Rot. Die Farbe des Films ist Rot, Rot wie Himbeermarmelade, die aus weißem Brot quillt, rotbraun wie die Punkte, die Kevin mit einer Farbpistole über Landkarten ballert, mit denen seine Mutter ihr Zimmer geschmückt hat, rot wie die Flüssigkeit, die aus Menschen läuft, die Löcher haben. Rot wie die Spritzer aus geplatzten Farbbeuteln auf der Fassade eines elenden Häuschens, in das sich Kevins Mutter Eva nach der Katastrophe geflüchtet hat.

Eva, gespielt von Tilda Swinton , ist trostlos, verlassen, sie ist die Mutter von Kevin, die Mutter eines 17-jährigen Todesschützen. Er hat die Ausgänge seiner Schule blockiert und dann in eisiger Konzentration auf Kinder gezielt. We Need to Talk about Kevin heißt der Film von Lynne Ramsay, der in dieser Woche in die Kinos kommt, aber was sollte Reden helfen – wir befinden uns einen Monat nach dem Massaker von Aurora, wo 12 Menschen starben, zehn Jahre nach Erfurt , wo 17 Menschen starben, wir leben in der Zeit nach Columbine High, wo zwölf Schüler und ein Lehrer starben. Natürlich werden alle über diesen Film reden, die alten Fragen hervorstrudeln: Warum? Weshalb?

Lynne Ramsay, die schottische Regisseurin, richtet die Kamera auf eine Kleinfamilie, Vater, Mutter, zwei Kinder. Sie stellt die Perspektive noch enger, auf Eva, die Mutter des Todesschützen, was naheliegend ist, sie ist die einzige Überlebende des Dramas, abgesehen von Kevin, der in Haft sitzt. Eva und Kevin bilden die Achse des Films, sie sind ineinander verschlungene Personen, Lebensgeberin, Todesengel. Der Film folgt darin dem 2003 erschienenen Roman der amerikanischen Autorin Lionel Shriver. Die Besetzung der Eva mit Swinton, Schottin wie Ramsey übrigens, erscheint als Glücksfall. Das von Erschöpfung leere Gesicht. Die im Sturm der Ereignisse ausgezehrte Gestalt, die nur von einer brüchigen Hülle gehalten scheint. Und Kevin, den Ezra Miller als volllippigen weißhäutigen Krieger gibt, das Haar schwarz wie Rabengefieder. Über seine Augen senken sich die Lider, wenn er seine Mutter vorführt, attackiert, mit Präzision tief verletzt. Mein Sohn, der Feind.


Der Film entfaltet sich in Flashbacks einer traumatisierten Mutter. Er strudelt vor und zurück bis endlich zu den Qualen der Geburt. Die Marter des immer kreischenden Kindes. Die Versuche, dieses Kind zu berühren, mit einem Lächeln, einem Spiel, einer Geste. Die Kulisse für dieses Drama ist eine stilvolle Familienresidenz, eine Kathedrale der Kälte. Des Abends erscheint der Vater als beschwichtigend brummender Bär, hilflos sich drehend in der Dynamik von sich verfehlenden Beziehungen. Es gibt kaum eine Außenwelt. Es gibt nur eine sich über die Kindheit von Kevin beschleunigende Fahrt in einen Tunnel des Schreckens.

Der wunde Punkt des Films liegt in dieser Zwangsläufigkeit. Swinton, die brustlose dünnlippige Gestalt, suggeriert natürlich ein Zuwenig an Mütterlichkeit. Trägt sie zu Beginn nicht wahnsinnig coole Klamotten? Wollte sie nicht lieber im schönen Manhattan leben als in der Vorstadt? Ist das Haus zu groß, zu kalt? Der Film deutet vieles an, Klischees natürlich. Ja, der Vater hat seinen Sohn in die Kunst des Bogenschießens eingewiesen, mit teurem Gerät aus Holz, da ist ein Hauch von Manufactum-Männlichkeit, aber was erklärt das? Ist Kevin vielleicht gestört? Oder doch: einfach böse?

In der letzten Szene begegnen sich Mutter und Sohn. Sie umarmt ihn, er nimmt es an. Man schaut zu und fragt sich, was man sieht. Eine Spiegelung dieser Urhoffnung, dass Mütter immer da sind und immer alles verzeihen, oder eine Geste der filmischen Hilflosigkeit.