Heute sind Schill und Kusch verschwunden und zu grotesken Witzfiguren in Hamburgs Erinnerung geworden. Doch die Freude von Horst Becker hält sich in Grenzen, angesichts der angerichteten Schäden. "Der vernünftige Hamburger Strafvollzug ist vernichtet worden, auf viele, viele Jahre hinaus." Die Strukturen, die es mal gab, müssten mühevoll wiederhergestellt werden.

Bernd Maelicke, der Professor mit der schwierigen Kindheit, war einmal ein Träumer. Er ließ sich mitreißen von der Behandlungseuphorie der siebziger Jahre. Heute ist er enttäuscht, weil der Staat die Hoffnungen der siebziger Jahre zwar großteils zum Gesetz gemacht, sie aber dann nicht realisiert hat. Der Staat steckt Menschen wie Wurm in ein Massengefängnis, stellt zu wenige Sozialarbeiter ein und macht so eine ernsthafte Therapie unmöglich. Maelicke geht es heute nicht mehr darum, Gefängnisse abzuschaffen. Er will sie verbessern. Er erkennt ihre Bedeutung für die öffentliche Sicherheit an, und er weiß, dass die Opfer und die Gesellschaft fordern, Täter zu bestrafen. Doch er sagt auch, dass weniger als die Hälfte aller Gefangenen gefährlich sind – der Rest wäre im offenen Vollzug und in ambulanter Betreuung besser aufgehoben als in der Subkultur der Gefängnisse, in der Schule des Verbrechens.

Maelicke sagt, es sei zu kurz gegriffen, an die therapeutische Kraft der Gefängnisse allein zu glauben. Der Knast für sich genommen könne gar nicht resozialisieren: "Er kann bloß einen Beitrag dazu leisten, die Menschen zu einem Leben in Freiheit zu befähigen. Aber der Ernstfall für die Resozialisierung ist die Zeit nach der Entlassung", wenn der Häftling wieder in Freiheit zurechtkommen muss – oft in genau dem sozialen Umfeld, das ihn zum Kriminellen gemacht hat. Dann überlässt der Staat die Menschen weitgehend sich selbst. Es fehlt an Helfern, die den Gefangenen bereits während der Haft kennengelernt haben und ihn unterstützen, wenn er seine Strafe verbüßt hat – Bewährungshelfer, Jugendgerichtshelfer, Anlaufstellen für Sexualstraftäter, Führungsaufsicht, Agenturen für Arbeit, freie Straffälligenhelfer, Schuldner- und Suchtberater. Zwei Drittel aller Entlassenen werden nicht weiter durch die ambulanten Dienste der Justiz oder anderer Träger betreut. "Der Strafvollzug erledigt, wenn überhaupt, nur die Hälfte der Resozialisierung", sagt Maelicke, "das ist, als würde ein Krankenhaus seine Patienten nach der Operation mit blutenden Wunden entlassen."

Maelicke will so vieles, und er ist sicher, dass seine Ideen funktionieren würden, er hat sie in Schleswig-Holstein ausprobiert. Er will kleine Gefängnisse, um den Massenvollzug mit seiner schädlichen Subkultur zu zerschlagen. Er will die Gefangenen intensiv auf die Entlassung vorbereiten und sie danach begleiten und kontrollieren. "Solange die Justiz das nicht macht, muss sie sich vorwerfen lassen, nicht alles zu tun, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten." Die Sonne scheint auf der Terrasse am Bodensee, aber diese Idylle entspricht nicht Maelickes Stimmung. Ist er enttäuscht? Resigniert? Alles zusammen. Und wütend ist er auch, wahnsinnig wütend, dass viel zu wenig passiert im deutschen Strafvollzug.