müsste er besonders auf ihr Wohlergehen achten. "Hermann ist ja kein Einzelfall" sagt die Schwester.

Einzelfall. So heißt es immer, wenn Gräueltaten hinter Gefängnismauern geschehen, wenn sich zeigt, dass Häftlinge in deutschen Gefängnissen Folterqualen erleiden müssen, geschlagen, erpresst, gequält und vergewaltigt werden. Es sind Fälle wie jener in der JVA Rheinbach, wo 2009 ein Häftling auf einen anderen mit einem Besenstiel einschlägt und ihm im Nacken seine Zigarette ausdrückt; ein zweiter Täter zwingt den Gepeinigten, ein Handy samt Ladekabel in seinem Darm zu verstecken. 2008 verbrühen zwei Häftlinge ihr Opfer in der JVA Regis-Breitingen mit heißem Wasser, malen ihm Hakenkreuze auf die Haut, schlagen den Mann mit einem Besenstiel und versuchen schließlich, ihn in den Selbstmord zu treiben. Und in der JVA Schwäbisch Hall rasieren zwei Gefangene kurz darauf einem dritten die Haare ab und vergewaltigen ihn mit einem Kugelschreiber, weil er seine Einkäufe nicht hergeben will.

Es gibt unzählige solcher Fälle, einige von ihnen werden bekannt, die allermeisten aber bleiben unentdeckt. Das wissen Gefängnisärzte, Rechtsmediziner, Vollstreckungsrichter. Erstmals zeigt nun die umfangreiche Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, dass der deutsche Strafvollzug ein Gewaltproblem hat. Die Wissenschaftler haben 6400 Häftlinge in 33 Gefängnissen in Bremen, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen anonym befragt. Jeder vierte berichtet, allein in den vergangenen vier Wochen als Opfer oder Zeuge Vorfälle erlebt zu haben, die er als "sehr schlimm" empfunden hat. Die Studienautoren haben unter anderem von körperlichen und sexuellen Übergriffen erfahren, von Schlägen im Sportraum, von Vergewaltigungen in der Gemeinschaftsdusche. Als besonders gefährliche Orte entpuppten sich die Gemeinschaftszellen – dort sind teilweise bis zu acht Gefangene untergebracht – sowie unübersichtliche Flure, Badezimmer und Freistundenhöfe mit dunklen Ecken. Die Forscher haben die Anstaltsleiter über jene Fälle von körperlichen Auseinandersetzungen und sexuellen Übergriffen informiert, zu denen sie genauere Informationen hatten. Von vielen Attacken dürften die Gefängnisdirektoren zum ersten Mal gehört haben – fast die Hälfte der Opfer gibt an, keine Anzeige erstattet zu haben. Ebenso wenig dürften andere Formen der Gewalt nach außen gedrungen sein, von denen jeder zweite Gefangene berichtet: Die Häftlinge werden schikaniert, erpresst, von gemeinsamen Aktivitäten ausgeschlossen, mit Müll oder Exkrementen beworfen oder durch Lügen und Gerüchte verächtlich gemacht.

Die Untersuchung ist die erste aussagekräftige Studie, die das Ausmaß des Gewaltproblems im deutschen Strafvollzug erkennen lässt. Belastbare amtliche Zahlen gibt es nicht – was es so leicht macht, auf bedauerliche "Einzelfälle" zu verweisen. Die Studie hält dem Strafvollzug jetzt den Spiegel vor: Im Herzen der Justiz herrscht das Faustrecht.

Scheinheilig, wer da von Gefängnissen als Orten der Resozialisierung spricht, die eigentlich seit 1977 die gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe der Haft ist. Seit 2006 ist der Strafvollzug Ländersache. Manche Bundesländer haben schon eigene Regelungen erlassen, zehn Bundesländer bereiten nun gemeinsam einen Gesetzentwurf vor. Darin stehen Sätze wie diese: "Der Vollzug wirkt von Beginn an auf die Eingliederung der Gefangenen in das Leben in Freiheit hin", "Schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs ist entgegenzuwirken" und "Die Gefangenen werden in ihren Hafträumen einzeln untergebracht". Statt das Versagen anzuerkennen und den Mut aufzubringen, das System zu reformieren, schreiben sich Politiker ihr Gefängnisproblem schön. Sätze voller Worthülsen wie in dem neuen Länder-Gesetzentwurf stehen seit 35 Jahren im Bundesgesetz, dem zu Tode gefolterten Hermann haben sie nicht geholfen.

