DeutschlandDie Welt ist eine Kugel

Dario Fontanella hat den italienischen Sommer nach Mannheim gebracht. Zu Besuch bei einem der besten Eismacher Deutschlands von 

Dunkle Wolken ziehen sich zusammen, heute ist Malaga-Wetter. Nein, nicht Málaga, die Stadt; wir befinden uns in Mannheim. Gemeint ist, was den meisten Deutschen aber ohnehin als Erstes einfällt: Malaga, die Eiscreme mit den Rosinen und dem Likör. Das ist nur logisch. Eis kauft man sich schon als Kind, auf Reisen geht man später. Der staunende Blick in die Kühltheke eines Eiscafés gibt eine erste Ahnung davon, was die Welt so zu bieten hat. Und noch im vorgerückten Alter kann es einem passieren, dass man in Rom seine erste Stracciatella löffelt und denkt: Gute Suppe, aber wo sind die Schokoladenstücke?

Eis bewegt Menschen, auf viele Arten. Dario Fontanella weiß da Bescheid. Er sitzt in seinem Eiscafé in der Mannheimer Fußgängerzone unter einem Sonnenschirm. Sein Espresso steht noch auf dem Nebentisch, von dem er weiterrücken musste, als die ersten Tropfen fielen. Regenwetter ist Gift für sein Geschäft; die allermeisten haben dann keine Lust mehr auf etwas Kaltes. Auch bei den Kunden, die trotzdem kommen, ändert sich die Laune. »Bei Sonne wollen sie den Süden schmecken. Zitronen- oder Mangoeis gehen dann am besten.« An einem Tag wie heute kaufen sie lieber das »deutschere« Milcheis mit fettreichen Zutaten und gern auch mit Schuss. »Rum-Schoko zum Beispiel wird gern genommen – oder Malaga.«

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Kaum einer kennt den Mannheimer Sommer besser als Dario Fontanella. Den italienischen hat er mit seinen sechzig Jahren noch nie erlebt. Eismacherschicksal oder auf Soziologisch: Pendelmigration. Millionen Deutsche fahren Jahr für Jahr, sobald es warm wird, nach Süden. Ein paar Tausend Italiener kommen ihnen derweil gewissermaßen entgegen. Es sind die gelatieri aus dem Cadore- und dem Zoldotal in den Dolomiten, die einen großen Teil der italienischen Eisdielen in Deutschland betreiben. Für Generationen von Mannheimern waren die Fontanellas ihr Stück Italien.

Warum Mannheim? »Mein Vater mochte das milde Klima, die Weinberge im Umland. Außerdem hatte man ihm erzählt, hier lebten die schönsten Frauen.« Eine hat er dann geheiratet: Darios Mutter. Der Sohn gab das Pendeln nach Italien schon nach der Schulzeit auf. »Ich fühle mich sauwohl hier«, sagt er heute. Der Himmel über dem Café hat mittlerweile die Farbe von Lakritzeis. Regen prasselt auf die Tischtücher. Ein Sonnenschirm wird umgeweht und kippt krachend zu Boden. Zeit, hineinzugehen.

Das größte von Fontanellas vier Cafés liegt in den Engen Planken – Haus 5 im Quadrat O4 für jeden, der die Geometrie der Mannheimer Stadtplanung versteht. Es ist mit viel Liebe eingerichtet, etwas zu viel Liebe sogar: alte Bilder, frische Blumen, Sammlungen von Spielzeugautos und Kaffeemaschinen. An den Wänden Urkunden und matissige Muster. Aufgeräumt wirkt nur die Eistheke mit über dreißig Sorten, schnörkellos präsentiert. Es sind ein paar Verrücktheiten dabei: Rhabarber-Campari oder Himbeer-Joghurt-Acerola-Ingwer. Eine überforderte Kundin fragt: »Haben Sie auch einfach nur Himbeer?«

Wenige Häuser entfernt von hier ließ sich Mario Fontanella aus Conegliano seinerzeit nieder. Man erschrickt, wenn man die Jahreszahl hört: 1933. Aber Italien war ja Verbündeter des »Dritten Reichs«. Und so konnte er bis zu Mussolinis Sturz 1943 sein Eis verkaufen, nur wenige Male schikaniert von der Hitlerjugend. Schon 1946 war er wieder da und eröffnete zwischen zerbombten Ruinen sein Café Fontanella neu.

Eisdielen waren im Nachkriegsdeutschland Schulen der Ausgehkultur: nicht so steif wie eine Konditorei, nicht so anrüchig wie ein Wirtshaus. Man löffelte Milch, Sahne, Obst und fühlte sich trotzdem cool. Das erste Mal wie die Großen am Tisch sitzen, statt mit den Kindern Schlange zu stehen für ein Hörnchen auf die Hand. Das erste Mal seiner Flamme einen Amarena-Becher spendieren. Mit solchen Eis-Erlebnissen wurden viele Deutsche erwachsen. Auch das müßige Sitzen im Freien machten erst die Italiener populär. Fontanella nennt das die »Mediterranisierung der Deutschen«: »Früher fühlte man sich schuldig, wenn man am hellen Tag auf der Straße seinen Kaffee genoss. Heute hat selbst der Bäcker Stühle draußen.«

