Ich bin es leid, begründen zu müssen, warum ich und alle, die so lieben und begehren wie ich, als Gleiche behandelt werden wollen. Warum müssen wir begründen, dass Schwule und Lesben und Transsexuelle gleiche Achtung verdienen, dass unsere Beziehungen und unsere Familien denselben Schutz des Staates brauchen und dass Kinder zu uns gehören wie zu anderen Eltern auch? Warum?

Wir dürfen als Ärztinnen und Krankenpfleger andere behandeln, wir dürfen als Hebammen die Kinder heterosexueller Paare zur Welt bringen, als Sozialarbeiterinnen oder als Therapeuten uns um die kümmern, die Hilfe oder Orientierung brauchen, wir dürfen in Hospizen Sterbebegleitung leisten, bei Olympia die Sportnation vertreten und an den Universitäten Forschung betreiben, die späteren Generationen zugutekommt, wir dürfen Organe spenden oder Blut, an den Schulen, Gerichten und in den Medien als Lehrerinnen, Richter und Journalistinnen arbeiten und Werte wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit verteidigen, wir dürfen Straßen bauen, Gärten anlegen und in Afghanistan oder Somalia, im Kongo oder vor der libanesischen Küste in Auslandseinsätzen der Bundeswehr unser Leben riskieren. Das alles gilt als selbstverständlich.

Wir alle sind zudem jemandes Kind, Geschwister, Nichte, Neffe, Tante, Cousin, Nachbarin, Kollege oder Freundin, und als solche werden wir gerufen bei Liebeskummer oder Finanzchaos, wir dürfen helfen bei Wohnungsrenovierungen oder Prüfungsängsten, wir springen ein zum Babysitten oder zum Krisengespräch, wir dürfen auf Geburtstagsfeiern die Festreden halten oder den Heranwachsenden als Karriere-Vorbild dienen, wir pflegen unsere Mütter oder Großväter, und auch das gilt alles als selbstverständlich.

In allen diesen Hinsichten spielt unsere Art zu lieben, unsere sexuelle Identität, keine Rolle. Wir werden als genauso kompetent und vertrauenerweckend genutzt und geschätzt wie andere auch. Wir werden in diesen Lebensbereichen als verbindlich, chaotisch, ernsthaft, lustig, streitbar, verletzbar, spießig und widerspenstig, eben als normale, liebenswert-unausstehliche Menschen mit individuellen Gaben wahrgenommen und gebraucht wie andere auch.

All das gilt als selbstverständlich – nur dass wir heiraten und mit Kindern leben wollen, das darf nicht selbstverständlich sein. Warum? Warum sollte unsere Art, zu lieben und zu begehren, die in allen anderen Zusammenhängen bedeutungslos zu sein scheint, auf einmal einen Unterschied ausmachen? Warum sollten wir nicht genauso heiraten dürfen, mit allen Rechten und Pflichten, wie andere Liebende, die sich binden wollen, auch? Weil wir dankbar sein sollen für all die Toleranz, die uns schon zuteilgeworden ist?

Mehr als die Hälfte der bürgerlichen Ehen und Familien zerbricht im Schnitt, im Jahr 2009 kamen laut Statistischem Bundesamt auf 378.439 Eheschließungen 185.817 Scheidungen. Aber nach wie vor soll die Institution der Ehe beschränkt bleiben auf heterosexuelle Paare, als würden Homosexuelle, die heiraten möchten, die Ehe unterwandern und nicht Heterosexuelle, die die Ehe auflösen.

Gewiss, mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft wurde im Jahr 2001 eine rechtliche Form gefunden, die homosexuellen Beziehungen symbolische und soziale Anerkennung gewährt. Das war ein ambivalenter historischer Erfolg. Denn das allseits verwendete Wort von der "Homo-Ehe" verschleierte, dass es eben genau das nicht war und nicht sein sollte. Nicht nur durfte dieses Institut ausdrücklich nicht "Ehe" heißen, weil die Ehe heterosexuellen Paaren vorbehalten sein sollte; auch beschränkte sich die Eingetragene Lebenspartnerschaft in ihren zivilrechtlichen Regelungen vor allem auf die eheähnlichen Pflichten der Partner, die eine Beistands- und Verantwortungsgemeinschaft bilden, aber sagte wenig über deren Rechte aus.

