Hermann Reichart hat die Hemdsärmel hochgekrempelt und strahlt übers ganze Gesicht. Mit dem kräftigen hellblonden Landwirt und seinem Hof, der malerisch zwischen saftigen Weiden liegt, könnte man einen Werbespot für die Energiewende drehen: Auf den Gebäudedächern des Milchviehbetriebs glitzern Solarmodule, vor dem Haus parkt ein Elektroauto, hinten am Hang rotieren sieben Windräder. Reicharts Hof steht etwas außerhalb des Dorfes Wildpoldsried im Allgäu, das sich selbst als »Energiedorf« bezeichnet. 1999 befürworteten 92 Prozent seiner Bürger den Bau des ersten Windparks. Er liefert jährlich fast doppelt so viel Strom, wie das 2.500-Seelen-Dorf verbraucht. Dazu kamen Biogasanlagen, ein Nahwärmenetz, Energiesparmaßnahmen und viele Photovoltaikmodule, gemeinsam günstig eingekauft. »Die Leute haben sich ein bissle anstecken lassen«, sagt Reichart und lacht.

Michael Fiedeldey würde man eher nicht für den Werbespot casten. Der nüchterne Norddeutsche ist Technikchef bei den Allgäuer Überlandwerken (AÜW). Er muss dafür sorgen, dass all die Solar-, Wind- und Biogasanlagen ihren Strom ins Netz einspeisen können. Die Aufgabe gräbt ihm kleine Sorgenfalten ins jugendliche Gesicht. Denn bei Sonnenschein und Wind übertrifft die Ökostromerzeugung immer öfter den Bedarf der gesamten Region. 2011 war das an 21 Tagen der Fall, in diesem Jahr wird es mehr als doppelt so oft passieren. »Im Allgäu ist 2020 schon heute«, sagt Fiedeldey.

2020, das ist der Plan der Bundesregierung, soll unser Strom zu einem Drittel aus erneuerbaren Quellen kommen, 2030 bereits zur Hälfte und 2050 fast vollständig. Für die Stromnetze ist das eine Herausforderung. Bisher wird der Strom vor allem in Großkraftwerken erzeugt, die ans Hochspannungsnetz angeschlossen sind. In Zukunft speisen Hunderttausende Windräder und Solarmodule einen Großteil der Energie ins Mittel- oder Niedrigspannungsnetz ein. Doch das ist bisher gar nicht darauf ausgelegt, Überschüsse an die höheren Spannungsebenen abzugeben.

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Man könnte die vielen neuen Quellen integrieren durch Aufrüsten der bestehenden zentralen Struktur. Viele neue Umspannstationen mit Transformatoren für den besseren Austausch zwischen den Spannungsebenen wären dafür nötig, zudem viele neue Hochspannungsleitungen, Speicher- und Großkraftwerke. Man könnte aber auch versuchen, die alte zentrale in eine dezentralere Struktur zu verwandeln, in der ein Großteil des Ökostroms genau dort verwendet wird, wo er entsteht. Dafür müsste man im Niedrigspannungsnetz Erzeugung und Verbrauch möglichst gut miteinander in Einklang bringen. Eine intelligente Steuerung könnte das lösen, ein schlaues Netz, genannt »Smart Grid«.

Ob die künftige Netzstruktur möglichst zentral oder dezentral ausgebaut werden soll, darüber gibt es heftigen Streit. Für eine Verstärkung des alten zentralen Aufbaus machen sich die vier großen Energieversorger stark, zusammen mit den überregionalen Netzbetreibern und Industrielobbyverbänden. Die Ökolobby hingegen setzt auf dezentrale Versorgung und Smart Grids. Treffen die Kontrahenten aufeinander, etwa beim nächsten Energiegipfel am 28. August, wird hart um ein Riesengeschäft gekämpft: Mehr als 300 Milliarden Euro sollen bis 2030 in die Energiewende fließen. Wie realistisch ist die Vision von Energiegenossenschaften, Umweltverbänden und Ökostromfreunden?

In Wildpoldsried wird das erprobt, im Forschungsprojekt IRENE (Integration regenerativer Energien und Elektromobilität). Das kleine Dorf der Erneuerbaren ist zu einer Modelllandschaft geworden für Ökostrom und seine Verteilung.

Bevor die schlaue Steuerung beginnen kann, muss geklärt werden, was in einem Ortsnetz eigentlich genau passiert. Bisher wissen Stromversorger darüber fast nichts, schließlich werden die Zähler in Haushalten nur einmal im Jahr abgelesen. Zuerst wurden also 200 kleine schwarze Kästen über Wildpoldsried verteilt. Permanent funken diese »Smart Meter« Erzeugungs- und Verbrauchsdaten an die Zentrale der AÜW in Kempten.

Wenn Wind und Sonne absehbar mehr Strom liefern, als die Wildpoldsrieder brauchen, kommen 32 Elektroautos zum Einsatz. Ihre Batterien werden dann nachgeladen und entlasten so das Netz. Der neu installierte Ortsnetztrafo senkt die überhöhte Spannung zusätzlich ab. Er ist nämlich regelbar – das gibt es normalerweise nur im Hochspannungsnetz. Im Herbst wird zusätzlich noch ein Lithium-Ionen-Speicher aufgebaut. Er soll überschüssigen Solarstrom aufbewahren für die verbrauchsintensiven Abendstunden.

Auch Wettereffekte werden berücksichtigt. So liefert viel Sonne nicht immer viel Solarstrom. Brennt sie im Sommer lange auf die Module, dann werden die sehr heiß, und ihr Wirkungsgrad sinkt. »Deshalb kann an einem Sommertag der Ertrag um über 20 Prozent niedriger liegen als bei gleicher Sonneneinstrahlung im Winter«, sagt Robert Köberle. Der Ingenieur ist für die Feinjustierung und Wartung all der Technik zuständig. Beim neuen Ortsnetztrafo hat er eine Wetterstation eingebaut.