ZeitkritikDas neue Lebensgefühl

Der neue Streit um die Moderne: Armin Nassehi hört in aktuellen Zeitdiagnosen nur "Gejammer". Doch was leistet eigentlich die Soziologie? Eine Entgegnung von Hartmut Rosa

Man kann es als die Aufgabe der Soziologie ansehen, Probleme zu lösen, die wir ohne sie nicht hätten. So hält es Armin Nassehi. Es stellt sich dann allerdings die Frage, was eine solche Soziologie zu den Problemen beitragen kann, welche die Gesellschaft tatsächlich hat. Wie sich an Nassehis Replik zu der von Thomas Assheuer angestoßenen Modernediskussion zeigt, lautet die Antwort darauf: nicht viel.

Assheuer hat dargelegt, dass aktuelle Gegenwartsdiagnosen eine neue Krisenlage wahrnehmen, die das Ende der Moderne zu markieren scheint. Angezeigt werde diese Diagnose durch die neuerliche Konjunktur der Spät-, Post- und End-Theorien, welche die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft zum Ausdruck brächten, der die Zielhorizonte abhandengekommen seien und die sich von der endlosen Selbstbewegung des Kapitals ohnmächtig getrieben fühle.

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Nassehi sieht in diesen Theorien nur das Jammern der Ewiggestrigen, die immer noch nicht begriffen hätten, was die Systemtheorie verkündet: dass nämlich die moderne Gesellschaft radikal funktional differenziert ist. Dies bedeute, dass Politik, Wirtschaft, Recht und Wissenschaft ihren je eigenen Prinzipien oder "Codes" folgten und dass deshalb die gesellschaftliche Einheit verloren und alles schön komplex und vor allem unregierbar sei, weil kein System dem anderen vernünftig hineinreden könne. Das, so die Epigonen Niklas Luhmanns, sei seit mindestens 250 Jahren der Fall – bloß hätten es alle anderen Soziologen, vor allem die Vertreter der Kritischen Theorie, bis heute nicht begriffen. Und so trauerten diese mit ihren Fantasien von autonomen Subjekten und einer gestaltenden Politik im Grunde nicht der Moderne, sondern der Vormoderne hinterher. In der waren solche Einheitsideen plausibel, weil die ständische Gesellschaft in Kirche und König noch Spitze und Zentrum hatte.

Hierin offenbart sich eine gleich doppelte Armut, welche eine Systemtheorie, wie Nassehi sie vertritt, kennzeichnet: Weil ihr Moderneverständnis im Grunde vollkommen statisch ist, fehlt ihr jegliche Sensibilität und jegliches Instrumentarium, um kulturelle und strukturelle Verschiebungen und Verwerfungen innerhalb der Moderne zu erklären. Und weil die Systemtheorie die Nöte der Menschen für irrelevant erklärt und von keinem Anliegen und keiner Idee angetrieben wird, wohin es gesellschaftlich gehen soll, zielt sie auf keine andere Erkenntnis als darauf, andere sozialwissenschaftliche Ansätze als irregeleitet, idealistisch und rückständig zu demaskieren. Diese doppelte Armut verbirgt sie hinter einem hohlen Überlegenheitsgestus, der nichts weniger beansprucht, als die "eigentliche" soziologische Theorie zu sein.

Ob ein Theorieprogramm es wert sei, verfolgt zu werden, so bemerkte Luhmann zu Recht, hänge davon ab, was und wie viel man mit ihm sehen könne. Nassehi aber bleibt blind für aktuelle Verschiebungen, weil er die "Grundformel" und Grunderfahrung der Moderne – die er erkenntnistheoretisch ohnehin nicht begründen kann – falsch oder zumindest einseitig bestimmt. Diese bestehen auf ihrer elementarsten strukturellen Ebene nämlich nicht darin, dass die ausdifferenzierten Bereiche "völlig unterschiedliche interne Logiken, Erfolgsbedingungen, Reflexionstheorien, Erwartungsstile" entwickeln, sondern darin, dass sie sich nur dynamisch zu stabilisieren vermögen – das konstitutive Moment der Moderne ist ihre unaufhebbare und unhintergehbare Steigerungslogik.

Eine Gesellschaft, so lautet der Vorschlag der jüngeren Jenaer Soziologie, ist somit dann modern, wenn sie auf Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung angewiesen ist, um sich zu reproduzieren. Das ist offensichtlich bei kapitalistischen Ökonomien, denn sie müssen wachsen, um stabil zu bleiben. Wenn der Wohlstand erhalten werden soll, muss die Wirtschaft wachsen, was sie nur kann, wenn sie zugleich beschleunigt und erneuert. An der kapitalistischen Grundformel "G-W-G’" (also Geld, das in die Warenproduktion investiert wird, um einen Profit zu erwirtschaften) hängt nicht nur die Stabilität des Wirtschaftssystems, sondern auch die des Sozialstaates, der seine Umverteilungsressourcen aus dem Mehrprodukt bezieht, und die Stabilität der Demokratie, deren Legitimität – bisher jedenfalls – ganz wesentlich auf dem Wohlstandsversprechen beruht.

Nun mag es gute Gründe dafür geben, diese Steigerungslogik nicht nur in der Ökonomie verankert zu sehen, sondern sie als übergeordnetes Funktions- und Stabilisierungsprinzip der Moderne zu verstehen. So beruht auch die moderne Wissenschaft nicht mehr darauf, Wissen zu bewahren und weiterzugeben, sondern sie reproduziert sich darüber, neue Forschungsprojekte zu initiieren und Antworten zu geben, welche die zuvor gefundenen Lösungen überbieten – wobei sie immer atemloser wird.

Leserkommentare
  1. Liebe Redaktion,

    vielen Dank für den sehr interessanten Beitrag.
    Eine Anmerkung: Der letzte Absatz ist doppelt.

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