Jedes Bundesland hat ein anderes Konzept

So hat man sich lange vorgenommen, jedem Häftling seine eigene Zelle zur Verfügung zu stellen – auch, um Gewalt zu verhindern. Heute ist jedoch noch immer fast ein Drittel aller Gefangenen im geschlossenen Vollzug in Mehrbettzimmern untergebracht, in vielen Fällen gegen den Willen der Häftlinge. Manche Anstalten sind nach wie vor überbelegt, und das, obwohl schon aus demografischen Gründen – es gibt immer weniger junge Männer – die Zahl der Häftlinge abnimmt. Genauso sollte der offene Vollzug laut Gesetz längst die Regel sein – es sollte also viel mehr Gefängnisse ohne Mauern geben, in denen Häftlinge nur nachts untergebracht sind, sodass sie tagsüber außerhalb arbeiten gehen können. Die Realität: 11500 Haftplätze im offenen Vollzug stehen bundesweit 67000 Plätzen im geschlossenen Vollzug gegenüber. Und die Therapie, die der neue Gesetzentwurf den Häftlingen verspricht, sollte auch schon längst Standard sein, ist es aber nicht. Viele Häftlinge erhalten nicht einmal einen Therapieplan, sie werden einfach jahrelang unbehandelt verwahrt.

Am Anfang einer wirklichen Reform müssten die Bundesländer zunächst prüfen, welche ihrer unterschiedlichen Konzepte überhaupt erfolgreich sind. In Bayern sind nur sieben Prozent der Gefangenen im offenen Vollzug untergebracht, Ausgang zu bekommen ist hier fast unmöglich, die Häftlinge müssen Sträflingskleidung tragen, telefonieren dürfen sie nur in besonderen Fällen und unter Aufsicht. In Berlin stehen die Telefone auf dem Flur, Ausgang wird zehnmal so häufig gewährt wie in Bayern. In Berlin betreut ein Sozialarbeiter 33 Gefangene, in Bayern 100. Nordrhein-Westfalen setzt verstärkt auf offenen Vollzug, 28 Prozent der Erwachsenen sind in Gefängnissen ohne Mauern untergebracht, mehr als fast überall sonst.

Die Rückfallquoten sind zwischen den Bundesländern nicht vergleichbar, bundesweite Untersuchungen gibt es kaum. In diesem intransparenten System muss kein Landespolitiker eingestehen, dass sein Ansatz schlechter funktioniert als der eines anderen. Ein Abteilungsleiter gibt zu: "Letztlich wissen wir nicht, was im Strafvollzug funktioniert."

Was nicht funktioniert, lässt sich in Saal 504 des Berliner Amtsgerichts Tiergarten studieren, einem volleyballfeldgroßen Raum mit gelb und blau bemalten Fenstern. An vier Julitagen wird dort ein Fall verhandelt, wie er deutschlandweit nur äußerst selten vor Gericht landet. Dawid I. sitzt regungslos da, der Rücken kerzengerade, sein Blick starr geradeaus. Wegen 14 verschiedener Delikte ist er angeklagt, Erpressung, Nötigung, Diebstahl, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung. Das Besondere an seinem Fall ist, dass Dawid I. all das hinter Gittern begangen haben soll – und dass sich seine Opfer getraut haben, ihn zu melden. Was im Knast passiert, bleibt im Knast, das ist der Code, auf den sich Gefangene seit Jahrzehnten verständigen. Verräter gelten im Knast nur wenig mehr als Sexualstraftäter.

