Wladimir Putin hat einen guten Freund. Sein bürgerlicher Name lautet Wladimir Gundjajew. Die beiden können sich aufeinander verlassen. Als Zehntausende auf Moskaus Straßen brüllten: »Russland ohne Putin!«, stellte sich Gundjajew hin und sagte: Beruhigt euch, Leute, diesem Putin könnt ihr vertrauen. Als Gundjajew, ein Mann mit Visionen, nicht mehr wusste, wie er seine Träume bezahlen sollte, schlug Putin vor, ihm ein paar Grundstücke in bester Lage zu übereignen. Was Freunde eben so füreinander tun. Da gibt es nur ein Problem. Dieser Wladimir Gundjajew heißt seit dem 1. Februar 2009 Kyrill I. Der heilige Synod wählte ihn zum 16. Patriarchen von Moskau und der gesamten Rus. 100 Millionen Gläubige hören auf sein Wort.

Es war ebendiese Männerfreundschaft, die die Band Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale beschimpfte. Und es war ebendieser Auftritt, in dem Putin und Kyrill jenen »aggressiven Liberalismus« erkennen, gegen den sie eintreten.

Mit einer neuen nationalen Idee wollen Putin und Kyrill Russland gemeinsam aus der Postsowjet-Sinnleere ziehen. Putin spricht allgemein von traditionellen russischen Werten, Patriarch Kyrill wurde kurz nach seiner Amtseinführung konkreter. Die Grundwerte der russischen Zivilisation seien von jeher Vaterlandsliebe, eine Moral, die auch die natürliche Umwelt heilighält, und Treue zur Familie. Dass Russland laut Verfassung ein säkularer Staat ist, hält die beiden nicht davon ab, gemeinsame Sache zu machen.

Kyrill entstammt einer Priesterfamilie aus Sankt Petersburg, sein Vater war Priester, sein Bruder ebenfalls, sein Großvater verbrachte 18 Jahre in Straflagern, weil er das Wort Gottes verkündete. Wladimir Gundjajew legte mit 23 Jahren das Mönchsgelübde ab. Nie aber war er einer jener Einsiedler in brauner Kutte, deren einziges Ziel darin besteht, Gott so nah wie möglich zu kommen. Bevor er Patriarch wurde, leitete er das Außenamt des Patriarchats, war also gewissermaßen dessen Außenminister. Er schätzt eine Kirche, die politisch aktiv ist.

Der Ex-KGB-Offizier Wladimir Putin ist nicht dafür bekannt, besonders gläubig zu sein. Seine Mutter ließ ihn heimlich taufen, doch auf Fragen nach Gott antwortet er ausweichend. »Ich denke, jeder Mensch sollte ein moralisches und geistiges Fundament haben. Und wenn Gott existiert, dann ist er in den Herzen der Menschen«, sagte Putin einmal in einem Interview. Als Kirchgänger wurde er der Öffentlichkeit bekannt, als 2000 der Beginn seiner ersten Präsidentschaft mit einem Gottesdienst gefeiert wurde. Die orthodoxe Kirche erklärte jetzt, damit sei eine Tradition begründet worden. Also empfing Kyrill Putin nach seiner Wiederwahl im März zu einer Privataudienz.

Gemeinsam treiben die beiden die Verflechtung von Staat und Kirche voran. Kyrill wird von Kremlkritikern oft als Moralminister Putins bezeichnet, er korrigiert Lehrpläne staatlicher Schulen. Putin ist der Mäzen des Patriarchen. Er hat dafür gesorgt, dass die russisch-orthodoxe Kirche nicht nur ein moralisches, sondern auch wirtschaftliches Schwergewicht ist.

Das Moskauer Patriarchat hat zahlreiche Verträge über die Zusammenarbeit mit Ministerien in Bildungseinrichtungen, Kasernen, Polizeistationen, Gefängnissen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen abgeschlossen. Kirchenvertreter sitzen in staatlichen Gremien, regelmäßig treffen Beamte des Außenministeriums und Mitarbeiter des Patriarchats zu Beratungen zusammen. Kyrill schickt seine Priester in Talkshows des staatlichen Fernsehens, ein Erzpriester erklärte dort jüngst, Menschen, die nicht glauben, seien psychisch krank. Der Patriarch folgt mit gutem Beispiel. Bei einem Besuch in der Akademie für den Staatsdienst warnte er die angehenden Beamten vor dem liberalen Westeuropa: Dort lebten schwache, bequeme Menschen, die der Opferbereitschaft der Muslime nichts entgegenzusetzen hätten.