Für gewöhnlich werden Krimis gekauft und von Krimifreunden gelesen, und damit gut. Höhere Bedeutung, publizistische Wellen, gar Debatten in den Kulturteilen überregionaler Zeitungen erregen sie nie. Jetzt allerdings veröffentlicht ein gewisser Per Johansson, markantes Kinn, Seemannsbart, in Malmö geboren, einen Krimi mit dem Titel Der Sturm, schwedisch: Stormen, der in diesen Tagen mehr Beachtung findet, als alle Wallander-Krimis zusammengenommen jemals gefunden haben. Ja, man kann sagen: Die mysteriösen Vorgänge um diesen Krimi sind selbst ein Krimi, mit allem, was dazugehört: einem Detektiv, einem Opfer, einem Verdächtigen und einem Tatmotiv.

In der Rolle des Detektivs tritt auf: Richard Kämmerlings, 43, leitender Redakteur im Kulturteil der Welt, von 2000 bis 2010 Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung . Er veröffentlichte am vergangenen Montag eine Recherche , in der er anzweifelt, dass der schwedische Autor Per Johansson, 50, und seine Berliner Übersetzerin Alexandra Grafenstein überhaupt existieren. In der Rolle des Opfers befindet sich: Frank Schirrmacher , 53, für den Kulturteil verantwortlicher Mitherausgeber der FAZ . Er, glaubt Kämmerlings, sei das Vorbild für das Mordopfer des vielleicht gar nicht so schwedischen Kriminalromans. Der Tatverdächtige ist: Thomas Steinfeld, 59, Leiter des Kulturteils der Süddeutschen Zeitung , von 1997 bis 2001 Leiter des Literaturteils der FAZ , Autor zahlreicher Sachbücher (unter anderem über Henning Mankell ) mit Zweitwohnsitz in Schweden . Das angebliche Tatmotiv: Erfolgskalkül und Rache.

Ein richtiges Verbrechen ist das nicht, was Kämmerlings, nein, nicht beweist, aber doch mit schlagenden Indizien nahelegt. Aber wenn es stimmt, dass der Feuilletonchef der SZ unter Pseudonym einen Roman geschrieben hat, in dem er von seinem ehemaligen Vorgesetzten nur mehr Knorpelteilchen übrig lässt – ist das zumindest ein großer Feuilletonskandal, der sich um verletzte Ehre, um Abrechnung und vielleicht auch um die Sehnsucht nach dem ganz großen Erfolg dreht.

Um die Erregung zu begreifen, die sich seit der Enthüllung der Kämmerlingsschen Ermittlungsergebnisse breitmacht, kommt man nicht umhin, ein paar Details um den ominösen Mord an dem schillernden deutschen Starjournalisten mitzuteilen. Dessen klägliche Reste werden gleich zu Beginn des Romans in einer Scheune in Schonen gefunden. Und nichts als ein »abgenagter Schädel«, ein »wirrer Haufen aus weißroten Fleischresten und Knochen« und ein paar »vor kurzem noch gut geputzter Schuhe, in denen die Unterschenkelknochen staken«, sind von diesem »journalistischen Genie« noch übrig, von diesem Mann, der »die Stimmung der Zeit in Worte fassen konnte, der ein großes Publikum beschäftigte, im Guten wie im Bösen«.

Drei Fragen beschäftigen die Kulturwelt, seitdem dieser Feuilletonkrimi publik wurde. Erstens: Ist SZ- Kulturchef Steinfeld der Autor des Krimis Der Sturm ? Zweitens: Ist FAZ- Mitherausgeber Schirrmacher das beklagenswerte Mordopfer im mutmaßlichen Steinfeld-Thriller? Drittens: Wenn Frage eins und zwei mit Ja zu beantworten sind – was hat Thomas Steinfeld sich dabei gedacht?

Der Reihe nach. Erstens ist es sehr wahrscheinlich, dass Thomas Steinfeld diesen Roman geschrieben hat. Er habe dazu »rein gar nichts zu sagen«, schreibt er am vergangenen Dienstag aus Istanbul . Sein Freund, der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk , der das mutmaßliche Steinfeld-Buch laut Cover-Werbetext »für den besten und intelligentesten Kriminalroman« hält, den er seit langer Zeit gelesen habe (in welcher Sprache, bleibt offen), meldet ebenfalls aus Istanbul, dass er sich zu dieser »lustigen Kontroverse« nicht äußern möchte, da er »den Autor des Buches kenne und schützen« wolle. Der Fischer Verlag räumt ein: Per Johansson sei ein Pseudonym, und man sei »im Bemühen, einen Buchstart zu inszenieren, vielleicht etwas zu weit gegangen«. Die Sache ist auch eine große Peinlichkeit für die Süddeutsche Zeitung . Bis zum Redaktionsschluss der ZEIT war dort jedoch niemand zu sprechen.

Der Fischer Verlag behauptet überdies, man habe das Buch nicht als Schlüsselroman über den FAZ- Herausgeber erkannt. Das ist möglich, aber unwahrscheinlich. Das Mordopfer ist ein deutscher Chefredakteur um die fünfzig, der sich vornehmlich für Gentechnik, Bevölkerungsschwund und den Finanzmarkt interessiert und zu diesen Themen drei Bücher verfasst hat – »immer so auf der Grenze zwischen dem, was man gerade noch vertreten kann, und dem nackten Wahnsinn«. Ohne den deutschen Chefredakteuren zu nahe treten zu wollen, muss man sagen: So einen gibt es nur einmal. Dass Frank Schirrmacher aus dem Urlaub gut gelaunt verlauten lässt, er lese »keine schwedischen Krimis«, ist das eine. Ob er diese gute Laune behält, wenn er diesen vermutlich sehr deutschen Feuilletonkrimi nach dem Urlaub doch lesen und sich in dem »Mann mit diesem alten Kinderantlitz« wiedererkennen sollte, von dem es heißt, er sei »ein bisschen verrückt, aber ziemlich erfolgreich«, ist das andere.