Als die Staatsanwältin die Anklage verliest, kann einem übel werden. Dawid I. soll einen Mithäftling in der JVA Tegel dazu gezwungen haben, einen Cocktail aus Shampoo, verdorbener Milch, Öl und Salzwasser zu trinken, sieben Becher voll, bis das Opfer sich übergeben musste. Ein andermal war er Mittäter, als einem Mann ein Rohr in den After gesteckt wurde. Dawid I. lässt sich zu den Vorwürfen nicht ein, er verzieht keine Miene, als sei er aus Gips. In beiden Fällen, das stellt sich im Laufe des Verfahrens heraus, ging es ihm und seinen Komplizen weniger um die Gewalt an sich – sie waren auf der Suche nach Heroin, das sie im Körper der Misshandelten vermuteten. Drogen sind eine tragende Säule der Gefängnissubkultur, die Sucht ist oft ein Motor der Gewalt. Der Richter verkündet das Urteil, zwei Jahre und neun Monate. Gut möglich, dass Dawid I. nach der angeordneten Entziehungskur wieder in Tegel landet.

Von außen wirkt die JVA Tegel, der größte geschlossene Männervollzug in Deutschland, wie ein Kloster. Wuchtige Bäume verstellen den Blick auf das rot geklinkerte Eingangstor, zwei Kirchtürme ragen aus der Anstaltsmitte hervor. Innerhalb der 1465 Meter langen Mauern ist es überraschend grün, vor der Teilanstalt V plätschert Wasser in einen Teich hinab. Die Eingangstür hat eine kleine Luke, für den Anstaltskater Mikesch. Es gibt einen Aufzug, Gemeinschaftsräume, abschließbare Kühlschrankfächer, die Gefangenen nennen Haus V "Studentenwohnheim". Tagsüber, wenn die einen arbeiten und die anderen eingeschlossen sind, ist es hier ruhig wie in einem Dorf.

Der Leiter des Gefängnisses heißt Ralph Adam, er führt die JVA Tegel seit gut fünf Jahren, ist aber schon seit 1978 hier, länger als die meisten Gefangenen. Adam ist eine Ausnahme unter den deutschen Anstaltsleitern: Erstens ist er einer der wenigen Nichtjuristen, und zweitens gibt er Fehler des Systems zu. Er macht keinen Hehl daraus, dass unter seiner Obhut Dinge geschehen, die er einfach nicht kontrollieren kann. "Hier herrscht eine Riesensubkultur", sagt er. "Eigentlich weiß ich nicht, was in meiner Anstalt passiert."

Der Sozialpädagoge leitet sechs Teilanstalten, die alle nichts mit einem Kloster zu tun haben. Da ist etwa Haus I, 1896 erbaut. Inzwischen ist es geschlossen, doch noch zu Beginn des Jahres saßen hier 22 Häftlinge in 5,25 Quadratmeter großen Zellen ein, die das Berliner Verfassungsgericht 2009 für "menschenunwürdig" erklärt hatte. Es riecht modrig, die Wände sind voller Flecken, Schimmel ist nur grob überstrichen, die Toilette steht einen halben Meter vom Bett entfernt.

Und da sind die Häuser II und III, in denen 680 Häftlinge untergebracht sind. Einen geeigneteren Ort für das, was Experten "Gefängnissubkultur" nennen – Drogenhandel, Handyschmuggel, Mobbing, Gewalt also – kann es kaum geben. Ein Berliner Psychiater nennt die Häuser "einen einzigen Moloch", Dieter Wurm, der Schwerkriminelle und Dauerhäftling, wählt den Begriff "Mülltonnen". In Haus II, erzählen Gefangene, säßen die mit den kurzen Haftstrafen, die sich weder draußen noch drinnen an Regeln hielten, in Haus III jene, die man sowieso abgeschrieben habe. So wie Dieter Wurm.

