Deutsche Museen: Schluss mit Ewigkeit!
Der Streit um die Berliner Gemäldegalerie zeigt vor allem eines: Die deutschen Museen können nicht so weitermachen wie bisher. Sie müssen ihre Zukunft neu bestimmen.
© Tobias Schwarz/Reuters

Besucher vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin (Archivbild)
Nein, Berlin ist nicht arm und sexy, Berlin ist superreich – und leidet schwer darunter. Berlin hat, wovon andere Städte träumen: zu viel Rembrandt und zu viel Riemenschneider, zu viel Cranach, Menzel, Warhol und überhaupt weit mehr großartige Kunstwerke, als sich in den mittlerweile mehr als 170 Berliner Museen zeigen lassen. Wahrlich: ein Luxusproblem. Und so scheint es auch eine Luxusdebatte zu sein, die in den letzten Wochen durch die Zeitungen tobte und viele kunstsinnige Bürger landauf, landab erregte. »Rettet die Gemäldegalerie«, das war der Schlachtruf.
Doch nur vordergründig geht es in diesem Streit um widersinnige Umzugspläne oder die Berliner Neigung zur Unmäßigkeit. Egal wie borniert es auch sein mag, eine der wunderbarsten Kunstsammlungen der Welt – Van Eyck! Vermeer! Tizian! – zum Objekt museumspolitischer Strategiespielchen zu machen. Egal ob die Bilder nun offenbar im Martin-Gropius-Bau unterkommen und doch nicht ins Depot verbannt werden müssen. Die eigentliche Debatte kreiste von Beginn an um eine andere, eine viel größere und heiklere Frage. Es ist die Frage nach der Zukunft der Museen.
Die meisten Kunsthäuser meinen ja ernsthaft, es könne so weitergehen wie gewohnt: Mehr Kunstwerke, größere Ausstellungen und am besten alle zwei, drei Jahrzehnte einen An- oder Neubau, um die expandierende Sammlung auch zeigen zu können – das ist die Logik, der die meisten Museen folgen. Kein Direktor, der nicht unter Beklemmungsgefühlen leidet. Das Depot ist voll und wird immer voller. Dringend braucht er neue Säle. Er ist auf Wachstum programmiert.
Und der Erfolg scheint den Museen recht zu geben. Während die Besucherzahlen in Theatern oder Konzerthäusern oft stagnieren, vermeldet die Kunst steigende Beliebtheitswerte. Eine üppige Museumslandschaft ist herangewachsen, weltweit sucht sie ihresgleichen. 2010 zeigten die rund 7.000 Ausstellungshäuser und Museen mehr als 10.000 Sonderausstellungen, besucht von rund 115 Millionen Besuchern.
Doch so beeindruckend diese Zahlen auch sein mögen – sie täuschen. Schon heute leiden die meisten Museen unter ihrem Erfolg. Manchmal reicht das Geld nicht mal mehr, um die Heizkosten zu bestreiten. Denn so großzügig die Kommunen auch sind, wenn es darum geht, kühne Ausstellungshäuser zu errichten, so sehr geizen sie bei den Betriebs- und Personalkosten. Selbst in den angesehensten Häusern bleiben Kuratorenstellen über Jahre unbesetzt. Vielerorts leidet die wissenschaftliche Arbeit, und die restauratorische Pflege der Kunst kommt oft zu kurz. Einzig für großartige Sonderausstellungen, den sicheren Publikumserfolg, finden sich noch Spender und Sponsoren.
Und so bieten die meisten Museen ein höchst seltsames Bild: Nie ging es ihnen besser und selten schlechter. Sie sind aufgedunsen und ausgemergelt zugleich. Auch in Berlin ist das so, wo möglichst bald die Neue Nationalgalerie mit ihren Werken des 20. Jahrhunderts in jene stolzen Hallen ziehen soll, in denen bislang die Gemäldegalerie zu Hause war. 53 neue Säle, 7.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche – ein gewaltiger Zugewinn. Doch mit einer Erhöhung ihres Etats wird die Nationalgalerie nicht rechnen können. Zusätzliche Stellen? Mehr Geld für Ausstellungen? Das ist so gut wie ausgeschlossen.
Dennoch gilt der Umzug als unumgänglich. Die Neue Nationalgalerie will mehr ihrer Werke zeigen als bisher. Und sie will weiterhin wachsen, vor allem durch Schenkungen. Gerade erst wurden ihr Teile der Sammlung Pietzsch versprochen, und zumindest einige der Werke könnten die bestehende Surrealistenabteilung gut ergänzen. Nichts spricht dagegen, sie in die Nationalgalerie aufzunehmen. Und doch zeigt gerade dieses Beispiel, dass die Museen in eine riesige Falle geraten sind. Und erst wenn sie sich ändern, wenn sie ihr Selbstverständnis so radikal wandeln, wie sich die Kunst über die Jahrzehnte gewandelt hat, werden sie der Falle entkommen.
