VermögenssteuerWas ist bei Reichen zu holen?

Vermögende sollen den krisengeschüttelten Staat sanieren. Wer dazu zählt, ist umstritten. von 

Ein Luxus-Laden in Berlin (Archivbild)

Ein Luxus-Laden in Berlin (Archivbild)  |  © Sean Gallup/Getty Images

Deutschland hat jetzt eine Uhr, die Reichtum anzeigt. Man findet sie auf der Internetseite des neu gegründeten Bündnisses »Umfairteilen«. Danach besitzen die Deutschen unvorstellbare 7,5 Billionen Euro, von denen unvorstellbare 63 Prozent dem reichsten Zehntel der Gesellschaft gehören. Dessen Vermögen beträgt exakt 4.735.827.780.210 Euro. Wobei sich die hinteren Ziffern mit atemraubender Geschwindigkeit verändern. Kaum hat man sich umgedreht, liegen schon wieder hunderttausend Euro mehr auf den Konten der oberen zehn Prozent. Die Reichen werden reicher, auch das ist die Botschaft dieser Uhr. Es ist ein Wahnsinn.

Die Initiatoren von Umfairteilen verlangen, die Wohlhabenden an den Kosten der Krise zu beteiligen und einen »substanziellen Teil« ihres Vermögens abzuschöpfen. Mehr als 80 Organisationen stehen hinter dieser Forderung – Wohlfahrtsverbände, ver.di, Attac, die Linkspartei, die Grünen, die Jusos, Glaubensgruppen wie die Aleviten und der Verband der Naturfreunde. Es soll ein großes gesellschaftliches Bündnis sein, das große gesellschaftliche Ziele verfolgt: Das Geld der Reichen soll helfen, die von der Krise in die Höhe getriebenen Staatsschulden abzutragen und den Sozialstaat zu retten. »Die Finanznot der öffentlichen Haushalte«, mahnte Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Gesamtverbandes, bei der Vorstellung der Initiative, stelle »eine echte Bedrohung des Sozialstaates dar«. Man müsse die Vermögenden und Wohlhabenden besteuern, sonst sei der Sozialstaat in Gefahr, warnte ver.di-Chef Frank Bsirske. »Angesichts der dramatischen Krisensituation«, sekundierte Jutta Sundermann von Attac, brauche es auch »eine einmalige Vermögensabgabe«. Damit schlägt das Bündnis in dieselbe Kerbe wie kürzlich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Danach soll der Staat den Reichen eine Art Notopfer abverlangen, ähnlich wie beim Lastenausgleich nach dem Krieg.

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Über die Berechtigung solcher Forderungen wird viel gestritten, aber selten wird gefragt, wer die Reichen sind – und was der Staat sich bei ihnen wirklich holen kann. Schaut man genauer hin, stellt man fest: Richtig viel Geld kommt nur zusammen, wenn man zupackt, wo viele es nicht vermuten. Bei der Mittelschicht, die selbst nicht glaubt, reich zu sein.

Die Schummelei – oder besser: der Selbstbetrug – beginnt mit der Reichtumsuhr. So eindrücklich sie ist, so irreführend ist sie auch. Sie verrät nämlich nicht, wer denn jene reichsten zehn Prozent sind, die fast zwei Drittel aller Vermögen auf sich vereinen. Wie viel muss man wohl besitzen, um zu dieser Oberklasse zu gehören? Fünf Millionen Euro? Eine Million? 500.000? Die Antwort findet sich in einer Studie des DIW, die als Grundlage für die Uhr diente. Die Erhebung bezieht sich auf das Jahr 2007, neuere Zahlen gibt es nicht (die rasenden Ziffern auf der Uhr sind eine Hochrechnung). Erfasst wurden alle Arten von Vermögen: Immobilien, Sparkonten, Firmen, Schmuck, Aktien. Danach gehörte man schon zum oberen Zehntel, wenn man nach Abzug von Schulden über Vermögen im Wert von 222.000 Euro verfügte – fast jeder war also dabei, der nur sein Eigenheim abbezahlt hat. Ganz normale Leute. Diese Vermögensgrenze ist kaum vermittelbar, deshalb wird sie auch nie genannt, obwohl sich praktisch jeder in Politik und Medien auf diese Studie bezieht.