Dieter Wurm, der Skorpion. Ob er im Leben eine Chance gehabt hätte? Er sagt: "Manchmal kann man glauben, die wollten es nicht anders." Wer sind "die"? Die Erzieher im Heim, die Beamten im Knast, die Bullen. Das Opfer Wurm. Ist es so einfach? In manchen Momenten sieht er es so. In anderen akzeptiert er, dass er durchaus Chancen hatte, seine Therapie, seine Schulausbildung, eine Polstererlehre, die er vor zwei Jahren abgeschlossen hat. Er hat auch die guten Seiten des Strafvollzugs kennengelernt, aber am Ende hat nichts geklappt, am Ende stand immer wieder der Knast. Und je länger er drin war, desto mehr merkte er draußen seine Beschädigungen. Er ertrug menschliche Nähe nicht. Geschlossene Türen machten ihn verrückt. Solche Sachen. Keiner weiß, wie es gelaufen wäre, wenn er schon bei der ersten Haft in die richtigen Hände gekommen wäre. Aber vermutlich war er schon lange zuvor ein hoffnungsloser Fall. Ein zerstörter Junge, von klein auf.

Die Unterbringung hier im Haus III ist nicht viel besser als die in Haus I, auch wenn die Zellen etwas größer sind. Vier Flügel mit je vier Etagen pro Haus, alles offen, ohne Zwischendecken, verbunden durch metallene Treppen und Galerien. In der Mitte thront die Zentrale der Justizvollzugsbeamten. Das Vorbild der Anstalt entwarf der britische Philosoph Jeremy Bentham Anfang des 19. Jahrhunderts, so hatte er sich das perfekte Gefängnis vorgestellt, weil es den mächtigen Kontrollapparat des Staates symbolisierte. Doch der Staat hat die Kontrolle hier längst verloren.

Jeden Tag werden Drogen in die Anstalt geschmuggelt. Sie kommen mit den Versorgungs-Lkw für die Werkstätten und die 1200 Häftlinge. Ohne Drogenhunde, für die das Land Berlin kein Geld hat, ist es unmöglich, alle Laster zu kontrollieren. Die Drogen kommen auch mit der Post, versteckt unter Briefmarken und in den Zwischenwänden von Luftpolstertaschen, Besucher verbergen sie in den Windeln ihrer Babys und in Krücken. Die Drogen kommen über Freigänger, die sie schlucken, im After oder unterm Hodensack verstecken, und über korrupte Bedienstete. In Tegel wurden vor einigen Jahren aus Kostengründen die Turmwachen abgeschafft, seither werden Drogen, Handys und Alkohol über die Mauer geworfen. Hin und wieder entdeckten seine Leute mal etwas, sagt Adam, der Gefängnisdirektor, aber im Grunde ist es ein Kampf gegen Windmühlen, den man nur gewinnen kann, wenn man den gesamten Vollzug inhumaner macht. Sprich: 23 Stunden wegsperren, eine Stunde Hofgang, das Minimum an gesetzlich vorgeschriebener Behandlung. Wer aber so Vollzug betreibt, der hat in den sechziger Jahren aufgehört zu denken, sagt Adam. Und der sorgt erst recht dafür, dass im Knast aus den Gefangenen üblere anstatt bessere Menschen werden.

Etliche Insassen verschulden sich maßlos für ihre Sucht

Die Subkultur ist ein kompliziertes Konstrukt, das mit dem System Strafvollzug untrennbar verwoben ist. Wo Unfreiheit herrscht, wird es immer einen mächtigen Drang nach Freiheit geben. Nach allem, was verboten ist. Dass fast die Hälfte aller Gefangenen Erfahrung mit Drogen hat, macht die Lage nicht einfacher. Wie in jedem funktionierenden System gibt es auch in der Gefängnissubkultur klare Regeln, Codes und Hierarchien. Ganz unten stehen die "Kinderschänder". Angesehen hingegen ist, wer schon lange sitzt oder einen Polizisten erschossen hat oder sich nichts gefallen lässt, wer klug ist und Einfluss hat, um zu besorgen, was Mangelware ist. Im Knast kann man so ziemlich alles bekommen, wenn man das nötige Geld aufbringt. In Tegel kursiert die Geschichte von einem Gefangenen, der sich von einem Beamten einen Hummer reinschmuggeln ließ.

