Als der Berliner Komiker Alexander Bojcan, 37, den alle unter dem Künstlernamen Kurt Krömer kennen, von der Bundeswehr gefragt wurde, ob er vor den deutschen Soldaten in Afghanistan auftreten wolle, war er entwaffnet. Krömer ist Totalverweigerer, und dass ihn die Bundeswehr trotzdem einlud, empfand er auf seltsame Weise als Ehre. Die haben Arsch in der Hose, dachte er. Denen muss ich beweisen, dass ich auch Arsch in der Hose habe.

Jetzt sitzt Krömer, Fahnenflüchtiger aus Überzeugung, in einer Transall, einer alten Frachtmaschine der Bundeswehr, und fliegt über den Hindukusch . Im Steilflug geht es nach oben. Das Dröhnen der Propeller ist tief und bärig, angekettetes Kriegsgerät rasselt, die Passagiere sitzen sich auf langen Bänken gegenüber.

Der Innenraum des Propellerflugzeugs ist dunkel, nahezu fensterlos, fast könnte man ihn für eine Theatergarderobe halten. Zumindest nun, wenn man neben Krömer sitzt, denn Krömer hat etwas Theaterhaftes an sich. Er trägt zwei Kostüme übereinander, sein privates, einen Tropenanzug, und darüber die vorgeschriebene Kluft des Krieges: schusssichere Weste und Schutzhelm. Den Tropenanzug trägt er, um zu zeigen, dass er sich hierher verirrt hat: Eigentlich gehört er in eine Boulevardkomödie. Die Männer um ihn herum agieren in einem anderen Stück: Sie tragen Kampfanzug, hochgeschnürte Stiefel, und sie halten ein Gewehr zwischen den Knien.

Links neben Krömer sitzt ein erschöpfter Ingenieur aus Massachusetts, der für die Stromversorgung in den amerikanischen Einrichtungen zuständig ist. »Summer is fighting time« , sagt er. »Die Frühjahrsoffensive ist ausgefallen, die Taliban waren mit der Mohnernte beschäftigt. Aber der Sommer wird fürchterlich werden.«

Plötzlich fliegt die Transall durch eine Wolke voller flimmernder Sonnenreflexe, es ist eine Art Feuerwerk hoch über dem Hindukusch. Krömer hebt wie verzaubert den Blick: Das sind sogenannte flares , Täuschkörper aus Magnesium und Stanniol, die von unserer Maschine stammen. Sie sind dazu da, feindliche Raketen abzulenken.

Nach etwa einer Stunde setzen wir zum Sinkflug an. Die Motoren ersterben, das Flugzeug kippt pfeifend in die Tiefe, Krömer schließt die Augen. Der Steilflug verringert die Angriffsfläche, und er kühlt die Rotoren, sodass Waffen, die auf Hitze reagieren, kein Ziel finden. Es ist ein Höllensturz. Dann fängt sich das Flugzeug in einer graziösen Schleife, und die Landung ist die weichste, die man sich vorstellen kann. Krömer schnallt sich los. »Im zivilen Flugverkehr wird mich nun die schlimmste Turbulenz nicht mehr schrecken«, sagt er und steigt durch die Ladeluke ins Freie.

Vor dem Flughafen von Kabul wartet ein riesiger gepanzerter Tresor, der von einem Sattelschlepper gezogen wird; aus dem Dach des Sattelschleppers ragt ein Geschützturm. In den Tresor werden wir gleich hinaufsteigen. Das Ding, 36 Tonnen schwer, heißt Muconpers, es ist das sicherste Fahrzeug, das es im Straßenverkehr von Kabul gibt – aber für Angreifer ist es eine einzige Provokation. Der verantwortliche Soldat sagt: Die Sicherheitslage ist angespannt, gestern zwei Vorfälle wenige Kilometer entfernt, mehrere Tote. Also: Vorsicht! Morphiumspritzen habe man für alle Fälle dabei.

Dann nennt uns der Soldat drei Codewörter, die wir uns merken sollen, für den Fall einer Detonation oder eines Angriffs. Das erste Wort heißt kite , es wird einem zugerufen, man erkennt daran, dass man es mit Verbündeten zu tun hat. Das zweite Wort muss man den verbündeten Soldaten entgegenrufen: ladder. Und das dritte Wort ist das »Kennwort der Woche« – das merkt man sich, falls man zwischen die Fronten geraten ist und sich den Stellungen der Nato nähert. Das Wort heißt world .