Selten thematisiert wird auch, wie schwierig es ist, Vermögen richtig zu bewerten. Nach der DIW-Untersuchung sind Unternehmer mit mindestens zehn Angestellten die wohlhabendste Bevölkerungsgruppe (durchschnittliches Vermögen: 1,1 Millionen Euro), gefolgt von Selbstständigen mit ein bis neun Mitarbeitern (346.000 Euro). Aber wie wohlhabend ist der Handwerksmeister, der 300.000 Euro für seine Altersvorsorge zusammengespart hat, wirklich? In einer zweiten Studie addierte das DIW einmal zu den normalen Vermögen den Wert der individuellen Pensions- und Rentenansprüche. Nur so lassen sich Angestellte und Selbstständige fair vergleichen. Ergebnis: Plötzlich landen auf Platz zwei die Pensionäre – mit einem durchschnittlichen Gesamtvermögen von über einer halben Million. Demnach müsste der Staat also vor allem bei seinen Staatsdienern zugreifen. Aber wie besteuert man Pensionsansprüche?

Der radikalste Schritt wäre eine Vermögensabgabe wie nach dem Krieg

Bei dieser Sichtweise relativiert sich auch die ungleiche Vermögensverteilung. So gerechnet, verfügen die Mitglieder des obersten Zehntels nämlich nicht über 15-mal so viel Geld wie der Durchschnittsbürger, sondern über viermal so viel. »Eine massive Dämpfung der Ungleichheit«, konstatiert das DIW.

Leserkommentare
    • Dr.No
    • 23. August 2012 10:05 Uhr

    Kennedy hat einmal gesagt:
    Frag nicht was dein Land für dich tun kann, frag was du für dein Land tun kannst.

    Dieser Spruch wird gerne falsch interpretiert. Kennedy hat damit nicht die Armen gemeint, nicht die, die Pech im Leben hatte und in ein Loch gefallen sind. Die müssen für sich selbst sorgen und sehen wie sie da wieder herauskommen.

    Kennedy hat damit die Reichen gemeint, sei es an Geld, sei es an Geist. Die Reichen reden sehr viel von eigenem Verdienst. Sie sollten bescheidener sein und daran denken, dass sie ihren Erfolg nicht nur ihrer Beharrlichkeit, sondern daneben auch vielen glücklichen Umständen und Zufällen verdanken.

    Die Leistung von wahrhaft großen Menschen kann niemals in Geld aufgewogen werden. Was ist Beethoven wert, Goethe, der Erfinder des Penicillins, Wernher von Siemens, Robert Bosch? Niemals können solche Leistungen in Heller und Pfennig ausbezahlt werden.

    Es ist Zeit, zu geben. Vor einiger Zeit hat Melinda Gates, die Ehefrau von Bill Gates, ein sehr lesenswertes Interview in der FAZ gegeben, in dem sie genau diese Verpflichtung anspricht.

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    Gerate die Gates sind nun nicht gerade als die Samaritar oder große Philantropen bekannt.
    Interviews von von diesen Menschen sollte man sehr konträr lesen.

    Nebenbei: Wenn, dann wäre es angedacht, wirklich die Wissenschaftler, Erfinder und Engineure, die solch eine Leistung erbracht haben, zu belobigen und nicht die Wirtschaftsfuzzies, die damit gut Kasse gemacht haben.

    Hätten Leibniz und Newton damals ein Vergütungssytem gehabt, wie GEMA oderdas Patentrecht, dann sähe die Vermögensverteilung doch extrem anders aus.

    "Es ist Zeit, zu geben. Vor einiger Zeit hat Melinda Gates, die Ehefrau von Bill Gates, ein sehr lesenswertes Interview in der FAZ gegeben, in dem sie genau diese Verpflichtung anspricht."

    Nicht nur die Gates haben in diese Stiftung 50 Milliarden Dollar gesteckt - auch Warren Buffet hat eine ähnliche Summe dort eingelegt. Und was hat die Stiftung in ihrem "Portfolio"?

    Monsanto Aktien - wunderbar!

    Ich denke, man sollte den Vorschlag von Fr. Wagenknecht erwägen: 60% des BIP - alle Schulden darüber werden schlicht gestrichen. Die Investoren haben völlig überschuldeten Staaten noch Geld hinterher geschmissen, in der Meinung, das Risiko werde so wie so der Steuerzahler tragen. Zeit, dass diese Herrschaften mal richtig auf die Nase fallen.

    • APGKFT
    • 24. August 2012 19:19 Uhr

    den Produktivitätsfortschritt gerecht zu verteilen, d.h. wenn die Löhne nicht steigen, dürfen auch keine Gewinne ausgeschüttet werden.

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    Wenn die Gewinne nicht steigen, dürfen es auch die Löhne nicht.