Geld ist knapp im Gefängnis, mehr als 14 Euro pro Tag verdient niemand. Die gängigen Währungen sind daher andere, vor allem Tabak und sogenannte Kaffeebomben, Gläser mit löslichem Kaffee. 200 Gramm davon, das beschreibt Joe Bausch, Anstaltsarzt in der JVA Werl, in seinem Buch Knast, entsprechen 20 Euro oder vier Päckchen Tabak. Wenn ein Junkie ein Gramm Heroin kaufen will, das einen Straßenwert von 25 Euro hat, bezahlt er dafür im Knast 200 Euro – also fast das Zehnfache – oder 40 Päckchen Tabak. Etliche verschulden sich maßlos für ihre Sucht, bieten als Gegenleistung sexuelle Dienste an oder nötigen Freunde und Familie, für ihre Schulden aufzukommen. Wenn sie dann entlassen werden, rutschen sie in kriminelle Strukturen zurück, um ihre Schulden zu bezahlen. Für die Dealer ist der Knast ein schöner Ort: Nirgendwo kann man mehr verdienen.

Entsprechend hart umkämpft sind die Reviere der Dealer. Die meisten Anstalten werden, wie fast alle Experten bestätigen, von Russlanddeutschen kontrolliert, die als gefährlich und kompromisslos gelten. Innerhalb der Subkultur haben sie sich eine Subsubkultur aufgebaut, die wie in den Gulags der Stalin-Zeit funktioniert. Die Mitglieder dieser Subsubkultur nennen sich "Diebe im Gesetz". Ihr Gegner ist der Staat. Sie sprechen ausschließlich Russisch miteinander, sind extrem verschwiegen und weigern sich, mit "dem Apparat" zu kooperieren. Redet doch mal einer mit einem Beamten, wird er nicht selten einige Tage später tot aufgefunden, wie ein Insider aus der Gefängnisverwaltung erzählt – Todesursache: "Selbstmord".

Die bedingungslose Loyalität zu den russischen Mitgefangenen und der Organisation steht über allem, jeder hat sich in die Hackordnung einzugliedern, in der es "Bosse", "Logistiker", "Vollstrecker" und "Opfer" gibt. Die Bosse kontrollieren das Drogengeschäft und den "heiligen Abschtschjak", eine Art Sozialkasse, in die jeder "Dieb im Gesetz" bei Haftantritt eine Schutzgebühr einzahlen muss. Durch den Abschtschjak werden Drogendeals im Knast finanziert und die Paten der kriminellen Vereinigungen draußen alimentiert. Wer die Gebühr hinterfragt, wird von einem Vollstrecker verprügelt. Die Vollstrecker sind es auch, die Schulden bei den anderen Häftlingen eintreiben. Die Logistiker organisieren den Schmuggel, die Opfer übernehmen die riskanten Aufgaben. Wird einer erwischt, ist das System dadurch nicht in Gefahr.

Unter den "Dieben im Gesetz" kursiert eine Landkarte, auf der alle deutschen Gefängnisse eingezeichnet sind. Rot sind jene eingefärbt, in denen sie aufpassen müssen, in den blauen haben sie das Sagen. "Es gibt kaum noch rote", sagt ein Abteilungsleiter aus einem deutschen Justizministerium. "Es ist fast unmöglich, an sie heranzukommen", sagt Anstaltsleiter Adam. Wie will man so jemanden therapieren und dazu "befähigen, ein straffreies Leben in sozialer Verantwortung zu führen", wie es im Bundesgesetz steht?

In Haus II in Tegel gibt es eine Schutzstation, zu der die "Diebe im Gesetz" keinen Zugang haben. Dorthin lassen sich alle verlegen, die hoffnungslos überschuldet sind und Angst vor den Gläubigern unter den "Dieben im Gesetz" haben. Sage keiner, ein Gefängnis ist ein Ort der einfachen Lösungen.