Geht es um die Verteidigung der Ehe?

Die Ungleichbehandlung von homosexuellen und heterosexuellen Paaren wurde mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz also keineswegs aufgehoben, sondern im Gegenteil in bestimmten Bereichen nachgerade verfestigt. Das ist der Grund, warum die letzten Jahre eine beispiellose Serie an Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs (2008) und des Bundesverfassungsgerichts gesehen haben, in denen die Richter den Gesetzgeber aufforderten, Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen von Homosexuellen zu korrigieren. So kritisierte das Bundesverfassungsgericht die Ungleichbehandlung von homosexuellen Lebenspartnern hinsichtlich der Hinterbliebenenrente von Beamten im öffentlichen Dienst (2009), der Erbschaft- und Schenkungsteuer (2010), des beamtenrechtlichen Familienzuschlags (2012) und schließlich der Grunderwerbsteuer (2012).

Das kann natürlich auch so weitergehen. Die Bundesregierung kann gedankenreiche Tatenarmut praktizieren, sie kann daran festhalten, dass Homosexuellen die Ehe verwehrt wird, die Eingetragene Lebenspartnerschaft kann weiterhin im Steuer- und Adoptionsrecht gegenüber der Ehe benachteiligt werden, Lebenspartner dürfen weder das Ehegattensplitting veranschlagen, noch dürfen homosexuelle Paare fremde Kinder adoptieren – und wir warten dann einfach darauf, dass das Bundesverfassungsgericht eine Diskriminierung nach der anderen, eine Ungleichbehandlung von Lebenspartnern gegenüber Ehegatten nach der anderen kassiert.

Aber was soll das? Ist es nicht jetzt schon beschämend genug für alle, die immer noch nach Gründen suchen, warum die Ungleichbehandlung von homosexuellen Paaren angeblich gerechtfertigt sei?

"Es verstößt gegen den Gleichheitssatz", heißt es in den Leitsätzen zum jüngsten Beschluss des Ersten Senats vom 18. Juli 2012, "dass eingetragene Lebenspartner vor Inkrafttreten des Jahressteuergesetzes 2010 nicht wie Ehegatten von der Grunderwerbssteuer befreit sind." Was das Gericht dann über die Ungleichbehandlung von Ehegatten und Lebenspartnern bei der Grunderwerbsteuer ausführt, klingt bereits wie ein historisches Versprechen auf eine grundsätzliche Gleichbehandlung von homosexuellen und heterosexuellen Paaren. Artikel 3 Absatz 1 des Grundgesetzes, erläutert der Erste Senat, verlangt, alle Menschen vor dem Gesetz gleich zu behandeln, also wesentlich Gleiches gleich und wesentlich Ungleiches ungleich. Das Gericht argumentiert, dass der Gesetzgeber, der bestimmte Personengruppen steuerrechtlich begünstigt und andere Personengruppen von dieser Begünstigung ausschließt, solche Differenzierungen rechtfertigen muss. Die Differenzierung qua sexueller Orientierung, die der Gesetzgeber implizit vornimmt, reicht dem Gericht nicht als Rechtfertigung einer Ungleichbehandlung. Es bedarf, schreibt der Erste Senat, "hinreichend gewichtiger Unterschiede zwischen diesen beiden Formen einer auf Dauer angelegten, rechtlich verfestigten Partnerschaft, um die konkrete Ungleichbehandlung zu rechtfertigen".

