Eine Wissenschaftlerin bewirbt sich um eine Professur, die Stelle bekommt ein Mann, der schlechter qualifiziert ist. Doch im Gegensatz zu vielen Frauen, die Ähnliches erlebt haben, wehrt sie sich: Sie zieht vor Gericht.

Die Frau, die die gläserne Decke sichtbar machen will, ist erfolgreiche Wissenschaftlerin, zweifache Mutter und nicht einmal 40 Jahre alt. Susanne Rapp* hat Jura studiert, bekam für ihre Doktorarbeit die Bestnote und sammelte Berufserfahrung in einer Anwaltskanzlei.

Rapp war ehrgeizig. Und bewarb sich um die Professur an der Hochschule Neubrandenburg. Die Stelle passte perfekt zu ihrem Profil. Der Mann, der den Job bekam, war ihr in wesentlichen Belangen unterlegen: Er hatte weniger veröffentlichte Fachtexte, weniger Lehrerfahrung und eine schlechter bewertete Promotion.

Allerdings kannte er den Vorsitzenden der Berufungskommission gut. An der Universität Kiel waren sie jahrelang als wissenschaftliche Mitarbeiter am selben Lehrstuhl tätig und hatten gemeinsam publiziert. Das mit der Bewerbung eingereichte Publikationsverzeichnis wies gleich ein halbes Dutzend gemeinsamer Veröffentlichungen auf. Für die Berufungskommission hätte eigentlich offensichtlich sein müssen, dass sich ihr Vorsitzender und der Bewerber gut kannten.

Als Rapp vom engen Verhältnis zwischen ihrem Mitbewerber und dem Vorsitzenden erfuhr, schien ihr klar: Der Kommissionsvorsitzende war befangen gewesen. Ihrer Ansicht nach wollte er einen Bekannten bevorzugen. »Ich habe bei der Uni Einsicht in die Unterlagen meines Mitbewerbers beantragt und konnte gar nicht glauben, wie offensichtlich meine bessere Qualifikation ignoriert wurde«, sagt sie heute, noch immer empört über die Entscheidung der Berufungskommission. Susanne Rapp ist den einzigen Weg gegangen, über den sie sich in ihrem Fall wehren kann. Den rechtlichen.

Auf eine Anfrage der ZEIT erklärte die Hochschule, dass die »fachliche Qualifizierung und damit die Reihenfolge der Berufungsliste« weder vom zuständigen Bildungsministerium in Schwerin noch vom Gericht »in Frage gestellt wurde«. Zum engen Verhältnis des siegreichen Bewerbers und des Kommissionsvorsitzenden äußerte sich die Hochschule nicht. Der erfolgreiche Bewerber selbst wollte sich trotz mehrfacher Anfragen der ZEIT gar nicht zu den Vorwürfen äußern.

Rapps Fall scheint mindestens ein Indiz zu sein für die Frage, warum Frauen zwar bei den Uni-Absolventen mit 51 Prozent die Mehrheit stellen, die Spitzenpositionen in Wissenschaft und Forschung aber immer noch fest in Männerhänden sind. Es gilt: Je höher die Karrierestufe, desto niedriger der Frauenanteil. Bei den Professuren sind Frauen nur noch mit 13,6 Prozent vertreten.

Unter Wissenschaftlern gilt: Wer klagt, setzt seine Karriere aufs Spiel

Politische Willensbekundungen, Professorinnenprogramme und Selbstverpflichtungen der Unis zeigen bislang kaum Wirkung. Dabei mangelt es den Wissenschaftlerinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen weder an Qualifikation noch an Ehrgeiz. Aber an Kontakten. Im männerdominierten Wissenschaftsbetrieb fehlen ihnen die nötigen Seilschaften und informellen Netzwerke, um attraktive Professorenposten zu ergattern.

Männer verbrüdern sich häufig schon zu Beginn ihrer Karriere und hieven sich früh gegenseitig auf lukrative Posten. Die unsichtbaren Bande werden an den Frauen vorbei gesponnen. Um eigene Seilschaften zu bilden, sind sie oft zu wenige. Die gläserne Decke versperrt ihnen den Zugang in die höchsten Sphären der Wissenschaft. »Wie Professuren besetzt werden, ist extrem undurchsichtig«, sagt Jutta Dalhoff, die Leiterin des »Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung« in Köln. »Die Verfahren werden nicht öffentlich dokumentiert. Warum eine Kommission sich für einen Bewerber entscheidet, kann man von außen nicht nachvollziehen.« Wie im Fall von Susanne Rapp könne man oft nur darauf hoffen, dass die Gleichstellungsbeauftragten sich für eine benachteiligte Bewerberin einsetzen.