Depression, überall. Auch Resignation? Hans-Ludwig Kröber, der Sachverständige, der Arzt und Professor, der die deutschen Gefängnisse wie kein Zweiter kennt, erinnert sich manchmal an die siebziger und achtziger Jahre, als alles anders war, völlig anders. Damals war Resozialisierung das ganz große Thema, und mehr noch: Linke Theoretiker machten "die Gesellschaft" verantwortlich für Verbrechen einzelner Menschen, manche forderten die völlige Abschaffung der Gefängnisse, es gab kaum einen Sozialforscher, kaum einen Psychologen, der nicht daran glaubte, dass man einen bösen Menschen nur lange genug therapieren muss, damit er nicht mehr böse ist. Schriftsteller wie Martin Walser und Günter Herburger engagierten sich damals noch persönlich für Häftlinge, sie glaubten fest daran, dass in den meisten von ihnen Künstler steckten, die man nur ermutigen müsse, ihr Innerstes zu entdecken. Walser kümmerte sich besonders um den Schwerkriminellen Wolfgang Krämer, nach der Entlassung besorgte er ihm einen Job, und er machte sogar den Trauzeugen bei Krämers Hochzeit. Doch dann tötete Krämer eine Frau und verschwand wieder im Gefängnis. Walser hielt trotz der Katastrophe noch lange Kontakt mit ihm.

"Mir gingen diese Gutmenschen damals schrecklich auf die Nerven", sagt Kröber, "ich war im Dauerstreit mit diesen Leuten. Schrecklich, diese Vorstellung, alle müssten nur richtig therapiert werden." Kröber ist eine mächtige Erscheinung. Seine Autorität in den Gerichtssälen ist groß, er gilt als wenig zimperlicher Gutachter. "Aber heute muss ich sagen, ich vermisse diese Zeiten, ich vermisse diese Leute. Waren intelligente Debatten, die wir damals geführt haben." Kröber sagt es nicht, doch man könnte es so formulieren: Früher waren die Träumer unterwegs, die Idealisten, heute wird die Mainstream-Meinung bestimmt von den Gewissenlosen, Konzeptlosen, die sich treiben lassen von der Hysterie der öffentlichen Meinung. Die Populisten haben das Sagen, die das Gefängnis als Ort der Rache verstehen.

Die Sache ist im Grunde einfach, sagt Kröber: Menschen, die in sozialen Beziehungen verankert sind, begehen deutlich weniger Straftaten als Menschen, die sozial entwurzelt sind. Also müsse man im Gefängnis genau diese soziale Fähigkeit zu schulen versuchen, und dabei sei beispielsweise der offene Vollzug ein wirksames Instrument, "damit die Menschen in Freiheit dann weniger Straftaten begehen. Und darum geht es."

Dem heutigen Zeitgeist zufolge aber ist Härte angesagt gegen die Kriminellen. Was ein solcher Zeitgeist alles anrichten kann, lässt sich in Hamburg studieren. 2001 war Ronald Schill Innensenator geworden, der von den Boulevardzeitungen gefeierte "Richter Gnadenlos"; an seine Seite rückte der Justizsenator Roger Kusch, der sich als Sheriff und Aufräumer empfahl. Sie erklärten im Namen des gesunden Menschenverstandes, angeführt vom Bürgermeister Ole von Beust, dem liberalen Strafvollzug den Krieg. Kusch schloss in den folgenden Jahren die Sozialtherapeutischen Anstalten Bergedorf und Altengamme. Gleichzeitig wurde der geschlossene Strafvollzug für Zigmillionen Euro aufgerüstet. Für viele weitere Millionen Euro errichtete man das gigantische Hochsicherheitsgefängnis Billwerder, das damals schon keiner brauchte und das heute zu weiten Teilen leer steht.

Horst Becker, ein freundlicher Mann mit Schnurrbart, erinnert sich noch gut an die Zeiten von Schill und Kusch. Es war, als wären Hooligans über die Stadt hergefallen. Becker ist Vorsitzender Richter am Landgericht Hamburg und spezialisiert auf die Entlassungsprüfung von Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten. Er sagt, es sei damals oft zu der grotesken Situation gekommen, dass die Vollzugsverwaltung rechtskräftige Entscheidungen der Gerichte einfach nicht umgesetzt habe. "Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollen, denn das Gesetz geht von einer rechtstreuen Verwaltung aus, es kennt keine Zwangsmittel." Die Hamburger Richter liefen Sturm gegen Schill und Kusch, aber man hörte sie nicht, der Lärm der Populisten war lauter.

