Russland feiert in diesen Tagen den 200. Jahrestag eines hoch geschätzten Traumas. Am 24. Juni 1812 überquerte Napoleon mit seinen Truppen die Memel in östlicher Richtung. Er sollte ein halbes Jahr lang in Russland verlustreiche Schlachten schlagen, Moskau einnehmen, nach der Feuersbrunst die Stadt wieder verlassen und mit den Resten seiner Grande Armée in einem Elendstreck gen Heimat fliehen. Und dennoch – obwohl Napoleons Krieg den Westen Russlands verwüstete und Hunderttausende das Leben kostete, verschaffte er den Regierenden des Vielvölkerreichs zugleich ein kostbares Gut: das Gefühl der Volkseinheit.

Schon die Vertreibung der polnischen und litauischen Besatzer aus dem Kreml exakt 200 Jahre zuvor, 1612, diente russischen Herrschern als glorreiches Vorbild: Gemeinsam sind wir unschlagbar! Zum Gedenken an diese erste Befreiung spendierte Präsident Wladimir Putin vor sieben Jahren dem Volk sogar einen neuen Feiertag. Die zurückgeschlagenen Invasionen des Schwedenkönigs Karl XII., Napoleons und Hitlers bekräftigten dann in Jahrhunderten die Botschaft von 1612. Vor allem der Sieg über den französischen Kaiser gehört längst zu den Gründungsmythen einer russischen Nation, die sich von Feinden umringt sieht. Bis heute soll die Erinnerung daran das Volk mobilisieren. In einer Wahlkampfrede vor Zehntausenden Anhängern zitierte Putin am 23. Februar martialische Verse aus dem Gedicht von Michail Lermontow über die Schlacht von Borodino gegen Napoleon. Fast jedes Schulkind lernte sie früher auswendig. »Sterbt vor Moskau, wie unsere Brüder starben!«, rief Putin aus und fügte als Kampfruf an: »Die Schlacht um Russland geht weiter, der Sieg wird unser sein!«

»Früher hieß es immer«, erklärt der Historiker Denis Sdwischkow vom Deutschen Historischen Institut in Moskau, »wir seien keine Nation. Die Geschichte aber schenkt uns gleichsam eine gemeinsame Erinnerung. Und heute hilft sie auch bisschen mit, den Verlust unseres Großmachtstatus zu verwinden.« Napoleons Feldzug verwandelte sich zudem in eine besondere Legende, denn für viele ist er mit der russischen Literatur verbunden, mit Puschkin und Lermontow – und nicht zuletzt mit Tolstois Jahrhundertepos Krieg und Frieden von 1868.

Das Gedenkjahr wird entsprechend gefeiert: mit Pomp und Pulverdampf. Auch Partys für Kinder gibt es – unter dem Motto »Kleiner Zinnsoldat«. Knapp 70 Millionen Euro ist dem Staat das alles wert. Er ließ den Triumphbogen an der Moskauer Ausfallstraße zur Präsidentendatscha und das Borodino-Panorama renovieren. Am Roten Platz entstand im hinteren Flügel des früheren Lenin-Museums ein 1812-Museum, das vor hundert Jahren noch an Geldmangel gescheitert war. Enthusiasten planen einen Pferdelauf auf den Spuren der vorrückenden russischen Kavallerie von Moskau nach Paris. Streckenweise werden die Tiere allerdings gefahren, da es sonst zu lange dauern würde.

Auch einen Orden haben die Organisatoren schon für ihresgleichen entworfen: das Kreuz für »die Verewigung der Erinnerung an den Vaterländischen Krieg 1812«, zu tragen, wie die Anweisung lautet, »links an der Brust unterhalb der anderen Auszeichnungen«. Sogar im knapp 5.000 Kilometer entfernten sibirischen Jakutsk fand bereits ein Jugendball »zu Ehren der Offiziere von 1812« statt.

Russlands Regierung versucht, ihre Version der historischen Ereignisse auf sanftem Wege durchzusetzen: vom Triumph des »einigen russischen Volkes« bis zur Schlacht von Borodino, die Napoleon im September 1812 schwere Verluste zufügte, ihn aber nicht aufhalten konnte und heute als würdiges Unentschieden interpretiert wird. »Der Staat gründet eine Kommission, die das offizielle Geschichtsbild prägen soll«, erzählt Sdwischkow. »Während in anderen Ländern erst in der Diskussion der Historiker Geschichtsdeutung entsteht, versucht dies in Russland der Staat allein.«