Die Gattungsbezeichnung von W. G. Sebalds Die Ausgewanderten lautet: Vier lange Erzählungen. Dieser Untertitel hilft nicht wirklich weiter. Er bietet nur ein Minimum an Festlegung. Tatsächlich hat die Wucht, mit der W. G. Sebald (1944 bis 2001) seit den frühen neunziger Jahren zu einer Zentralfigur der deutschen Gegenwartsliteratur geworden ist (in Deutschland, aber noch mehr im angelsächsischen Ausland), mit dieser Genre-Unbestimmtheit zu tun. Ja, da wird erzählt, aber ist der Erzähler nicht einfach der Autor W. G. Sebald? Ja, diese Erzählungen haben eine gewisse Länge, aber sind es tatsächlich Erzählungen im Sinne belletristischer Fiktion und nicht viel eher Dokumentationen authentischer Lebensgeschichten? Und was ist überhaupt der Status dieser Literatur, die zwar einerseits in einer höchst manierierten Kunstsprache daherkommt, als sei sie im Gespräch mit Adalbert Stifter und Johann Peter Hebel entstanden, die aber andererseits sehr stark den Charakter einer historischen Recherche in den Archiven hat? Ständig wird der Fließtext ergänzt durch unscharfe Fotografien aus alten Alben oder durch quasi gerichtsnotorische Indizien wie eine Schifffahrtskarte, die den Echtheitscharakter des Erzählten belegen.

W. G. Sebald, der leise, schwermütige Formkünstler, brachte die Nachkriegsliteraturordnung durcheinander. Mit seinem Auftreten endete endgültig die ästhetische Hegemonie der Gruppe 47. Tatsächlich unterlaufen Die Ausgewanderten sehr geschickt einige Grundkoordinaten der Ästhetik und ihrer kunstpolitischen Frontstellungen: Einerseits griff Sebald mit dem Einsatz dokumentarischer Elemente ein Mittel der literarischen Moderne auf, bettete dieses aber andererseits in einen Erzählgestus ein, der seine Beheimatung im 19. Jahrhundert bis ins Sprachliche hinein nicht verleugnete. Bis dahin galt: Die Schrecken des 20. Jahrhunderts, namentlich der Holocaust, haben alle sprachlichen Darstellungsmittel, die zeitlich davor entstanden sind, obsolet und moralisch fragwürdig gemacht. Und plötzlich kam W. G. Sebald, erzählte mit der erbarmungslosesten Obsession von nichts anderem als diesem mörderischen 20. Jahrhundert, drehte aber die bis dahin gültigen Korrespondenzen zwischen Gegenstand und Darstellungsweise genau um. Als halte in diese Abgründe zu schauen der Autor nur aus, weil ihn eine Sprache stützt, die von den Schrecken, von denen sie erzählt, noch nicht infiziert ist. So kommt es zu jener schwindelerregenden, fast schizophrenen Sebald-Tonart, die avanciert und altmodisch, preziös und grauengeladen zugleich ist.

Vier Lebensgeschichten aus dem 20. Jahrhundert werden vergegenwärtigt, deren Protagonisten auf je unterschiedliche Art "Ausgewanderte" sind, also Menschen, die von der Gewalt der Geschichte aus jener Welt vertrieben wurden, die ihnen einmal Heimat gewesen ist. Da ist der Arzt Dr. Henry Selwyn, den W. G. Sebald kennenlernt, als er in der Grafschaft Norfolk (Sebald verbrachte fast sein gesamtes Berufsleben in Norwich, wo er an der Universität Literaturwissenschaft lehrte) eine Wohnung sucht für sich und seine Frau. Selwyn ist ein älterer Herr von höchst verbindlichen Umgangsformen, er lebt in einem bilderbuchartigen Herrenhaus, dessen Park und Garten er pflegt. Trotzdem liegt über allem ein undurchdringlicher Nebelschleier der Schwermut. Als siebenjähriger jüdischer Junge ist Selwyn aus Litauen ausgewandert und nach London gekommen. Selwyns Manieren und seine Gärntnerkunst wirken wie Versuche, den Zentrifugalkräften des Lebens zu widerstehen und Haltung zu bewahren. Doch am Ende greift er zu seinem Jagdgewehr, um seinem Leben ein Ende zu bereiten. Immer suchen Sebalds Figuren nach Form, aber es ist, als grabe die Schwermut ihnen jene Kraft ab, die die Entropie zu stoppen vermöchte. Die einzige Form, die als ein kontrafaktisches Trotzdem nicht zerbricht, ist die des Sebaldschen Erzählens.