Der Knast für sich genommen könne gar nicht resozialisieren

Heute sind Schill und Kusch verschwunden und zu grotesken Witzfiguren in Hamburgs Erinnerung geworden. Doch die Freude von Horst Becker hält sich in Grenzen, angesichts der angerichteten Schäden. "Der vernünftige Hamburger Strafvollzug ist vernichtet worden, auf viele, viele Jahre hinaus." Die Strukturen, die es mal gab, müssten mühevoll wiederhergestellt werden.

Bernd Maelicke, der Professor mit der schwierigen Kindheit, war einmal ein Träumer. Er ließ sich mitreißen von der Behandlungseuphorie der siebziger Jahre. Heute ist er enttäuscht, weil der Staat die Hoffnungen der siebziger Jahre zwar großteils zum Gesetz gemacht, sie aber dann nicht realisiert hat. Der Staat steckt Menschen wie Wurm in ein Massengefängnis, stellt zu wenige Sozialarbeiter ein und macht so eine ernsthafte Therapie unmöglich. Maelicke geht es heute nicht mehr darum, Gefängnisse abzuschaffen. Er will sie verbessern. Er erkennt ihre Bedeutung für die öffentliche Sicherheit an, und er weiß, dass die Opfer und die Gesellschaft fordern, Täter zu bestrafen. Doch er sagt auch, dass weniger als die Hälfte aller Gefangenen gefährlich sind – der Rest wäre im offenen Vollzug und in ambulanter Betreuung besser aufgehoben als in der Subkultur der Gefängnisse, in der Schule des Verbrechens.

Maelicke sagt, es sei zu kurz gegriffen, an die therapeutische Kraft der Gefängnisse allein zu glauben. Der Knast für sich genommen könne gar nicht resozialisieren: "Er kann bloß einen Beitrag dazu leisten, die Menschen zu einem Leben in Freiheit zu befähigen. Aber der Ernstfall für die Resozialisierung ist die Zeit nach der Entlassung", wenn der Häftling wieder in Freiheit zurechtkommen muss – oft in genau dem sozialen Umfeld, das ihn zum Kriminellen gemacht hat. Dann überlässt der Staat die Menschen weitgehend sich selbst. Es fehlt an Helfern, die den Gefangenen bereits während der Haft kennengelernt haben und ihn unterstützen, wenn er seine Strafe verbüßt hat – Bewährungshelfer, Jugendgerichtshelfer, Anlaufstellen für Sexualstraftäter, Führungsaufsicht, Agenturen für Arbeit, freie Straffälligenhelfer, Schuldner- und Suchtberater. Zwei Drittel aller Entlassenen werden nicht weiter durch die ambulanten Dienste der Justiz oder anderer Träger betreut. "Der Strafvollzug erledigt, wenn überhaupt, nur die Hälfte der Resozialisierung", sagt Maelicke, "das ist, als würde ein Krankenhaus seine Patienten nach der Operation mit blutenden Wunden entlassen."

Maelicke will so vieles, und er ist sicher, dass seine Ideen funktionieren würden, er hat sie in Schleswig-Holstein ausprobiert. Er will kleine Gefängnisse, um den Massenvollzug mit seiner schädlichen Subkultur zu zerschlagen. Er will die Gefangenen intensiv auf die Entlassung vorbereiten und sie danach begleiten und kontrollieren. "Solange die Justiz das nicht macht, muss sie sich vorwerfen lassen, nicht alles zu tun, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten." Die Sonne scheint auf der Terrasse am Bodensee, aber diese Idylle entspricht nicht Maelickes Stimmung. Ist er enttäuscht? Resigniert? Alles zusammen. Und wütend ist er auch, wahnsinnig wütend, dass viel zu wenig passiert im deutschen Strafvollzug.