Wenn aber keine gewichtigen Unterschiede zwischen Ehe und Eingetragener Partnerschaft zu erkennen sind, dann lässt sich nicht nur fragen, warum sie ungleich zu behandeln sein sollen, sondern auch, warum sie überhaupt als separate Institute bestehen müssen. Wenn sie im Wesentlichen gleich sind, wozu braucht es dann die Unterscheidung zwischen Ehe und Eingetragener Partnerschaft? Worum geht es dann noch bei dem Aufrechterhalten des Eheverbots für Homosexuelle? Um die Verteidigung der Ehe oder um die Verteidigung des eigenen Vorurteils? Geht es um Werte der gegenseitigen Verantwortung und des wechselseitigen Beistands, die in einer Ehe realisiert werden, oder geht es nur um die Ehe als leere Begriffshülle? Die Oppositionsparteien SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Linke plädieren deshalb schon seit letztem Jahr für eine Öffnung der Ehe. Die SPD forderte die Bundesregierung im Dezember auf, einen Gesetzesentwurf vorzulegen, "der die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare öffnet". Der Gesetzentwurf der Grünen (Drucksache 17/6343) sieht eine schlichte Ergänzung von §1353 des Bürgerlichen Gesetzbuchs vor, Absatz 1 Satz 1 hieße demnach: "Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen."

Natürlich kann die Bundesregierung weiterhin darauf beharren, dass die Ehe nun einmal historisch zwischen Mann und Frau geschlossen werde. Das ist zutreffend, sagt allerdings nichts über die Legitimität dieser historischen Übereinkunft. Schließlich waren auch Ehen zwischen Katholiken und Protestanten einmal verboten. Im Übrigen gibt es legale gleichgeschlechtliche Ehen bereits. Durch das Gesetz zur Änderung des Transsexuellen-Gesetzes aus dem Jahr 2009 hat das Bundesverfassungsgericht eine Vorschrift für unzulässig erklärt, durch die ein verheirateter Transsexueller sich erst scheiden lassen musste, bevor seine Personenstandsänderung rechtlich gültig werden konnte. Das Gericht fand es unzumutbar, dass ein Paar, das ausdrücklich verheiratet bleiben wollte, auch wenn sich die Geschlechtsidentität eines Partners geändert hatte, genötigt werden sollte, sich scheiden zu lassen.

Die Bundesregierung kann auch weiterhin darauf beharren, dass die Ehe die Keimzelle der Familie sei – was allerdings nicht zutreffend ist. Artikel 6 Absatz 1 des Grundgesetzes formuliert lediglich den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung, den Ehe und Familie genießen. Die steuerliche Bevorzugung der Ehe selbst ist aber entkoppelt vom Vorhandensein von Kindern, weswegen kinderlose heterosexuelle Ehen ebenso geschützt werden wie Ehen mit Kindern.

Wie lange müssen wir noch warten, bis sich das ändert?

Ich bin nicht sicher, ob mir das gesellschaftliche Interesse an der steuerlichen Privilegierung der Ehe einleuchtet. Möglicherweise wäre es sinnvoller, einfach Haushalte mit Kindern staatlicher Unterstützung zu versichern, ganz gleich, ob in diesen Familien zwei Männer ein Kind aufziehen oder eine alleinerziehende Mutter, ein Vater und eine Großmutter, zwei Mütter und ein Vater oder ein Vater und eine Mutter. Aber solange Ehen als langfristige Beistands- und Verantwortungsgemeinschaften ausgezeichnet werden, so lange sollten Lebenspartnerschaften dieselben Vorzüge beanspruchen können.

Damit ist schließlich das größte Tabu berührt: Homosexuelle mit Kindern. Nach wie vor ist es in Deutschland, anders als in Andorra, Argentinien, Belgien, Dänemark, Großbritannien, Irland, Island, den Niederlanden, in Norwegen, Schweden, Spanien und Südafrika, Schwulen und Lesben nicht gestattet, gemeinsam ein fremdes Kind zu adoptieren. Seit dem 1. Januar 2005 dürfen Homosexuelle das biologische Kind ihres Partners/ihrer Partnerin adoptieren, aber das ist auch alles. Auf den Vorschlag der damaligen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), homosexuellen Paaren das volle Adoptionsrecht zu geben, entgegnete Volker Kauder (CDU) noch im Sommer 2009, es gehe bei dem Vorschlag allein um die Selbstverwirklichung von Lesben und Schwulen und "nicht um das Wohl des Kindes".

