Rechtsextremismus : Kristallnacht im August

"Deutschland den Deutschen": Im Sommer 1992 wütete ein entfesselter Mob in Rostock-Lichtenhagen drei Abende lang gegen "Ausländer" und "Asylanten".

Vor Kurzem erst enttäuschte Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling amerikanische Touristen. Sie hatten ihn nach dem Friedhof für die Opfer von Lichtenhagen gefragt. Ungläubig hörten sie, es habe keine Toten gegeben, anders als bei den Brandanschlägen in Solingen, Lübeck, Mölln. Obwohl wir keinen Deut besser sind, sagt Methling. Ich schäme mich dafür, was wir 1992 hier zugelassen haben.

Hielten Sie das für möglich?

Nein. Aber es zeigt, wie schnell etwas explodieren kann, wenn man Öl ins Feuer gießt – durch unbedachte Äußerungen, durch eine versagende Politik.

Methlings Pressereferent Ulrich Kunze: Ich gehöre nicht zu den Rostockern, die sich scheuen, von Pogrom zu sprechen.

Das Pogrom von Lichtenhagen. Vor zwanzig Jahren brannte in der Rostocker Trabantenstadt das sogenannte Sonnenblumenhaus. Der elfgeschossige Plattenbau mit dem Wandmosaik beherbergte Mecklenburg-Vorpommerns Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst). Den Nachbaraufgang bewohnten Vietnamesen, die einst als »Vertragsarbeiter« in die DDR gekommen waren.

Im Sommer 1992 lagerten vor dem Sonnenblumenhaus Scharen von Flüchtlingen, vor allem aus Rumänien. Sie mussten tagelang ohne Verpflegung und Toiletten auf der Wiese kampieren, weil die überfüllte ZAst sie nicht registrierte. Die Zustände entglitten. An drei Abenden, vom 22. bis zum 24. August, versammelte sich am Sonnenblumenhaus deutscher Volkszorn – protestierend, randalierend, endlich gewaltbereit, auch nach dem Abtransport der Asylbewerber. Steine flogen, dann Molotowcocktails. Rädelsführer stiegen über die Balkone ins Gebäude ein und legten Feuer, zum Jubel des Mobs. Das Tatmotiv wurde aus Tausenden Kehlen gegrölt: DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN, AUSLÄNDER RAUS!

Die Polizei?

Blieb unsichtbar.

Die Feuerwehr?

Drang nicht durch.

Die TV-Welt wurde Zeuge. Die Fernsehbilder aus den Augusttagen 1992 wirkten wie ein »Kristallnacht«-Remake. In jener Nacht schrumpfte das ostdeutsche Heldenvolk zum Pöbel von Lichtenhagen. Zur Symbolfigur promovierte der arbeitslose Baumaschinist Harald Ewert, der im Deutschland-Trikot und mit eingenässter Joggingbuxe den Hitlergruß entbot. Später bestritt er Blasenschwäche und nazistische Gesinnung. Die Nässe sei Bier gewesen und sein Arm irgendwie reflexhaft hochgeflogen, als der deutschtrunkene Bürger mit dem tobenden Volkskörper verschmolz.

Etwa 120 Hausinsassen gerieten in Todesgefahr. Dass niemand starb, war schieres Glück und das Verdienst von Vietnamesen, die das Dach aufbrachen.

Zufällig befand sich im brennenden Haus ein Kamerateam des ZDF-Magazins Kennzeichen D, darunter Jochen Schmidt. Zehn Jahre später schrieb er ein Lichtenhagen-Buch. Politische Brandstiftung rekonstruiert die Ereignisse mit Akribie, vor allem das Versagen der Behörden.

Seit Wochen hatten Stadt und Land einander die Verantwortung für die Asylbewerber zugeschanzt. In der Brandnacht verschwand Rostocks Polizeidirektor Siegfried Kordus drei Stunden lang zum »Hemdwechsel«. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lothar Kupfer (CDU) fand »vom Faktischen her eine absolute Gefährdung nicht gegeben«. Der CDU-Ministerpräsident Berndt Seite dekretierte, die Vorfälle zeigten, dass »die Bevölkerung durch den ungebremsten Zustrom von Asylanten überfordert wird«.

Jochen Schmidts erbitterte These: Inkompetenz und Schlamperei dienten einem perfiden politischen Willen. Die Politik wünschte ein Fanal und ließ die Volksmeute absichtsvoll gewähren. Das Pogrom von Lichtenhagen war die Marschmusik für ein rigide verschärftes Asylgesetz. Helmut Kohls Regierung installierte es 1993 – mit Zustimmung der SPD. Schmidts Buch bündelt Indizien. Den Schießbefehl, sozusagen, hat der Autor nicht gefunden.

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Kommentare

68 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Polizeiversagen

Ich finde es gut, dass dieser Sachverhalt wieder aufgearbeitet wird, aber eine Sache hat im Artikel gefehlt.

Die Situation war gerade deswegen so brenzlich, weil die Polizei in vielen Gesichtspunkten eklatant versagt hat. Das größte Armutszeugnis war, dass die Polizei trotz der gefährlichen Lage ihre Hundertschaft abgezogen hat.

Das Gebäude, indem sich mehr als 100 Vietnamesen befanden, wurde von den Aufständischen umstellt. Trotz alledem hat die Polizei alle Ressourcen abgezogen und die Personen in diesem Gebäude waren eine Stunde schutzlos ausgeliefert, während die untersten Geschosse lichterloh brannten.

