Rigoroser als dieses Buch kann die Absage an eine Literatur, die dem Leser Geschenke macht, nicht ausfallen. Er hat es nicht anders verdient, würde Elfriede Jelinek (geboren 1946) sagen. Mehr als ein Tableau der Todesarten ist nicht drin. Nicht mal ein anständig erzählendes Buch, schon gar nicht Rücksicht, worauf? Erbarmen, mit wem denn auch? Jelineks Endzeitporträt, Die Kinder der Toten, rechtzeitig zum fünfzigjährigen Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht, windet sich lärmend um die europaweite Wunde herum, die nicht ausheilen will und die hier die Bezeichnung »ein Ort in Polen« trägt.

Um Trauerarbeit geht es, wie sie pompöser, absurder, auch spleeniger nicht sein könnte. Eine auf Angemessenheit zielende Form des Gedenkens nimmt sich gegenüber diesem Buch wie ein Kindergeburtstag aus. Auch mit der Vorstellung, als Überlebender davongekommen zu sein, ist hier Schluss. Wir sitzen alle in einem Boot, es hat sich nur nicht herumgesprochen. In einer oberösterreichischen Pension hat sich eine gruselige Nachwelt eingefunden. Einige der Gäste haben, wie man erfährt, ihren Tod schon hinter sich, andere stehen kurz davor oder pendeln in »halbfertiger« Gestalt zwischen verschiedenartig abgestuften Körperzuständen hin und her. »Die Särge sind alle seit damals belegt«, und immer kommen noch andere Kandidaten hinzu, Sportartikelverkäufer, Pensionisten, Radiohörer. Als »weltlos« wird ihr Blick beschrieben, bevor sie in Ablagekörben entsorgt werden oder ihnen als Saalkandidaten im TV-Studio vom Glücksrad der Kopf abgesäbelt wird.

Elfriede Jelinek bietet einen Vorrat an Stilmitteln auf, die dem Ausdruck des Schreckens gleich auch dessen Parodie zur Seite stellen. Grobe Überrumpelungsrhetorik à la Grand-Guignol steht neben dem Sound leichenhäckselnder Splatterfilme und einer Reihe von idiomatischen Wegwerferzeugnissen. Eine tiefenlose Jetztzeit ist angebrochen. Im Zentrum der Turbulenz die Umrisse eines kollektiven Albtraums: dass die Gemordeten ihre Stimme erheben und die Nachwelt auffordern, ihnen ihr Leben zurückzugeben. Das Bild taucht 1964 in den Traumprotokollen Theodor W. Adornos auf: »Ich befand mich in frühester Morgenstimmung, unter einer großen Menschenmenge, auf einer Art Rampe. Traum von Toten, in dem man das Gefühl hat, daß sie einen um Hilfe bitten.« So traumverhangen, so maßvoll treten Jelineks Tote nicht auf den Plan, sie haben, dreißig Jahre später, so einiges mitgemacht: den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim; die späte Entscheidung des Landes, die Opferdoktrin fallen zu lassen; die Erfolgskarriere Jörg Haiders. Ihr bitterer Zorn kennt keine Grenzen mehr. Auch die Opfer sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Es sind Ungeheuer unter Ungeheuern, die dem Roman sein exzessives Ausscheren aus dem »literarischen« Milieu der Literatur diktieren.