Ich weiß nicht, aus welchen Gründen heterosexuelle Paare Kinder bekommen, aber warum sollten die Wünsche homosexueller Eltern das Wohl ihrer Kinder gefährden? Warum sollten sie ihre Kinder nicht lieben und fördern wie alle anderen Eltern auch? Was an dieser Sehnsucht, ein Kind aufwachsen zu sehen, es durchs Leben zu begleiten, soll denn verwerflich sein? Warum sollte das Kind dadurch beschädigt werden? Weil seine Eltern lesbisch sind? Nicht die homosexuellen Eltern sind ein Problem des Kindes, sondern diejenigen, die die Homosexualität der Eltern für ein Problem halten. Wer sich um das Wohl der Kinder sorgt, der sollte dafür Sorge tragen, dass rechtlich alles getan wird, damit sie und ihre Eltern gleichgestellt und geschützt werden. Die Studie Die Lebenssituation von Kindern in Lebenspartnerschaften, die das Bundesjustizministerium 2009 veröffentlichte, zeigt, dass Kinder in Regenbogenfamilien genau dieselbe Fürsorge und Aufmerksamkeit erfahren wie Kinder mit heterosexuellen Eltern. Entgegen den Befürchtungen der Gleichstellungsgegner stellen diese und ähnliche internationale Studien auch keinerlei besondere Neigung dieser Kinder fest, ihre sexuelle Identität anders zu entwickeln als Kinder anderer Familien. Eine Mehrzahl von Sachverständigen, die der Rechtsausschuss des Bundestages im Juni 2011 anhörte, bemängelte ebenfalls die Ungleichbehandlung von Homosexuellen im Adoptionsrecht.

Nicht nur die gemeinsame Adoption von Kindern ist homosexuellen Paaren nicht gestattet. Auch künstliche Befruchtung durch einen fremden Samen ist in Deutschland, anders als beispielsweise in den USA, Dänemark oder Israel, erschwert, weil Ärzte, die solche "assistierte Reproduktion" durchführen, gegen Richtlinien der Bundesärztekammer verstoßen. Während heterosexuelle Paare, die keine Kinder bekommen können, sich mittels künstlicher Befruchtung durch einen fremden Samenspender ihren Kinderwunsch erfüllen können, schließt die Bundesärztekammer in den Kommentaren zur Richtlinie für assistierte Reproduktion lesbische Paare ausdrücklich aus.

Wie lange müssen wir noch warten, bis sich das ändert?

Müssen wir wirklich noch begründen, dass wir nicht schlecht für ein Kind wären? Müssen wir wirklich begründen, dass wir genauso aufgeregt und beglückt, unsicher und stolz wie alle anderen Eltern wären und dass diese Kinder all unsere Liebe und Unterstützung bekämen?

Die Wahrheit ist: Wir sind auch Familie. Wir leben längst mit und in Familien. Ich bin umgeben von Kindern meiner schwulen und lesbischen Freunde, angenommenen oder ausgetragenen Kinder, und meine Freunde sorgen sich um sie wie alle anderen Eltern. Wenn ich an die Kinder in meinem Freundeskreis denke, dann fällt mir ein, wie sie die eleganten Hemden ihrer Väter vollgesabbert haben, ich denke an die Bar-Mizwa und die Tränen der beiden Mütter, ich denke an das alte Klavier, auf dem schon die vorherige Generation versagte, oder an die Väter, die nachts noch die schönsten Kostüme für den Karneval im Kindergarten gebastelt und geklebt haben, ich denke an das Märchenbuch mit dem Prinzen, der die Prinzessin befreien muss, und unser aller Lachen, als wir die Geschichte dieser klassischen Liebe wieder und wieder vorlesen mussten. Ich denke an all das, was dieses magische, anstrengende Glück eines Lebens mit Kindern ausmachen kann, und nicht daran, woher sie stammen, wie sie gezeugt wurden oder ob ihre Eltern schwul oder lesbisch sind.

Es wäre schön, wenn das eines Tages gleichgültig wäre, weil wir vielleicht nicht gleichartig, aber gleichwertig sind.

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