Martenstein"Der liebe Gott muss halt mal fünfe gerade sein lassen"

Harald Martenstein über das Ritual der Beichte von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Was ist eigentlich mit der Beichte? Wieso wird dieses barbarische Ritual nicht endlich verboten? Bei meiner ersten Beichte war ich ein kleiner Junge und musste in einen engen, dunklen Kasten hineinkriechen, den sogenannten Beichtstuhl. Dort sollte ich, kniend, einem wildfremden Menschen von meinen geheimsten Gedanken, Taten und Wünschen erzählen. Kürzlich habe ich im Zusammenhang mit Tom Cruise und Katie Holmes gelesen, dass es die Scientologen mit den Kindern ähnlich machen. Bei den Scientologen dürfen die Kinder aber wenigstens im Hellen sein und sitzen.

Es ging auch um Sex. Es ging eigentlich sehr viel um Sex. Ich sollte sagen, ob ich unkeusche Gedanken gehabt hätte. Aber hallo! Da hatte ich einiges zu erzählen. Der Pfarrer hat auch recht interessiert nachgefragt. Ich sollte sagen, ob ich mich unkeusch berührt hätte. Und dafür bin ich dann bestraft worden, ich musste Vaterunsers beten bis zum Anschlag. Dass so etwas Sexualneurosen nährt und eine angstfreie Entwicklung der Sinnlichkeit behindert, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Ich erwähne es trotzdem.

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Im Beichtstuhl wird es schon den einen oder anderen Pfarrer geben, der sich aufgeilt an den Erzählungen der schutzlosen Jungen und Mädchen. Wer kontrolliert diese Leute? Daneben gibt es, wie ich ebenfalls aus eigener Erfahrung weiß, den Typus des Sexhassers, der den Kindern zu verstehen gibt, dass all diese Dinge verboten und schmutzig sind und dass Gott total dagegen ist. Gott hat Penis und Vagina nur aus Versehen erschaffen, weil im Fernsehen Fußball kam und er einen Moment unkonzentriert war. Diese Leute, die Pfarrer, haben keinerlei psychologische Ausbildung und dürfen einfach so in den kleinen Seelen herumfuhrwerken. Die Kinder sollen Sachen sagen, die sie nicht mal ihren Eltern erzählen. Sie kriegen Ratschläge, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Kinder brauchen doch aber eine Intimsphäre, das weiß man heute. Alles andere ist übergriffig.

Und wenn ein Erwachsener kommt und ein Verbrechen beichtet, geht der Pfarrer nicht etwa zur Polizei. Er schweigt, sogar über Mörder, unter Berufung auf einen archaischen Brauch. Jeder andere, ich zum Beispiel, würde für so etwas vom Gesetzgeber bestraft. Das widerspricht dem Grundgesetz, wenn ich für etwas bestraft werde und du nicht. Der Pfarrer erteilt die Absolution, der Verbrecher fühlt sich danach erleichtert und ist wieder fit für sein nächstes Verbrechen. Wenn man die Beichtstühle überwachen würde, könnte man die Verbrechensrate deutlich senken, man könnte auch die Steuereinnahmen erhöhen. Es gibt garantiert beichtende Steuerhinterzieher. Warum stimmt die Kirche, wenn ihre Priester unbedingt das mittelalterliche Beichtgeheimnis wahren wollen, nicht wenigstens einer staatlichen Überwachung zu? Die Bänder werden doch wieder gelöscht, sofern die Behörden nichts Schwerwiegendes oder Gefährliches darauf entdecken. Die Kirche hätte damit direkt überhaupt nichts zu tun. Da muss der liebe Gott halt mal fünfe gerade sein lassen, das kann er beim Maultaschenessen zur Fastenzeit doch auch.

Ich hasse es, Texte zu erklären, auch Doppelpunkte mag ich nicht sonderlich, möchte in diesem Fall aber eine Ausnahme machen: Ich bin nicht wirklich für ein Verbot der Beichte, mehr noch, ich bin dagegen. Ich möchte lediglich einen Denkanstoß im aktuellen Religionsdiskurs geben. Ich finde, dass auch die Religionskritik, wenn man es damit übertreibt, einen Schlag ins Totalitäre kriegt. Ich bin gegen Freiheitszwang. Sich selbst zu befreien ist einfach schöner.

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Leserkommentare
    • Kometa
    • 16. August 2012 9:43 Uhr

    Für diese Wörter - "Vaterunsers" [falscher Plural] und "übergriffig" [bisher fehlendes Adjektiv] muss Herr Martenstein jedenfalls nicht in den muffigen Beichtkasten; auch nicht in Dudens Verdikt. Es sind nämlich keine Sprachsünden, sondern angemessene -entwicklungen.

    Martensteins Wissen über die katholische Beichte und das Nichtverbot derselben aber ist arg ignorant. Wer überhaupt noch zur Beichte geht? Da nehmen keine Schwerverbrecher zum Kniefall Platz. Da wird nicht über Steuersünden referiert. Da wird keinem Mörder vergeben. - Es sind nur noch Priester bei Priestern, die ihre Zehn-Gebots-Liste abhaspeln. Und diese beichten kommod in Wohnräumen, bei einem Weinchen, den sie traditionell "ein gutes Glas" nennen.

    Eine beichtähnliche EntÄußerung über das "System Merkel" wäre aktueller und "zielführender" (Aber welchem Ziel denn nur entgegenschreibend...)

    • Meykos
    • 16. August 2012 11:09 Uhr

    "Ich sollte sagen, ob ich mich unkeusch berührt hätte. Und dafür bin ich dann bestraft worden,..."

