Narbig wirkt außen das schwarze Kunstleder, echtes gegerbtes Leder simulierend. Drinnen viele Seiten zum Eintragen – ein Taschenkalender oder, wie es die Titelseite verkündet: ein Merkbuch. Im Biedermeiersekretär waren mehrere davon in einem Geheimfach aufbewahrt. Vielleicht hatte der Sohn sie zufällig dort entdeckt oder sie dort selbst versteckt – um sie zu verbergen vor unserer rasenden Gegenwart, deren Malstrom alles mit sich fortreißt, im Namen des Neuen wütet und hungrig alles Vergangene verschlingt.

Jetzt hat Michael Rutschky, so heißt der Sohn, es mit der wilden Bestie namens Beschleunigung aufgenommen. Seine Waffe ist jenes schwarze Merkbuch von einst, der Kalender seines Vater, den er unserer hypernervösen Zeit und ihrer piependen, vibrierenden Organizer-Armee als Abwehrzauber entgegenhält. Nun ist Rutschky keineswegs ein heroischer Drachentöter, kein reaktionärer Rebell, sondern eher ein ironischer Intellektueller. »Die Merkurianer haben angegriffen, nichts erreicht«, heißt es bereits in der allerersten Notiz seines eigenen Merkbuches, das er als 12-Jähriger am 1. Januar 1956 beginnt; da war er also Sieger im Kampf. In krakeliger Druckschrift steht nach einem »Doll gefeiert« diese Sci-Fi-Fantasiewelt am Anfang und wird Jahrzehnte später vom mittlerweile 69-jährigen Michael kommentiert: »Der Sohn versucht das Merkbuch als Roman zu beginnen.«

Ist daraus also ein Roman geworden, den Michael Rutschky jetzt veröffentlicht hat? Es ist zunächst einmal gewiss das originellste Buch der Saison. Der Essayist hat die Taschenkalender aus jenem Biedermeiersekretär genommen – die meisten stammen vom Vater, aber auch ein paar eigene und die der Mutter sind darunter gewesen –, hat sie sich genau angeschaut, ausgedeutet und ausgesponnen. Das Merkbuch. Eine Vatergeschichte erzählt von einer Kleinfamilie in den fünfziger und sechziger Jahren, deren Leben nicht wie üblich mithilfe von Tagebüchern oder Briefen rekonstruiert wird, sondern anhand von allerspärlichsten Kalendernotizen. Hinzu kommt ein wenig Familienüberlieferung, eigene Erinnerung an Kindheit und Jugend, heutiges Wissen um die Historie – und eben Rutschkys Fantasie, sobald der Stoff es zulässt. Dank seines präzisen Blicks ersteht so die Welt der frühen Bundesrepublik ganz nah vor unseren Augen.

Der Autor betätigt sich dabei gleichsam als Archäologe. Er geht von seinen ausgegrabenen Gegenständen aus, jenen Taschenkalendern, die Vater Rutschky seit 1951 geführt hat. Jedes Jahr ist ein Kapitel, das sorgfältig mit der Beschreibung von Haptik und Optik beginnt: ob mit Goldschnitt und Firmenlogo, ob erworben oder als Werbegeschenk erhalten, dazu das, was der Vater an allgemeinen Vermerken jeweils eingetragen hat – Krankenversicherungsnummer, Telefon (das zwischenzeitlich wohl aus Kostengründen abgeschafft wurde), Kleidergröße seiner Frau, später Adressen von Geschäftspartnern und wenigen Freunden. Der Vater ist Wirtschaftsprüfer – aber der Nimbus von Reichtum, der heute diesen Beruf umweht, bleibt für den Vater und seine Familie, die in einer namenlosen hessischen Kleinstadt unweit von Kassel lebt, unerreichbar. Lange gab es kein fließendes Wasser, Fernseher und Auto sind bloße Wunschträume. Das Wirtschaftswunder macht um die Rutschkys zunächst einen Bogen.

Zahlen sind folglich zentraler Bestandteil dieser Merkbücher. »Mantel 164, Schal 19,50, Schuld an Wegner 100« und so weiter bis zu »Kaffee und Zigarren 22,70; Mann Thomas 42« notiert der Vater im Mai 1954 Ausgaben, vom Sohn jetzt getreulich wiedergegeben; darunter das Geburtstagsgeschenk für seine Frau, die Thomas Mann verehrte und die zum Geburtstag daher offenbar die soeben erschienenen Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull bekam. Michael Rutschky deutet wie ein Detektiv jede Angabe und rekonstruiert die Lebenswelt des ständig reisenden Angestellten, der wochenlang von zu Hause fort die Bücher großer Unternehmen von Stuttgart bis Hamburg prüft. Zugverbindungen werden notiert und geben Auskunft; Spesenrechnungen zeugen von bescheidenen Zuverdiensten.

Es ist wohl eine übliche Vatergeschichte, die Rutschky erzählt – ihr Reiz besteht geradezu in der deutschen Normalität, die in Rutschkys Spurensuche zum Vorschein kommt. 1893 zur Welt gekommen, im Ersten Weltkrieg an der Front, später, obwohl davon träumend, nie Chef werdend, eine junge Frau heiratend, den Schwiegereltern wegen des mangelnden Erfolgs nie genügend, die Kriegszeit überstehend, schließlich, erst mit fünfzig Jahren, Vater eines einzigen Kindes werdend: ein Mann, für den das Wirtschaftswunder biografisch zu spät kam, den Freunde auf der Karriereleiter überholten, der sarkastisch den Wiederaufstieg alter Nazis – und ihrer Firmen – kommentierte, am heimischen Abendbrottisch ganz realistisch politisierte und Adenauer ablehnte. Gerne wäre er zur See gefahren, auf brandenburgischen Gewässern segelte er mit der Mutter in den Zwanzigern – schwer litt er folgerichtig unter dem Untergang des Segelschulschiffs Pamir 1957. Hoffnungen lagen auf dem Sohn, der es aufs Gymnasium in der Nachbarstadt schafft.