SpeiseeisCapri oder Split

Zwei Stieleis-Klassiker sind nach Badeorten in Italien und Kroatien benannt. Wo genießt es sich besser? Ein eiskalter Vergleich. von Oliver Maria Schmitt

Oliver Maria Schmitt isst ein "Tropical" in Capri, am Strand von Marina Piccola.

Oliver Maria Schmitt isst ein "Tropical" in Capri, am Strand von Marina Piccola.  |  © Oliver Maria Schmitt für DIE ZEIT

Whiskytrinker pilgern nach Schottland, Trüffelsucher ins Périgord – wohin aber reist der Freund von Eis am Stiel? Natürlich nach Capri. Oder nach Split. Am besten nach Capri und Split. Das sind seit über fünfzig Jahren die Klassiker auf deutschen Eistafeln und noch immer die großen, die ganz großen Namen in der Welt der Stieleisesser. Wie nennt man solche Leute überhaupt? Stielies? Scheiden sie sich sogar in Untergruppen, in Splitologen und Capriccionados? Ich bin jedenfalls beides und weiß es zu schätzen, dass der Hersteller Langnese Modellpflege betreibt. Deshalb schmeckt Capri inzwischen weniger nach Fanta und mehr nach Orange, und auch der Split- Vanilleeiskern ist nicht mehr mit schnödem Fanta-Eis ummantelt, sondern mit einem aromatischen Orange-Maracuja-Blend und darf sich CujaMara Split nennen.

»Nur wer leckt, der weiß, wie’s schmeckt« lautete eine alte Stielie-Weisheit. Ich will die Eisprobe machen: Was hat die Stadt Split mit dem gleichnamigen Eis gemein, was kündet in Capri von Capri? Werden die beiden Gelato-Orte ihrem Ruf gerecht? Wo schmeckt das Eis am besten?

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Im hochsommerlichen Split herrscht sonnig heißes Eisspeisewetter. Kroatien ist zwar noch nicht in der EU, doch auf den Stadtbussen Splits wird bereits stolz mit der »No. 1 Hühnchenwurst in Europa« geworben. Wie aber steht’s mit Gefrorenem? Auf der Riva, der Hafenpromenade, ist am Wochenende alles auf den Beinen. Viel junges Urlaubsvolk. Die Boys führen Bierflaschen spazieren, die Girls schlecken Eis. Ein paar ältere Herrschaften scharen sich um Musikanten und singen aus vollem Halse: Volksweisen und Mozartarien von polyphoner Pracht. Mit Eis in der Hand. Das motiviert. Denn während meiner Recherchen will ich mich ausschließlich von Eis ernähren. Wenn schon, denn schon.

Gleich am ersten Kiosk wühle ich mich durch die Eistruhe. Merkwürdig. Eigentlich ist ja alles da: bunte Wassereiszapfen, konische Cornetto- Kopien, Magnum- Imitate, sogar ein Milka- Eis in Schokoladentafelform, auch viele Kombieise mit Vanille – aber kein Split! No Split in Split? Irritiert schnappe ich mir gleich zweimal irgendwas mit Schoko: Snjeguljica, was wohl so viel wie Schneewittchen heißen soll, wenn ich die Eistafel des kroatischen Herstellers Ledo richtig deute, und Macho, eine Art Nogger-Nachbau.

Ich eisspeise beidhändig, mal rechts, mal links mit der Zunge größere Schokoglasurabbrüche verhindernd. Das Schneewittcheneis schmeckt nicht wirklich märchenhaft, der Macho hingegen punktet mit mächtiger Nougatnote. Mein Schritt ist federnd, fast juvenil. Stieleis macht irgendwie jung. Woran liegt das? An den verschmierten Fingern, mit denen ich die Hölzchen halte? An den schnullerartigen Lutschobjekten? Am infantilen Gesichtsausdruck beim Nuckeln? Was auch immer – Stieleisessen macht definitiv glücklich. Und zwei Eis machen doppelt glücklich. Ich denke an all die Schleckeise, die ich mir früher nicht leisten konnte. Auf dem Normalmarkt kostete Capri fünfzig Pfennig, Split sechzig, beide im mittleren Preissegment angesiedelt. Capri war solider Mittelstand, quasi der Opel Kadett der Eislutscher, Split ein diskreter Luxus; Nogger hingegen war unerschwinglich. Wer sich einen noggerte, der hatte es geschafft.

Mit klebrigen Fingern irre ich durch die antiken Gassen der alten Palaststadt. Wahrscheinlich ist Split die belebteste Römerruine der Welt. Hier, in seiner alten Heimat, baute sich der römische Kaiser Diokletian mit zusammengeraubten Riesenquadern aus Luxor eine gigantische Palastanlage an die Küste. Warum? Weil es hier das bessere Eis gab? Höchste Zeit, vom Fabrikeis zum Hausgemachten zu wechseln!

