Osama bin Laden war sich der Macht von Medien stets bewusst. Ein Radiosender sei wichtiger als eine Atombombe, befand die Al-Kaida-Führung schon 1994. Doch was ist eine Frequenz fürs Radio gegen die unendlichen Möglichkeiten des Internets! Kein Wunder, dass heutige Dschihadisten das WWW als Geschenk sehen und dort etabliert sind. Rekrutierungsversuche, Spionage, Bombenbau-Tipps: Elf Jahre nach 9/11 ist all das online an jedem Tag zu finden.

Längst liegt so etwas nicht mehr nur auf obskuren Servern in fernen Ländern, sondern die Radikalen machen personalisierte Propaganda auch auf den Seiten von Facebook und Googles Videoplattform YouTube, die sich gern als familienfreundlich verkaufen. Ein willkürlich gewählter Tag, der 9. August 2012: In einem Video aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet ruft der Bonner Dschihadist Yassin C. dazu auf, Mitglieder des islamophoben Vereins pro NRW zu töten. Außerdem droht Osama bin Laden 15 Monate nach seinem Tod dem ganzen Kontinent Europa »Vergeltung« an. Und wenige Klicks weiter hetzen tschetschenische Terroristen, somalische Dschihadisten und saudische Hassprediger. Extremisten in Endlosschleife: Diese Videos stammen ursprünglich von Websites, die Terrorgruppen nahestehen, YouTube ist nur eine Zweitverwertung. Aber dort finden sie ein neues Publikum, einen erweiterten Resonanzraum: Der New Yorker Jose Pimentel etwa wurde im November 2011 verhaftet, weil er mutmaßlich eine Bombe bauen wollte. Er betrieb einen eigenen YouTube-Kanal, vollgestopft mit über 600 Dschihadisten-Videos – mehr als 1500 User hatten das abonniert.

In den YouTube-»Spielregeln« steht: »Wir unterstützen die Redefreiheit, auch bei unpopulären Standpunkten. Wir gestatten jedoch keine Hassreden.« Immer wieder löscht YouTube extremistische Filme. Aber jede Minute laden Nutzer 72 Stunden neue Bewegtbilder hoch. »Man kann nicht verhindern, dass einzelne User so etwas einstellen«, sagt eine Sprecherin des Konzerns. Also setzt das Unternehmen auf Community: Melde ein Nutzer ein Video als unangemessen, prüfe ein Team in Dublin die Vorwürfe. Dabei gelte jeweiliges Landesrecht: »In den USA ist mehr erlaubt als in Deutschland.« Zudem müsse ein echter Regelverstoß vorliegen, etwa ein Gewaltaufruf. Spricht Bin Laden über Religion, gibt es keine Handhabe. Automatisch lasse sich das Material nicht filtern, sagt die Sprecherin. Das ist bei Pornografie anders, entgegnen Insider, dafür existiere Erkennungssoftware. Hat es nur technische Gründe, dass so viel Terrorpropaganda durchrutscht? J. M. Berger, Autor des Buches Jihad Joe , findet: »Google muss mehr tun, um seinen Laden in Ordnung zu bringen, auch um Vorbild für andere Provider zu sein.«

Derselbe Tag auf Facebook: Ein paar einschlägige arabische Stichwörter genügen, und ganze Netzwerke radikaler Islamisten offenbaren sich. 487 Usern gefällt die Gruppe »Unterstützer der Dschihad-Kämpfer«, wo sie Terror-Bekennerschreiben aus dem Irak und blutverschmierte israelische Flaggen bejubeln. Ein weibliches Mitglied aus Belgien gibt in ihrem Profil als Arbeitgeber »Al-Qaida« an. Das stimmt vermutlich nicht, aber sie ist mit Dutzenden offenbar gewaltbegeisterten Islamistinnen »befreundet«.

Facebook verbietet Gewaltandrohungen sowie Gewaltdarstellungen zum „sadistischen Vergnügen“ und verweist auf eigene Prüfer und das „Meldungssystem“ seiner 800 Millionen Nutzer. Aber wie YouTube scheint auch Facebook hinterzuhinken, wenn es um extremistische Inhalte geht, unterbindet dagegen Pornografie effektiv.

Bleibt die Frage, ob das schlimm ist. Schließlich ist nicht jeder ein Terrorist, der sich an der dschihadistischen Subkultur berauscht. Außerdem sind YouTube und Facebook weder Nachrichtendienst noch Polizei. Und wildes Draufloslöschen wäre wenig nachhaltig: Aaron Weisburd, Pionier in der Beobachtung von Islamisten im Netz, rät, die Produzenten und Erstverbreiter der Terrorpropaganda ins Visier zu nehmen, nicht erst deren Produkte und Konsumenten. Und doch werfen die extremistischen Inhalte einen Schatten auf YouTube und Facebook selbst: Warum sind sie so erfolgreich im Kampf gegen nackte Haut, aber so schwach im Kampf gegen Extremisten? Stört Nacktheit mehr als Hass und Gewalt?

Vom Autor erschien der Terrorismus-Thriller »Radikal« (Kiepenheuer & Witsch 2011)