Als ich dies vor kurzem im Fernsehen gesehen habe, war ich wirklich geschockt. Wie durch ein Wunder gab es bei dieser Aktion keine Toten.

Polizeiversagen

Die Polizei hat aber mehrere Fehler begangen.

1. Die Polizisten am ersten Tag waren vollkommen falsch gekleidet. Es gab keinerlei Schutzkleidung für die Beamten, sondern nur die normale Polizeiuniform.

2. Die Wasserwerfer-Fahrzeuge kamen viel zu spät und wurden dann frühzeitig wieder abgezogen.

3. Und das ist wirklich ein eklatanter Fehler: Obwohl die Situation immer noch gefährlich und längst nicht gebannt war, wurde die Hundertschaft komplett abgezogen. Somit waren die Aufständischen ganz unter sich. So etwas darf einfach nicht passieren.

Ihrem Vorkommentator

ging es wohl eher im die Intention, dass die Polizei nicht 'Fehler' begangen hätte, sondern durch ihre Nicht-Aktionen eindeutige politische Stellung bezogen hatten. Auf wessen Geheiß wäre hier ein Gebiet für die Aufklärungsarbeit.

Selbst begrüße ich ebenso die Erinnerung an diese fürchterlichen Ereignisse. Die Asylpolitik mit den 'Heimen' außerhalb der Orte ist nicht zum Besseren gediehen.

Was war eigentlich die Begründung

für das Verhalten der Polizei?

Aber bei der NSU wurde ja auch geschlampt. Wenn's hingegen um Linke oder friedliche Protestler gegen Staatsprojekte geht (s. Stuttgar 21) wird gleich der Knüppel ausgepackt. Gerade bei den Rechten mit ihrer gewalttätigen und verfassungsfeindlichen Gesinnung werden Samthandschuhe angezogen.

Das könnte man als verkappte Zustimmung für diese Strömungen in Teilen der Polizei werten.

Polizeiversagen? Schwer zu sagen

Die Polizei bestand in 1992 zum größten Teil aus Polizisten der ehemaligen DDR.
Diese Polizisten waren in Ost und West aber äußerst schlecht angesehen, da sie für viele immer noch die Staatsmacht der untergegangen DDR repräsentierten.
Um es mal zusammenzufassen:
Die Polizisten wären bei einem sehr entschlossenen Handeln vermutlich totgeschlagen worden. Einfach aus einem diffusen Gefühl heraus, sich jetzt endlich an den Schergen des DDR-Diktatur rächen zu können.

Gesellschaftliche Orientierunglosigkeit und Verheißung

In einer Zeit, in der gesellschaftliche Orientierungslosigkeit voranschreitet - und 1992 war eine solche Zeit reagiert der Mensch mit eingeschränkter Logik: Mit dem naiven Blick einiger 89-iger, die meinten von der ohne-Leistung in den Ruin DDR in das ohne Leistung-Wohlstand Deutschland wie durch Gottes Hand geschwebt zu sein, entlarven sich plötzlich, aber konsequent Erwartungen. Entfremdung von jeglichem Fremden konnte niemals durch staatlich verordnete Völkersolidarität aufgefangen werden, wenn anerkanntermaßen an mancher Straßenecke Enttäuschung auch durch faule Eier, die den Brei verderben, zu erklären waren - aber nicht erklärt wurden. Mecklenburg-Vorpommern, damals wie heute, hat einen Ausländeranteil von gerade mal 2 von 100. Es ist nur mit dem Übergang aus dem indoktrinierten DDR-System zu erklären, wie man dort mit der Fremdendebatte bis heute bei Wahlen in Vorpommern bis zu 30% der Wähler einkassieren kann. Und um das gleich vorweg zu nehmen, hier gibt es kein ostdeutsches oder typisch deutsches Phänomen: in den Pariser Vororten herrscht Bürgerkrieg, in Neukölln geht man nach 21 Uhr nicht mehr allein auf die Straße, in Tel Aviv werden Araber mitten am Tage von Jugendlichen gelyncht. Gesellschaftliche Orientierungslosigkeit - ob real oder nur gefühlt - abstrahiert komplexe Lebensformen und stellt einen egoistischen Trieb in den Vordergrund und lässt diesen sich hemmungslos ausleben: So damals in Rostock, so heute in Israel.

Bitte überdenken Sie die Überschrift

Sehr geehrte Redaktion,

bitte lesen Sie dringend nach, warum man nicht von "Kristallnacht" reden sollte. Es schockt mich doch sehr, diesen Ausdruck in einer Überschrift der "Zeit" zu sehen.

Gute Informationen finden Sie unter http://de.wikipedia.org/w... ab "Bezeichnungen".

Avraham Barkai:

„‚Kristallnacht‘! Das funkelt, blitzt und glitzert wie bei einem Fest! Es wäre längst Zeit, daß diese böswillig-verharmlosende Bezeichnung zumindest aus der Geschichtsschreibung verschwände.“

Dieser Begriff

wurde 1992 im Ausland in zahlreichen Medien für die Übergriffe von Rostock-Lichtenhagen, wenn auch zumeist mit einem Fragezeichen versehen, verwendet.

Er ist damit Zeitgeschichte geworden, und findet als solcher wohl in dieser Überschrift Verwendung.

Gleichwohl haben Sie natürlich Recht darin, dass hinsichtlich Ausmaß und historischer Bedeutung jeder Vergleich mit 1938 hinken muss.