Der Gymnasiallehrer Paul Bereyter hat den Schüler Sebald im Allgäu unterrichtet. Viel später, Anfang der achtziger Jahre, wirft er sich vor einen fahrenden Zug. Nun macht sich Sebald auf Spurensuche und entdeckt die Biografie eines – in der Jurisdiktion der Nazis – "Dreiviertelariers", der im "Dritten Reich" vom Schuldienst suspendiert wurde, nach Frankreich ging, dann zurückkehrte, aber sein Leben nach 1945 nicht wieder ins Lot bekam.

Und dann ist da die ganz und gar meisterliche Erzählung von Sebalds Großonkel Ambros Adelwarth, die mit geradezu edel-melancholischer Erlesenheit von der Vergeblichkeit des Versuchs erzählt, das Chaos der Welt und der eigenen Seele zu bändigen. Um die Jahrhundertwende wandert Adelwarth in die USA aus. Dort trifft er auf Cosmo Solomon, den von Lebensüberdruss geplagten Spross der großen New Yorker Bankiersfamilie. Adelwarth wird zu Cosmos Butler, Lebensbegleiter und wohl auch Liebhaber. Es ist ein mondänes, gleichwohl todgeweihtes Leben, das die beiden durch die Grandhotels und Spielkasinos der Alten Welt führt. Adelwarth aber ist immer die Perfektion in Person, ein Monument der Korrektheit. Lieber sterben als sich eine ästhetische Nachlässigkeit erlauben. Weil aber keine Butler-Haltung gegen das Zerbrechen der Welt und die eigenen Depressionen ankommt, lässt sich Adelwarth in eine geschlossene Anstalt einweisen und unterzieht sich geradezu sehnsuchtsvoll jener brutalen Elektroschockmethode (wie ein Gefangener, der die Folter bejaht, weil er nur noch sterben will), die in jener Zeit in der Forensik gerade hoch im Kurs stand.

Und schließlich die Geschichte von Max Aurach, dem Maler, den Sebald als Student in Manchester kennenlernt und dessen Familiengeschichte er rekonstruiert: Es ist die Geschichte eines jüdischen Kunsthändlerpaars, das seinen Sohn Max gerade noch rechtzeitig 1939 nach England verschicken konnte, selbst aber in den Todeslagern umkam.

Sebald erzählt diese Lebensgeschichten. Zugleich entsteht das Selbstporträt eines Autors, der nicht von den Toten loskommt. Weil die Toten gekämpft und gelitten haben und weil die einzige Gerechtigkeit in diesem ungerechten Kampf die Poesie der Erinnerung ist. Dieser Autor war mit den Toten mehr verbunden als mit den Lebenden. Er war selbst nur ein unsicherer Gast auf dieser Erde. Einmal sagt er beim Anblick eines alten Fotoalbums, es sei, "als kehrten die Toten zurück oder als stünden wir im Begriff, einzugehen zu ihnen".

W. G. Sebald ist der Dichter der Untröstlichkeit, seine Literatur ein Requiem, die Toten sind seine wahren Adressaten. Wie schön, dass wir trotzdem mitlesen dürfen. Wie traurig, dass dieser große Schriftsteller viel zu früh 2001 bei einem Autounfall gestorben ist.