    Oder andersherum: Nur 50% des derzeit durchnitttlich gezahlten Lohns ist fix, die zweiten 50% werden bei einem Gewinn fällig, wie er dem langjährigen Durchschnitt entspricht. Liegt der Gewinn drüber, ist der variable Lohn höher, liegt er drunter, niedriger.

    Das ist übrigens eine alte Arbeitgeberforderung:

    Lohnanteile aus dem Gewinn zu bezahlen!
    Hoher Gewinn = hoher Lohn -> Porsche macht's vor.

    Dumm nur, wenn es keinen Gewinn gibt.

    Die Gewerkschaft ist dagegen, dass abhängig Beschäftigte in das unternehmerische Risiko einsteigen.

    Nette Idee also, aber nicht gegen Gewerkschaft durchsetzbar.

  1. Gerate die Gates sind nun nicht gerade als die Samaritar oder große Philantropen bekannt.
    Interviews von von diesen Menschen sollte man sehr konträr lesen.

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    Ernst gemeint kann dieser Kommentar beim besten Willen nicht sein

    "die Gates" sind als riesige Philantrohen bekannt.
    Kennen Sie Dieter Nuhr?

    ironduke: "Gerate die Gates sind nun nicht gerade als die Samaritar oder große Philantropen bekannt."

    Die Gates-Stiftung ist wesentlich durch das Privatvermögen der Gates finanziert (trotz der Zustiftungen seitens Warren Buffet seit 2006 mit jeweils etwa 1,7 Mrd. US-$ pro Jahr).

    Im Zeitraum von 1994-2011 hat die Gates-Stiftung über 26 Mrd. US-$ an Fördermitteln ausgezahlt, ca. 3/4 davon für internationale Gesundheits- und Entwicklungshilfeprogramme, den Rest für andere soziale Programme.

    Dass die Gates sich philantropisch engagieren, indem sie die größte / finanzstärkste philantropische Stiftung der Welt ins Leben gerufen und mit etlichen Milliarden Dollar aus ihrem Vermögen ausgestattet haben, dürfte kaum zu bestreiten sein.

    Wenn die Gates nicht als Samariter und Philantropen bekannt sind, wie Sie, ironduke, meinen, liegt es vielleicht daran, dass die Gates es einfach praktizieren ohne sich damit zu beweihräuchern.

  2. das Vermögen durch Investitionen zustande kommt. Ein weiterer Anteil in Milliardenhöhe sind die Erbschaften. Desweiteren jegliche Kapitaltransaktionen...

    Auf vieles davon, also mit den Mitteln mit dene di eheutigen Reichen recih geworden sind, hat man die Abgaben und Steuern komplett eliminiert. Auch hat man die Steuer progression aufgehoben (durch die vielen Abzugsmöglichkeiten) und direkte steuersystem druch indirekte System wie die MWSt. ersetzt.

    Alle diese Steuer und Abgabenpassungen wurden in den lezten ca. 30 Jahren vorgenommen und sind in ihren einzelen Effekten nicht spürbar, kummuliert aber sehr wohl. resultat ist eben, das die Nationalstaaten und die Zivilgeselslchaften bankrott sind wärend die Reichen nach wie vor reicher werden...

    Erst wenn man die vielen Stuerlichen Anpassungen zu Gusntne der Reichen wieder aufhebt und umkehr haben die Mio. von Menschen die nun in die Schuldentürmer getrieben werden, wieder eine Chance...

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  3. zum Finanzminister machen.

    Seine Ideen sind nicht Neoliberal sondern Sozialer als die komplette Troika der SPD.

    Professor Jarass wäre auch ein guter Finanzminister oder Stellvertreter.

    Wer sich traut das deutsche Irrenrecht ähhh Steuerrecht zu vereinfachen hat Mut und tut dem ganzen Volk gut.

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  4. Von einer einmaligen Vermögensabgabe halte ich nicht viel. Sinnvoll wäre eine dauerhafte und deutliche Regelung, z.B. bei der Einkommenssteuer, um etwas gegen die immer weiter auseinander klaffende Schere bei den Einkommen etwas zu tun.

    Warum ändert man dazu nicht einfach den Verlauf der Einkommenssteuer? Der Verlauf ist doch viel zu steil und besteuert mittlere und einigermaßen auskömmliche Einkommen viel zu stark. Der Verlauf müsste deutlich flacher sein (was zu einer Entlastung der mittleren Einkommen führt) und erst viel weiter in höheren Regionen den Spitzensatz erreichen, z.B. bei 100.000 oder 150.000 EUR, wo er dann auch gerne 80% betragen darf (die 80% gelten ja nur für jeden Cent, der dann darüber hinaus verdient wird).

    Was spricht gegen eine solche Anpassung?