Das Museum, wie wir es kennen, ist geprägt von einem starken Ordnungsdrang. So gut wie nie kommt einem Direktor in den Sinn, die Epochen und Stile frei zu mischen und mit den Werken seiner Sammlung eine eigene Geschichte der Kunst zu erzählen. Lieber folgt er den eingeübten Mustern, gültig seit der Renaissance. Er inszeniert eine Geschichte des Fortschritts und der Vervollkommnung, in der ein Künstler vom anderen lernt und sich alles aus allem sinnvoll ableiten lässt. Auch in der Berliner Gemäldegalerie kann man diese »lebendige Kette von Überlieferungen« (Ernst Gombrich) besichtigen. Hier ist das Museum noch ein Ort der normativen Setzung und endgültigen Wahrheit.






Die Kollektion ist, jetzt, sehr gut. Die Angst vor der gescheiterten Neuerfindung ist sicher nicht aus der Luft gegriffen und die Vorstellung das dann wohl eher nach der Nase der Versicherungen getanzt als der zukuenftigen Erfahrung der Besucher gehuldigt, macht mir Magenverstimmungen(Alles hinter Glas! Und nein es ist nicht dasselbe! usw)
Das Personal koennte auch einen Blutruenstiger ton anschlagen. Fertig ist das chaos.
Hoffentlich klappt das was die Vorhaben im Sinne der Besucher.
Macht doch einfach dasselbe nochmal einfach nur besser.
Es ist halt wie im richtigen Leben: Mit der Zeit sammelt sich ein Haufen Plunder an und der Palz wird eng. Da auch große Kunst-Museen lediglich eine Handvoll Meisterwerke haben, kann man bei dem restlichen Kram auch mal kräftig ausmisten. Einfach meistbietend versteigern, so ist auch wieder Geld für Kuratoren vorhanden.
Alternativ könnte man auch ein Haufen Personal einsparen, wenn man mal bei den Raumhockern ausdünnt.
Wieso meinen Kunsthistoriker stets das Museum (im Singular!) exklusiv für ihre Disziplin beanspruchen zu können?
Auch ich finde, dass sich Berlin mit der Museen-, Galerien- und Kulturlandschaft etwas überwirft, und aus diesem Grund bin ich auch gegen den Bau des teuren, neuen, retro Stadtschlosses. In Berlin und Brandenburg gibt sehr viele historische Schlösser, die Austellungen zeigen könnten, wo die Gebäude aber kaum erhalten werden können. Es gibt viele schöne Einrichtungen, die ich gerne besuche, und da Berlin die Hauptstadt ist, ist es auch gut, dass das kulturelle Angebot reich ist und gepflegt wird.
Man muss sich aber vor Augen führen, dass diese Häuser eine finanzielle Belastung darstellen. Der Unterhalt und die besondere Pflege verschlingen Unsummen, die die Häusen nicht erwirtschaften. Außerdem tritt auch irgendwann eine Sättigung ein, und dann verlieren die einzelnen Häuser an Profil und Wertschätzung, was ich als Rückschitt empfinde.
Berlin muss außerdem die Luft haben, um sich neben der Kultur einen gewissen Standard bzgl. Verkehr, Infrastuktur und Wirtschaft leisten zu können. Würde man mich vor die Wahl stellen: "Das Stadtschloss oder der Flughafen und die Sanierung des ICC" ich wäre klar für den Flughafen und das ICC. Abgesehen davon, überzeugt mich auch das Konzept des Stadtschlosses nicht wirklich. Der Ausbau der U5, ein kleines Haus, dass sich mit den mittelalterlichen Ausgrabungen vor Ort beschäftigt, und eine große Wiese am Spreeufer vor dem Dom für wechselnde Veranstaltungen wäre aus meiner Sicht schöner, vielseitiger und funktionaler.
Sehr geehrter Herr Rauterberg,
hiermit eine Meinung zu Ihrem Zitat:
„Viele Museen sind von der Idee des verbindlichen Kanons nach wie vor besessen, und die Nebenfolge – die furchtbare Langeweile, weil fast alle dasselbe zeigen – interessiert sie nicht weiter“.
Entschuldigen Sie bitte für die kleine Korrektur, nun aber unterscheiden sich die Sammlungen schon voneinander - solange sie nur einmalige Originalbilder der Maler darstellen. Nebenher, es ist fast nie der Fall, dass alle Werke von einem Meister in einem einzelnen Museum beheimatet sind. Wenn man dazu bestimmte kulturhistorische Lieblingsmotive (z. B. zum Thema griechische Mythologie) von konkreten Maler ansehen möchte, muss man weiter suchen. Aus diesem Grund finde ich das Wort „langweilig“ leicht übertrieben. Es ist nicht langweilig, es ist nur ein bisschen mühsam. :)
An sonst schließe ich mich Ihrer Meinung an: ich betrachte den Überfluss auch als eine hinderliche Tendenz. Ihren Vorschlag: „Dafür könnte es sich ganz auf die kluge Auswahl konzentrieren“ - sehe ich demzufolge als wirksam. Nun bleibt aber noch eine Frage unklar: auf Grund von welchen Kriterien soll man bestimmte Gemälde aussortieren und andere annehmen? Wenn die traditionellen ästhetischen Kanonen nicht mehr ihre Gültigkeit besitzen sollen, kommt man schnell zu einem leicht chaotischen künstlerischen Eklektizismus. Finden Sie nicht?
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Etwas Neues muss sich zuerst im Gegensatz zu üblichen Standards behaupten können, damit eine Veränderung als möglich und auch sinnvoll erscheint.
MFG
Mary
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