Würde man Ökonomen nach den Entwicklungsstufen der menschlichen Zivilisation einordnen, dann hätte Hermann Simon einen festen Platz: bei den Jägern und Sammlern. Er sucht und findet weithin unbekannte Weltmarktführer, die nur in der Fachwelt prominent sind und sich über Jahre oder gar Jahrzehnte in ihrer Marktnische eine dominierende Stellung im globalen Wettbewerb erarbeitet haben. Fündig wird der frühere Universitätslehrer und Gründer einer erfolgreichen internationalen Beratungsgesellschaft vor allem im deutschsprachigen Raum, und das immer wieder mit überraschenden Ergebnissen.

Mit seiner ersten 1996 veröffentlichten Sammlung Die heimlichen Gewinner machte er die von ihm dafür ersonnene Bezeichnung »Hidden Champions« endgültig zu einem Begriff in der betriebswirtschaftlichen Diskussion. Im Jahr 2007 folgte das erste große Update (Hidden Champions des 21. Jahrhunderts).

Nun legt er mit Aufbruch nach Globalia die neuesten Erkenntnisse vor. Die Sammlung ist nochmals größer geworden: Sie enthält jetzt 1.533 Unternehmen. Außerdem konnte Simon inzwischen analysieren, wie sich dieser Unternehmenstypus in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 bewährt hat.

Dass Deutschland im internationalen Vergleich so gut durch diese Krise kam, hat es nicht zuletzt diesen Vorzeigeunternehmen zu verdanken. Zwar gab es auch unter ihnen Opfer, in der Regel aber, so Simon, haben diese Unternehmen den Einbruch der Märke ziemlich gut weggesteckt. Und das hat meist bestimmte Gründe. So setzen Betriebe wie der Industrielaserspezialist Trumpf oder der Autozulieferer Brose (Fensterheber, Sitzversteller) seit je auf einen möglichst hohen Eigenkapitalanteil. Darüber hinaus haben sie Wege gefunden, ihr wertvolles Stammpersonal auch in schweren Zeiten zu halten. Und wenn die beiden schwäbischen Vorzeigefirmen Putzmeister (Betonpumpen) und Schuler (große Blechpressen für Autokarosserien) gerade neue Mehrheitseigner aus China respektive Österreich gefunden haben, tut das Simons Thesen keinen Abbruch.

In manchen Fällen existieren Firmen schon über zig Generationen, aber immer wieder schaffen es auch neue Unternehmen, sich den Status eines Hidden Champion zu erarbeiten. Etwa die 1989 gegründete Firma EOS. Sie stellt aus Computerdaten dreidimensionale Produkte her (»Laser Sintering«) oder Omicron, die Raster-Tunnel-Mikroskope baut.

Die erfolgreichen Betriebe kommen aus völlig unterschiedlichen Branchen. Mal stellen sie einfache, mal hochkomplexe Produkte her. So hat sich PolyClip aus Frankfurt den Markt für Clips von Wurstpellen gesichert; die elektronischen Anzeigen für Tankstellen liefert PWM aus Bergneustadt in alle Welt; Videoüberwachungsanlagen für den Kreml und die Europäische Zentralbank baut Geutebrück; perfekte Spülmaschinen für Hotels und Restaurants offeriert der Spezialist Winterhalter Gastronom.

Aber können all diese oft hoch spezialisierten Unternehmen auch dann noch mithalten, wenn sich das Wachstum immer stärker in Schwellenländer wie China oder Russland, in die Türkei oder nach Brasilien verlagert? Gerade das eröffne den Hidden Champions aus deutschsprachigen Landen auch in Zukunft große Chancen, glaubt Simon.

Da sie ihre Produkt- oder Dienstleistungsnischen meist sehr eng definierten, seien sie von jeher darauf angewiesen, ihre Leistung in möglichst vielen Ländern anzubieten. Meist tun sie dies im Direktvertrieb, was Kundennähe schafft. Hohe Fertigungstiefe (»die machen alles selber«) sorgt für ein gleichbleibend hohes Qualitätsniveau. Auf diese Weise setzen die Betriebe Standards und Maßstäbe in ihrer Nische und können entsprechende Preise verlangen. Die Folge: überdurchschnittliche Wachstumsraten und gute Renditen.

Die Lektüre des mit zahlreichen Beispielen gespickten Buches stimmt optimistisch – gerade in Zeiten, in denen sich der Pessimismus über die wirtschaftliche Zukunft hierzulande mal wieder breitmacht.