Mitfahrgelegenheit : Von A nach B

Lara Fritzsche fährt mit Mitfahrgelegenheit.de von Berlin nach München

Das Auto ist ein guter Ort zum Reden: Man sitzt eng zusammen, ist aber nicht gezwungen, sich die ganze Zeit in die Augen zu schauen. Es ist ruhig, draußen fliegt die Landschaft vorbei, und nicht selten entfernt man sich gerade räumlich von einem Stressfaktor. Das Fahren geht gleichmäßig vor sich; sofern die Straße frei ist, wirkt es sogar entspannend auf alle Insassen.

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Schon als Kind, intuitiv, weiß man diese besondere Stimmung zu nutzen. Rangeleien auf dem Schulhof, von denen die Eltern eh bald erfahren würden, weil dem Gegner dabei die Mütze zerrissen und der Unterarm zerkratzt wurde, blaue Briefe oder verlorene Bibliotheksbücher – all so was beichtete man besser in voller Fahrt als beim Abendbrot. Aber die Pseudointimität im Inneren des Wagens eignet sich nicht nur für Geständnisse, sondern auch für ungewöhnlich offene Unterhaltungen. Sogar mit Fremden, die man an einer Straßenecke aufnimmt und viele Kilometer später wieder irgendwo absetzt.

Mitfahrgelegenheitsgeschichten sind auf WG-Partys längst fester Bestandteil der Abenddramaturgie. Es beginnt meist damit, dass einer eine moderne Horrorgeschichte von einem Fahrer erzählt, der im Dunkeln plötzlich von der Autobahn abgefahren sei, um eine kleine Nebenstraße zu nehmen, danach die verwunderten Mitreisenden angebrüllt und schließlich still und rasend Dosenbier getrunken habe. Dann beginnt das kollektive Gejammer darüber, dass die Fahrer oft gar nicht wirklich bedürftig, sozial oder grün seien, sondern an den Mitfahrern nur Geld verdienen wollten. Und schließlich – mit steigendem Alkoholpegel – erzählen dann alle von ihrer schönsten Mitfahrt, die meistens zur Pointe führt, dass jemand etwas über sich selbst gelernt hat.

Das klingt gut. Also suche auch ich mir im Internet für meine Fahrt von Berlin-Mitte nach München-Schwabing ein paar Mitfahrer. Die Scheu voreinander verlieren Sarah, Roland und ich dann aber doch erst auf Höhe der Ausfahrt Lederhose, nachdem Roland peinlich berührt um eine Toilettenpause gebeten hat, Sarah sich einen doppelten Espresso gekauft und mir initiativ Schokolade mitgebracht hat. Am Ende, an der Münchner Freiheit, ist einiges klarer als vorher: Roland will in Zukunft weniger arbeiten und öfter Nein sagen, Sarah studiert vielleicht noch ein zweites Mal und diesmal das, was sie wirklich interessiert, und ich fahre nie mehr alleine.

Technische Daten

Website: mitfahrgelegenheit.de
App: für Android und iPhone
ständig verfügbare Fahrten: 650.000
meistgebuchte Strecke: HamburgBerlin
üblicher Preis auf dieser Strecke: 15 Euro
üblicher Preis pro hundert Kilometer: 5 bis 7 Euro

Lara Fritzsche ist Autorin des ZEITmagazins

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