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    Je reicher sie sind desto mehr Absetzmöglichkeiten haben sie.

    Da ist ja das perve, als "REicher" werden sie nie die vollen Steuern zahlen, weil sie immer nicht genug geld zu verlieren haben.

    wohl zur Hauptsache durch den Neoliberalen Zeitgeist der nach mehr als 30 jahren des agierens so viele soziale Aspekte eliminiert hat das wir heute in Europa vor einen Gesellschaftlichenen Scherbenhaufen stehen....

    Was Generationen vorher mit Konsens und einer menschlichen Einstellung zu Geld, Bürger, Gesellschaft und Freiheit des Geschäftens versus Freiheit der Bürger für die Bedürfnisse abseits des Geschäftens.. ja eben, was die übereinstimmend aufgebaut haben, das wurde innert 1 Generation beinahe völlig eliminiert...

    Zum einstigen Konsens zählte etwa auch, das niemand durch Leistungslose Einkommen reich werden sollte. Dies war bei den liberalen, den büregrlichen und den sozialisten der Fall. So entstanden die echten und wirksamen progressiven Steuersysteme und nur wenige störten sich daran. Dies ging gut solange nicht ein dem völlig Diametral gegenüberstehndes Neoliberales Gerechtigkeitsgefühl einzug gehalten hat... FlatRatTax System, Steurbefreiung von Kapital und Vermögen und Unternehmen und Aktionären und Investoren galten als der Königsweg für mehr Wohlstand, mehr Gerechtigkeit, mehr Innnovation, meehr Effizienz und einer grösseren Freiheit der menschen durch Eigenverantwortung etc...

    Parallel dazu wurden aber die Mittel und Möglichkeitne die es braucht um Eigenverantworltich leben zu können nach und nach eliminiert. Uebrig geblieben sind die paar % Reichen Weltweit die am Ende die einzigen sind die davon noch Profitieren, Alle anderen landen in der Armut...

    Sehr vernünftiger Vorschlag. Leider gibt es zu viele Neoliberale in fast allen Parteien. Das schränkt die Wahlmöglichkeiten sehr ein.

    mehr viel übrigbleibt. Die wirklich Reichen sind zu wenige. Außerdem: Wozu der ganze Aufwand? Um noch mehr Länder durchzufüttern?

  5. Je reicher sie sind desto mehr Absetzmöglichkeiten haben sie.

    Da ist ja das perve, als "REicher" werden sie nie die vollen Steuern zahlen, weil sie immer nicht genug geld zu verlieren haben.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Vorschlag"
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    • bayert
    • 24. August 2012 21:39 Uhr

    ich habe ähnliches schon oft gepostet (meist wenn ein Linker höherer Einkommenssteuern möchte). Wie wäre es damit: Absetzen kann man nur bis zu 150.000 Euro/Jahr. Jeden Euro, den man mehr verdient, müsste man voll versteuern. Da wären 45% ausreichend.

    .....so viel zu versteuern haben, wüssten Sie, dass dies nicht stimmt und das liegt keinesfalls am schlechten Steuerberater. Wer in Deutschland viel verdient zahlt auch viele Steuern. Und wer wenig Steuern zahlt, ist meist in der Situation nicht arbeiten zu müssen.

    • TDU
    • 24. August 2012 19:58 Uhr

    Man rechne mal das Einkommen und die Pensionsansprüche, die geischert sind und die Pensionen der politischen Bediensteten der 16 Bundesländer ab dem 40sten Lebensjahr hoch. Mal sehen, was da zusammenkommt.

    Und ohne Mittelschicht geht gar nichts, denn die Masse machts und sonst nichts. Und es geht sowieso alles in den Topf. Der Normalverdiener wird nichts von diesen Abgaben haben.

    Der Staat wird wieder neu einstellen, sich weiter mit den Konzernen zusammentun, wie üblich Arbeitsplätze im Privatbereich verhindern und das Geld aus Verbrauchssteuern, die natürlich trotzdem erhöht werden, schöpfen. "Umfairteilen" sind Vermögende, die darum besorgt sind und ihre Einkommern sichern wollen.

    2 Leserempfehlungen
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    Pensionsansprüche liegen heute bei etwa 28 Milliarden im Jahr steigen bis 2030 im optimalsten Fall auf 150 Mill/Jahr.

    Entspricht im Übrigen den Einsparung (aka Streichungen) bei den gesetzlich Versicherten.

    Zur Rücklagesicherung werden 0,2% des Beamten Gehaltes angesetzt, der gesetzlich Versicherte bezahlt 19+ % .

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