Orhan Pamuk"Diese ewige Jammerei"

Was ist der gemeinsame europäische Gedanke? Was hat sich verändert in der europäischen Literatur? Wie hat die Türkei das Ende des Kalten Krieges in den neunziger Jahren erlebt? Ein Gespräch mit dem türkischen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. von 

Orhan Pamuk eröffnet das "Museum der Unschuld" in Istanbul, das nach einem seiner Romane benannt ist (Archivbild, April 2012).

Orhan Pamuk eröffnet das "Museum der Unschuld" in Istanbul, das nach einem seiner Romane benannt ist (Archivbild, April 2012).  |  © Bulent Kilic/AFP/GettyImages

DIE ZEIT: Wir sitzen hier in einem Sommerhaus auf der Insel Büyükada in Sichtweite von Istanbul. Diese Insel hat viele Geschichten, sie war lange von Griechen bewohnt, Leo Trotzki fand hier Zuflucht. Was bedeutet es für Sie, hier den Sommer zu verbringen?

Orhan Pamuk: Die Prinzeninsel Büyükada ist für Istanbul das, was Capri für Neapel ist. Dieselbe kurze Strecke, derselbe Tourismus. Wir haben sogar ein Hotel Capri hier. Die Istanbuler Bourgeoisie hatte die Prinzeninseln schon vor über hundert Jahren als Sommerresidenz entdeckt. Es wurde ein kosmopolitischer Ort, weil die Minderheiten – Griechen, Armenier, Juden – die Inseln erschlossen. Sie waren die herrschende bürgerliche Elite im späten Osmanischen Reich. Noch in meiner Kindheit, Anfang der sechziger Jahre, wurden die Restaurants auf Büyükada von Griechen geführt. Ich habe hier schon als Kind den Sommer verbracht. Ein Sommer ohne Prinzeninseln ist kein Sommer.

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ZEIT: Was macht europäische Literatur aus?

Pamuk: Die Literatur über den kleinen Mann ist eine große europäische Erfindung. Der Widerspruch heute ist, dass Europa Angst vor dem kleinen Mann hat, wenn er nicht aus Europa kommt. Worauf basiert der gemeinsame europäische Gedanke: auf Religion? Oder doch eher auf Gleichheit, Brüderlichkeit, Freiheit? Was ist also mit den Zuwanderern, den Flüchtlingen, die nach Europa wollen? Das größte Problem im europäischen Denken und in der Literatur ist, wie mit Immigration umzugehen sei, mit hungrigen Menschen aus Asien und Afrika. Soll man sie stoppen? Aber wie will man das ethisch erklären? Wie kann man ein Intellektueller sein, der Gleichheit und Brüderlichkeit hochhält – und die Probleme der Zuwanderer ignoriert? Europa ist verwirrt. Derzeit wird eine hohe Mauer zwischen Griechenland und der Türkei gebaut.

ZEIT: Ist dieses Europa noch attraktiv für die Türkei?

Pamuk: Was den Beitritt der Türkei zur EU betrifft, gab es hierzulande und in der EU viele, die dagegen waren. Nicolas Sarkozy und Angela Merkel waren mit ihrem türkeikritischen Kurs erfolgreich. Das hat nicht nur von Europa träumende Schriftsteller wie mich enttäuscht, sondern gerade auch die Gesellschaft. Diese Ablehnung hatten wir nicht erwartet.

ZEIT: Manche betonen auch die Gegensätze in der Literatur und sagen, der individuellen Suche nach dem Selbst im Westen stehe der Geist der Gemeinschaftlichkeit im Osten gegenüber. Trifft das noch zu, traf es je zu?

Pamuk: Dieser sogenannte Ost-West-Gegensatz ist in der Regel nicht mehr als das Gegenüber von Moderne und Vormoderne. Vor Renaissance, Aufklärung und industrieller Revolution dachten die Europäer auch mehr in gemeinschaftlichen Zusammenhängen. Aber die europäische Literatur hat noch etwas anderes hervorgebracht: den säkularen Respekt für Texte. Der Text ist nichts Heiliges mehr, sondern menschlich und kann gedreht und verändert werden, auf dass man die Welt anders sehen kann. Dafür allerdings werden dann im Westen mitunter die Autoren wie Heilige verehrt.

ZEIT: Was waren für Sie die Höhepunkte europäischer Literatur in den neunziger Jahren?

Pamuk: Die Entdeckung der Weltliteratur jenseits von Europa, einer globalen Literatur. Wir reisten mehr, Flugtickets wurden billiger, die Welt wurde kleiner, wir lernten mehr übereinander. Die neunziger Jahre waren auch geprägt vom fortgesetzten Boom der lateinamerikanischen Literatur mit Gabriel García Márquez und Vargas Llosa. Europa war das Zentrum der Weltliteratur weit bis ins 20. Jahrhundert. Aber in den neunziger Jahren endete diese Dominanz. Wenn ein europäischer Schriftsteller damals seinen Stift in die Hand nahm, wusste er nicht mehr, ob die Welt wirklich noch davon Notiz nehmen würde. Europa verlor sein ungebrochenes Selbstbewusstsein.