    Also, man könnte das folgendermaßen interpretieren(Doppelpunkt): Sie (wie auch viele andere Kinder)sind damals durch den Glauben bzw. die Kirche, in der persönlichen Freiheit der körperlichen Selbsterfahrung beschnitten worden. Wie Ihre Leser wissen, hat es nicht wirklich geschadet und sie haben hier sehr viele "Fans", die zwar nicht immer vollkommen mit Ihnen übereinstimmen, aber so ist das halt mit unserer Freiheit. Grüsse

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    • Yulivee
    • 20. August 2012 13:02 Uhr

    schafft es, sich aus den Fängen der Kirche zu befreien.
    Dass Hr. Martenstein keine seelischen Schäden davongetragen hat ist gut für ihn, kann aber nicht verallgemeinert werden.

    • Rychard
    • 16. August 2012 11:14 Uhr

    gerne, welches Spiel das war, bei dem das Versehen geschaffen wurde. Also wer gegen wen. Ich bin übrigens kein Fussball Fan, sondern an Religionsgeschichte interessiert.

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    ... "Simmering – Kapfenberg" gewesen sein ...

  1. ... "Simmering – Kapfenberg" gewesen sein ...

    Antwort auf "Ich wüßte zu .."
    • bigbull
    • 16. August 2012 18:14 Uhr

    In Zukunft,versprochen, werde ich meine Sünden nur noch
    Herrn Martenstein beichten.
    Herr Martenstein,so glaube ich,wird mir meinen Verfehlungen
    gegenüber der menschlichen Gemeinschaft Absolution er-
    teilen.
    Ohne hintersten Gedanken,frei und zum Wohl meines Daseins.

    Dafür danke ich im Vorraus.

    • Meykos
    • 17. August 2012 12:11 Uhr

    Sie schrieben:"Ich bin gegen Freiheitszwang. Sich selbst zu befreien ist einfach schöner."

    Ich las das Folgende und wollte es nicht vorenthalten:

    "Das Schönste an einer Kolumne ist, dass sie regelmässig erscheint. Denn das bedeutet ein regelmässiges Einkommen.

    Für die Produktion heisst Regelmässigkeit vor allem eins: Sie ist keine Frage der Inspiration. Eine Kolumne ist eine halbindustrielle Form. Sie muss schreibbar sein, Tag für Tag, Woche für Woche, egal, was sonst passiert: Kater, Liebeskummer, schreiendes Baby, andere Aufträge.
    Und das ohne grossen Kampf. Denn wenn eine Kolumne jedes Mal beim Schreiben Probleme macht, verwandelt sich ihr Schönstes von einem Segen in einen Fluch: für das regelmässige Honorar zahlt man mit einem regelmässigen Abstieg in die Hölle.

    Verzweiflung ist zwar unvermeidbar im Journalismus. Immerhin kämpft man bei jedem ernsthaften Artikel mit einem neuen Stoff, knapper Zeit, eigener Unzulänglichkeit. Die Furcht, zu versagen, das Versagen selbst gehört zum Job.

    Nur wäre es Wahnsinn, sich die Hölle als Dauerauftrag ins Haus zu holen."
    [...]

    "Das Schöne und Schreckliche am Schreiben ist, dass es aus einigen Hundert freien Entscheidungen besteht."

    aus: http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1323/warum-sie-zu-uninsp...

    (ho, ho,dreimal "Doppelpunkt")

    • Behh
    • 17. August 2012 12:18 Uhr

    Religionen sind nicht kindgerecht. Aber niemand kann mit Sicherheit sagen, daß die jeweiligen Zeitgeistmoden langfristig weniger schädlich sind. Deshalb hat sich der Staat hier herauszuhalten und nur einzugreifen, wenn die körperliche Unversehrtheit der Kinder bedroht ist, wenn z.B. Zeugen Jehovas lebensnotwendige Bluttransfusionen bei ihren Kindern ablehnen. Es ist erstaunlich, wie schwer sich viele mit diesem simplen Konzept tun.

    Was würde von Religionen übrigbleiben, wenn man sie einem Gremium von Pädagogikexperten überlassen würde? Eine Mischung aus "Anything Goes" und "Que sera sera". Eine kindgerechte Fassung des NT, in der Jesus Wein in Wasser verwandelt und am Ende von seiner Mutter gerettet wird. Ein Buddhismus, bei dem es darum geht, möglichst oft wiedergeboren zu werden.

    Die Beichte ist den meisten Kindern unangenehm und hat viele von der katholischen Kirche entfremdet und weggetrieben. Aber sie mit der Entfernung eines Körperteils zu vergleichen, das ist schon - unverdient positiv formuliert - sehr abenteuerlich.

    Die Beichte ist ein Angebot, über Dinge zu sprechen, über die man nicht spricht. Es gibt ein Bedürfnis danach. Einige zahlen viel Geld für die Plagiate von Freud und Hubbard. Bei den Katholiken gibt es das umsonst, niemand prüft vorher den Kirchensteuerbescheid.

  2. das mit dem Sex glaube ich Ihnen nicht, Herr Martenstein, das haben Sie sich aus Imagegründen ausgedacht, oder?
    So ging es doch selbst in rheinlandpfälzischen Beichtstühlen zu ihrer Kinderzeit nicht zu und eventuell vorhandene Sexualneurosen oder eine mangelhaft entwickelte Sinnlichkeit haben sicher andere Ursachen.

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Anschlag | Ausbildung | Erwachsene | Erzählung | Fastenzeit | Fußball
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