Überall, drinnen wie draußen, stehen Kühltheken, randvoll mit kunstvoll modellierten und garnierten Eisbergen: bunte Ananasgesichter, üppige Pistazieneishügel, bestreuselte Schokoklötze. Die Sorten zeugen von unbeschwerter Entdeckerfreude, sie heißen Napolitana, Monchery, Schwarzvald. Viele sind selbst gerührte Spin-offs erfolgreicher Markenprodukte, die es ohnehin schon als Eisriegel gibt: Snickers, Bounty, Kit-Kat . In manchen Geschäften drehen sich sogar futuristische Waschtrommeln, vollgestopft mit den schrillsten Eissorten. Da ich den ganzen Tag noch nichts Richtiges gegessen habe, nehme ich einen Riesenbecher mit Kinder-Pingui, Kinder-Bueno, Jaffa Cake, eine Kugel Zitrone und, aus Farblichkeitsgründen, Tutti Frutti . Das Eis ist cremig, sehr fett und extrem süß. Die Fruchtsorten sind von beneidenswerter Künstlichkeit. Bei uns gibt’s so was gar nicht mehr. Man hat den Geist des Split- Eises – die ungewöhnliche Kombination – also durchaus weitergedacht. Aber warum gibt es in Split kein Split?

Professor Zdravko Banović weiß Antwort. Er sitzt vor seinem Lokal in der Šperun ulica am anderen Ende der Riva, saugt Rauch aus einer silbernen Zigarettenspitze und unterhält sein Publikum simultan in fünf Sprachen. Ratlosen Eisforschern hilft er gerne weiter. Nachdem ich ihm den legendären Split -Eislolli genau beschrieben habe, sagt er: »Das ist doch klar, warum der Split heißt – weil er zweigeteilt ist: Vanille und Orange. Mit unserer Stadt hat das nichts zu tun.« Hätte ich da nicht selbst draufkommen können? Dass man Eis hinterherforsche, könne er aber gut verstehen, meint der Professor. Schließlich erinnere er sich noch sehr genau, wie er 1956, als Zwölfjähriger, mit den Eltern nach Zagreb gereist sei. Dort habe es das erste Stieleis Jugoslawiens gegeben, eine ungeheure Errungenschaft der blühenden sozialistischen Planwirtschaft. Mit den großen Augen eines Zwölfjährigen strahlt er mich an: Ein einfaches Vanille-Milcheis sei das gewesen – für ihn jedoch ein bis heute unvergessener Genuss. Dergleichen gab es sonst im ganzen Land nicht. Weil es aufgrund der nicht minder blühenden sozialistischen Misswirtschaft keinerlei Gefriertruhen gab.

Leserkommentare
  1. Wundert mich nicht, dass die Zutaten heute ein Grund für die USA wären, ein Land wegen Besitzes chemischer Massenvernichtungswaffen zu überfa... zu befreien. Geschmeckt hat es aber trotzdem, zumindest in der verklärten Erinnerung. Außerdem gab es da noch den Düsenjäger und - unübertroffen in Sachen künstlichen Geschmack - das Wassereis als Stange in der 10er-Packung für 1 DM.

    Vielen Dank für die Erinnerung an ein Stückchen Kindheit!

  2. ... klitzkleine Anmerkung: Um Werbung für die "No. 1 Hühnchenwurst in Europa" zu machen, muß Kroatien nicht in der EU sein, es reicht wenn es in Europa liegt :-)

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    Und noch eine kleine Anmerkung: besagte Wurst stammt aus Slowenien (auch wenn ganze Generationen von Kindern in Ex-Yu damit aufgewachsen sind und es heute in allen Nachfolgestaaten mehr oder weniger gelungene Nachbauten gibt).

    Woher die Behauptung mit der »No. 1« stammt, weiß ich nicht, woraus die Wurst besteht, will ich so genau lieber nicht wissen, das bisschen Nostalgie will ich mir behalten :)

    Netter Artikel, witzige Idee!

    • Zack34
    • 23. August 2012 22:38 Uhr
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    • ntrues
    • 02. September 2012 19:29 Uhr

    Ich war nur zu faul diesen Blödsinn zu recherchieren. Also ehrlich mal, das ist doch schon fast eine Frechheit.

    • ntrues
    • 02. September 2012 19:29 Uhr

    Ich war nur zu faul diesen Blödsinn zu recherchieren. Also ehrlich mal, das ist doch schon fast eine Frechheit.

    Antwort auf "@Herrn Schmitt"
    • Slyphia
    • 17. September 2012 20:05 Uhr

    mehr als die Überschrift bräuchte es fast gar nicht um diesen kurzweiligen Lesegenuss zu kommentieren, außer, dass ich ein wunderbares Rumarmostieleis heuer in Kroatien genossen habe und: Tschisi...hach ja, an das erinnere ich mich auch noch immer gerne :-)

  3. Und noch eine kleine Anmerkung: besagte Wurst stammt aus Slowenien (auch wenn ganze Generationen von Kindern in Ex-Yu damit aufgewachsen sind und es heute in allen Nachfolgestaaten mehr oder weniger gelungene Nachbauten gibt).

    Woher die Behauptung mit der »No. 1« stammt, weiß ich nicht, woraus die Wurst besteht, will ich so genau lieber nicht wissen, das bisschen Nostalgie will ich mir behalten :)

    Netter Artikel, witzige Idee!

    Antwort auf "Ganz, ganz"

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