Die Reisewelle nach Süden gab der Branche gewaltigen Auftrieb. Eis, meint Dario Fontanella, ist gefrorene Nostalgie: »Man denkt an Kindheit, Familie, Urlaub. Darum ist es so schlimm, wenn ein Eis nicht schmeckt: Das zerstört die schöne Erinnerung.« Es ist ihm sehr ernst damit, den Mannheimern das zu ersparen. Übrigens sieht er anders aus, als man sich italienische Gastronomen vorstellt. Graues Kurzhaar, blaue Augen, sportliche Erscheinung – deutscher Kommissar würde man tippen. Seine Hemdsärmel sind nicht hochgekrempelt, sondern wie mit dem Lineal gefaltet. Die Krawatte steckt in der Knopfleiste, damit sie nicht ins Eis baumelt, wenn der Chef mal mit anfasst.

Leserkommentare
  1. Sie haben sehr positiv zur Kultur Deutschlands beigetragen und sich dabei nie in den Vordergrund gedrängt oder sind sonstwie unangenehm aufgefallen.

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    • europeo
    • 02. September 2012 11:04 Uhr

    sind die anderen etwa hingegen unangenehm aufgefallen und haben als gastarbeiter nicht zum wohlstand deutschlands beigetragen?

    TITEL: warum spaghetti eis? das gabs mal in den 90ern, oder ist spaghetti als umschriebung für italiener zu verstehen? naja, von der ZEIT eerwarte ich mir bessere titel

    • europeo
    • 02. September 2012 11:04 Uhr

    sind die anderen etwa hingegen unangenehm aufgefallen und haben als gastarbeiter nicht zum wohlstand deutschlands beigetragen?

    TITEL: warum spaghetti eis? das gabs mal in den 90ern, oder ist spaghetti als umschriebung für italiener zu verstehen? naja, von der ZEIT eerwarte ich mir bessere titel

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    Vielleicht helfen Ihnen ja diese beiden Links bei Ihren Fragen weiter.

    "Eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung weist diejenigen Migranten in Deutschland, die oder deren Vorfahren aus der Türkei zugewandert sind, als die mit Abstand am schlechtesten integrierte Zuwanderergruppe aus.", Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Türkeistämmige_in_Deutschland#Allgemeines

    "Die Kunst des Missverstehens ...Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet: Warum vor fünfzig Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter kamen und sie keine Opfer waren.", Quelle: http://www.faz.net/aktuel...

    Bedauerlicherweise kommt mir bei Zuwanderern sonst niemand ins Gedächtnis, der aus der Masse immer wieder herausbricht. Vorsorglich: Ich bin für kulturelle Vielfalt.

    Zu "Spaghettieis und bessere Titel" möchte ich noch ergänzen, dass Sie auf Zeit-Online auch Ihre eigenen Artikel verfassen können. - Noch einen schönen Sonntag.

  2. deshalb, weil Dario Fontanella der "Erfinder" dieses Eisbechers ist.
    Ich kann übrigens den Besuch in einem seinen Eiscafes nur empfehlen, wer einmal seine Eissorten geschmeckt hat, wird so schnell kein Billigeis mehr essen mögen.
    Etwas hätte ich noch hinzuzufügen: Mannheim ist eine der wenigen Städte, in der 160 Nationen harmonisch nebeneinander leben, jeder lässt jeden leben.
    Weltoffenheit und Toleranz sind dort keine Fremdwörter.
    Von daher hat der Vater von Dario F. damals die richtige Wahl getroffen.

  3. Gibt es überhaupt noch Eis ohne Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker?

  4. Vielleicht helfen Ihnen ja diese beiden Links bei Ihren Fragen weiter.

    "Eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung weist diejenigen Migranten in Deutschland, die oder deren Vorfahren aus der Türkei zugewandert sind, als die mit Abstand am schlechtesten integrierte Zuwanderergruppe aus.", Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Türkeistämmige_in_Deutschland#Allgemeines

    "Die Kunst des Missverstehens ...Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet: Warum vor fünfzig Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter kamen und sie keine Opfer waren.", Quelle: http://www.faz.net/aktuel...

    Bedauerlicherweise kommt mir bei Zuwanderern sonst niemand ins Gedächtnis, der aus der Masse immer wieder herausbricht. Vorsorglich: Ich bin für kulturelle Vielfalt.

    Zu "Spaghettieis und bessere Titel" möchte ich noch ergänzen, dass Sie auf Zeit-Online auch Ihre eigenen Artikel verfassen können. - Noch einen schönen Sonntag.

    Antwort auf "aufgefallen? "
  5. "Die Deutschen essen wahrscheinlich mehr handwerklich gemachtes Eis als die Italiener. Und vielleicht ja sogar besseres."

    So was nennt man irreführende Werbung!

    • Sirux
    • 03. September 2012 12:27 Uhr

    War schon mehrmals bei Fontanella und muss sagen, dass es natürlich teurer ist als "normale" Eisdielen, aber es ist auch gerechtfertigt. Für den Euro pro Kugel kriegt man auf jeden Fall auch den Mehrwert an Geschmack im Vergleich zu billigeren Eisdielen.

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  • Schlagworte Süßwaren | Sommer | Mannheim | Italien | Reise | Tourismus
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