Ich war siebzehn, als ich Elementarteilchen zum ersten Mal las. Ich wusste damals nur, dass es ein enorm erfolgreiches Buch war, von der Kontroverse um das Werk war mir nichts bekannt. Erst einige Zeit später las ich Kritikermeinungen zu dem Buch. Ich war verblüfft, denn nichts von dem, was da gesagt wurde, ergab für mich irgendeinen Sinn. Es war von einer bitterbösen Satire die Rede, von Zynismus, von Sexismus, von Kälte. Ich hingegen hatte gerade das tröstlichste Buch gelesen, das mir je untergekommen war.

Es war derselbe Trost, der in einer Szene von Martin Scorseses TV-Serie Boardwalk Empire von dem schwer kriegsversehrten Richard Harrow wunderbar kompakt formuliert wird. Harrow übergibt seinem neuen Freund Jimmy Darmody ein Buch. Seine Schwester schicke ihm andauernd Bücher, aber er könne sie nicht mehr genießen. Jimmy will wissen, warum. Harrow, mit seinem zur Hälfte abgerissenen Gesicht, antwortet mühevoll: »It occurred to me the basis of fiction is that people have some sort of connection with each other. But they don’t.«

Bei dem französischen Autor Michel Houellebecq (geboren 1956) sah das so aus: »Die Geburt seines Sohnes im Juni 1958 löste bei ihm eine offensichtliche Störung aus. Minutenlang starrte er das Kind an, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihm besaß: das gleiche scharf geschnittene Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen; die gleichen großen grünen Augen. Kurz danach begann Janine, ihn zu betrügen. Er litt vermutlich darunter, aber das ist schwer zu sagen, denn er sprach tatsächlich immer seltener. Er errichtete kleine Altäre aus Kieselsteinen, Zweigen und Krebspanzern; dann fotografierte er sie in flach einfallendem Licht.«

In Bildern wie diesem wollte ich mich am liebsten einrollen und friedlich einschlafen. Alle anderen tröstlichen Geschichten der Weltliteratur hatten sonst immer darauf verwiesen, dass es doch Liebe, Wärme, Intimität, Akzeptanz gebe, irgendwo in der Welt, zu irgendeinem Zeitpunkt. Aber Houellebecq hatte eine andere Lösung gefunden.

Die beiden Hauptfiguren des Romans, die Halbbrüder Michel Djerzinski und Bruno Clément, sind die beiden Teile, aus denen sich, durch ihre einander an entscheidenden Punkten berührenden Lebensgeschichten, diese Lösung ergibt. Michel ist Physiker und Biologe. Seit frühester Jugend geht er wie ein Alien durchs Leben. Seine lieblose Mutter Janine hat ihn, im Zuge ihrer unablässigen Ich-Suche, die schließlich in einer lächerlichen Kommune endet, der Obhut seiner Großmutter überlassen, deren Tod für Michel das letzte Verbindungsseil zum Leben kappen wird. Michel ist trotz der extremen Kälte, in der er aufwächst, ein überraschend unverstörter Mensch. Der Welt, an der ihm nie viel lag, hinterlässt er am Ende, bevor er »ins Meer geht«, sogar ein Geschenk: seine Clifden Notes, welche später die Grundlage für die genetische Veränderung der Menschheit werden, die Schaffung einer neuen Spezies, die weder Fortpflanzung noch Tod kennt. Brunos Lebensweg ist die ständige Suche nach menschlicher Nähe, die natürlich erfolglos bleibt – seine Desillusion darüber teilt er in verschiedenen längeren Gesprächen seinem Halbbruder mit, der seine berechtigten Schlüsse daraus zieht. Das größte Trauma von Bruno, dem sexuell wenig anziehenden »Omega-Tier«, ist der Selbstmord seiner Freundin. Sie war ein Mensch, mit dem er endlich all das erleben konnte, wovon er bisher nur fantasiert hatte. Als es sie nicht mehr gibt, geht es auch mit ihm zu Ende. Noch nie hat in der Literatur eine Figur auf sanftere, unpersönlichere Art den Verstand verloren.

»Anfang 1974 vertiefte sich Michel in die Hilbert-Räume; dann machte er sich mit der Maßtheorie vertraut, entdeckte die Integrale von Riemann, von Lebesgue und von Stieltjes. Während der gleichen Zeit las Bruno Kafka und onanierte im Schienenbus.«

Der siebzehnjährige Clemens Setz dachte sich, als er das las: Das bin ich. Alle beide. Und er hatte recht: Ich war ein unendlich schüchterner, vom mysteriösen Spiel erotischer Vereinigung weitgehend ausgeschlossener, unattraktiver junger Mann. Sexualität fand ausschließlich in meinem Kopf statt. Die wirkliche Welt hatte hauptsächlich mit unbelebten Gegenständen zu tun, meine Interessen waren weltfern und abstrakt, meine erotischen Fantasien obsessiv und zirkulär. Es war nicht verwunderlich, dass ich mich mit beinahe allem in diesem Roman identifizieren konnte. Mit Menschen, Kanarienvögeln, Heizkörpern. Und wenn ich Elementarteilchen heute, da ich beinahe dreißig bin, noch einmal lese, verwandle ich mich wieder in den lebensabgewandten Jugendlichen von damals. Diese vor langer Zeit abgelegte Haut noch einmal anzuziehen geht beinahe leichter, als mir lieb ist. Ich empfinde sogar eine dumpfe Freude darüber, dass die Zeit, die seither vergangen ist, keine großartigen Verwandlungen mit sich gebracht hat, keinen plötzlich gewährten Zugang in eine Welt aus Sinnlichkeit und Intimität. Der Trost, den dieses Buch zu spenden vermag, ist immer noch außerordentlich wirksam. Gleichzeitig ist er übertrieben und grob, ja fast derb. Der Zartheit, mit der von Supermärkten, Ferienresorts für Sextouristen, Swingerklubs und dergleichen erzählt wird, steht die kühle und bitter-gewalttätige Beschreibung von Kindergruppen, Schulen, Hochzeiten und Freundschaften gegenüber.