Leserkommentare
    • th
    • 24. August 2012 12:13 Uhr

    "Der Widerspruch heute ist, dass Europa Angst vor dem kleinen Mann hat, wenn er nicht aus Europa kommt."

    "Europa", d.h. die europäische Elite, hat auch dann "Angst vorm kleinen Mann", wenn er aus Europa kommt!

    Der "kleine Mann" aus der Türkei denkt nämlich gar nicht viel anders als der "kleine Mann" aus Europa.

    Ein grosser Teil der europäischen "Elite" hat überhaupt Angst vor der Realität! Egal ob Genetik, Atomkraft, Klima, "Mitte der Gesellschaft", "Ehe und Familie", "Konservatismus" - alles was ihn beim heroischen Kampf für eine leuchtende Zukunft und gegen die Apokalypse stören könnte.

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    • Chali
    • 24. August 2012 14:05 Uhr

    > "Europa", d.h. die europäische Elite,
    > hat auch dann "Angst vorm kleinen Mann",
    > wenn er aus Europa kommt!

    Das ist ja genau der Grund, weshalb die kleinen Leute aufeinander gehetzt werden müssen.
    (Dieses "Europa" ist nötig von wegen "Friedensstiftung" - als ob der kleine Mann gleich welcher Nationalität auf Krieg Lust hätte.)

    Die Solidarisierung "von unten" muss unbedingt verhindert werden!

    Obwohl genau das das Europäische wäre:
    Eine "Gleichheit der Interessen" zu finden ohne eine einigende Kraft wie etwa die Sprache, die Speisen, die Kleidung ...

    • Chali
    • 24. August 2012 14:05 Uhr

    > "Europa", d.h. die europäische Elite,
    > hat auch dann "Angst vorm kleinen Mann",
    > wenn er aus Europa kommt!

    Das ist ja genau der Grund, weshalb die kleinen Leute aufeinander gehetzt werden müssen.
    (Dieses "Europa" ist nötig von wegen "Friedensstiftung" - als ob der kleine Mann gleich welcher Nationalität auf Krieg Lust hätte.)

    Die Solidarisierung "von unten" muss unbedingt verhindert werden!

    Obwohl genau das das Europäische wäre:
    Eine "Gleichheit der Interessen" zu finden ohne eine einigende Kraft wie etwa die Sprache, die Speisen, die Kleidung ...

    Eine Leserempfehlung
  1. Ich will nicht kleinkariert sein aber meines wissens nach heisst der stadtteil Nisantasi, mit i am ende aber ohne den punkt drauf.

  2. nichts weniger als blutter Konsum (muß ich "blutt" übersetzen?). Das zu beklagen, ist noch etwas, was uns eint. Na dann los, dieses Europa ist sich sogar in der Türkei einiger, als ich befürchtete. Und es kommt noch besser: Auch unter arabischen Schriften fand ich Dinge, die hierzulande dringend zu sagen sind.
    Worauf warten wir, geh mer´s an. Die Erde ist rund ...

    Eine Leserempfehlung
  3. mein Respekt gilt Orhan Pamuk, weil er sich in der Türkei zur Wehr setzen muss und es auch tut. Aber mein Unverständnis gilt solchen Sätzen wie:
    "Ihr Leben ist mein Leben, wir sind aus derselben Klasse, derselben Straße, wir haben die gleichen Gewohnheiten, gehen in dieselben Läden."

    Da lob ich mir die Pariser Kommunarden, die zwar zu einem großen Teil aus der Adeligenklasse oder Großbourgeoisieklasse kamen, aber diese verließen, um etwas zu suchen, zu kreieren, das mehr den Grundsätzen von Gleichheit und Brüderlichkeit entsprach.

    Daraus entstand nicht die ewige Melancholie nach den Orten der bourgeoisen Kindheit (die sicher sehr schön waren), sondern die Sehnsucht nach echter Lebenslust, echter Brüderlichkeit, die Liebe zu freiheitlichen Denkern, ohne sie zu Instanzen stilisieren zu müssen.

    Was die türkische Gesellschaft betrifft: immer wieder gibt es einen, der sie darauf hinweist, was für ein stolzes Volk sie doch seien - 10 J. massiv Erdogan. Hat Stolz etwas mit Herkunft zu tun? Ich kann stolz darauf sein, einen guten Apfelkuchen gebacken oder ein gutes Werk geschrieben zu haben, Aber stolz, "ein Türke" zu sein? Das ist doch nicht der Verdienst des Einzelnen, in welchem Land er/sie geboren ist. Das ist so ein Ding, das Freiheit komplett behindert - gemeint das freie Zusammenspiel verschiedener Ideen, verschiedener Einfllüsse und Lebenswege.

    Ich spüre davon auch bei Pamuk wenig und "Schnee" mochte ich gar nicht. Andere Bücher schon.

  4. Niemand weiß das besser als er selbst. Von daher ist sein Erstaunen über die europäischen Vorbehalte gegenüber einer EU-Mitgliedschaft der Türkei albern.

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