DIE ZEIT: Sie sind Transplantationsmediziner und Mitglied im Deutschen Ethikrat. Angesichts der aktuellen Diskussion um die Organspende fragt man sich: Geht beides zusammen?

Eckhard Nagel: Das geht sehr wohl zusammen, und schon die Frage erschüttert mich. Aber sie zeigt, wie weit der Vertrauensverlust durch die nun aufgedeckten Manipulationen reicht. Für mich, der sich seit mehr als 20 Jahren für die Organspende einsetzt, bringt das den Boden zum Wanken.

ZEIT: Nun sagen alle Transplantationsmediziner, sie hätten sich eine Manipulation von Patientendaten, um besser an Organe heranzukommen, nicht vorstellen können. Ist dieses Unwissen glaubwürdig?

Nagel: Egal, was jetzt in der öffentlichen Diskussion über unsere Zunft gemutmaßt wird – ich persönlich habe tatsächlich nicht geglaubt, dass so etwas in Deutschland passiert. In meinen Vorträgen zur Organtransplantation habe ich immer stolz darauf hingewiesen, dass wir in Deutschland auch vor dem ersten Transplantationsgesetz von 1997 keine Fälle von Organhandel oder von Manipulation bei der Verteilung von Organen hatten. Jetzt muss ich anerkennen: Zu glauben, dass so etwas bei uns nicht vorkommen kann, war unrealistisch.

ZEIT: Sie kannten den verdächtigen Arzt, der die Vorwürfe allerdings bestreitet. Er hat wie Sie und ein großer Teil der heute führenden Transplantationsmediziner sein Handwerk in Hannover gelernt.

Nagel: Richtig, bei Rudolf Pichlmayr. Pichlmayr war nicht nur ein außergewöhnlicher Chirurg – auf ihn geht ja die Einführung des Begriffs der Transplantationsmedizin in Deutschland zurück. Er war ein äußerst reflektierter und zurückhaltender Mediziner, der diese Haltung auch an seine Schüler weitergegeben hat. Lange Zeit hat er es trotz vielfachen Drucks abgelehnt, bei Kindern Nierentransplantationen durchzuführen, weil er die Spätfolgen für die Transplantierten fürchtete. Erst als er alle Probleme für ausreichend durchdacht hielt, hat er diesen Schritt gewagt. Den jetzt geäußerten Verdacht, in Hannover habe man es mit der Ethik nicht so genau genommen, muss ich scharf zurückweisen. Es zeigt sich aber, dass nicht alle mit dem persönlichen Erfahrungsschatz gleich umgehen.

ZEIT: Auch Sie gehen von einem Einzelfall aus?

Nagel: Man muss es immer wieder sagen: Bislang gibt es nach meiner Kenntnis nur den Fall, den wir jetzt diskutieren.

ZEIT: Aber ganz allein kann niemand Patientenakten fälschen. Half das Hierarchiedenken, das in der Universitätsmedizin noch immer vorherrscht? Gerade bei Chirurgen ist es stark ausgeprägt.

Nagel: Die Organisation der Universitätschirurgie ist entwicklungsfähig, was Mitbestimmung und auch Kritikfähigkeit angeht. Dass Mitarbeiter jedoch wegschauen, wenn ethisch nicht vertretbare Handlungen stattfinden, dürfte die Ausnahme sein. Gerade in der Transplantationsmedizin arbeiten Menschen, die eine hohe persönliche Hingabe für die Patienten haben...

ZEIT: ...die sie vielleicht ja gerade anfällig dafür macht, zu manipulieren, damit der Kranke ein neues Organ bekommt.

Nagel: Die Spannung, helfen zu wollen, aber wegen des Organmangels nicht helfen zu können, ist natürlich groß. Das belastet emotional, weil es oft um Leben und Tod geht. Aber auch in der Onkologie oder in der Palliativmedizin benötigen Ärzte eine besondere professionelle Distanz. Die kann man lernen, und das ist in der Transplantationsmedizin nicht schwieriger als in anderen Bereichen. Die Not des einzelnen Patienten, der ein Organ benötigt, kann niemals eine Entschuldigung für Manipulation sein.