Mitt Romneys Vize-Kandidat: Paul Ryan © Marc Piscott/Getty Images

Für den Rivalen von Barack Obama , Mitt Romney , war es ein langer Sommer in der Defensive. Der frühe Wahlkampf um das Präsidentenamt drehte sich kaum um ernsthafte Sachthemen: Es ging um Romneys außerordentlichen Reichtum, seine exotischen Steueroasen und seine Rolle als angeblicher Jobvernichter mit seinem Unternehmen Bain Capital. Höchste Zeit für einen Befreiungsschlag. Höchste Zeit, dass mal wieder jemand über Romneys Lieblingsthema redet: die Lage der Wirtschaft im Land.

Dieser Moment ist jetzt offenbar gekommen, weil Romney seinen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten auserkoren hat: Paul Ryan, einen Abgeordneten aus Wisconsin . Das ist weit mehr als eine Personalentscheidung. Romney hat damit eine klare öffentliche Botschaft zu seinem politischen Programm abgegeben. Eine Botschaft, die radikaler kaum sein könnte.

Ryan gehört zu den extremsten Verfechtern von freier Marktwirtschaft und Sozialabbau, die Washington zu bieten hat. Der 42-Jährige hatte schon 2010 mit seinem Vorschlag provoziert, den staatlichen Gesundheitsdienst Medicare von einem beitrags- und umlagefinanzierten System in ein privates System umzuwandeln. Medicare stellt eine Basis-Krankenversicherung für Amerikaner ab 65.

Ryan hat dafür gute Gründe. Der amerikanische Staat ächzt unter hohen Kosten, die Staatsverschuldung steigt, und Medicare gehört neben Social Security, der staatlichen Rentenversicherung, und den Verteidigungsausgaben zu den großen Blöcken im Budget. Doch Medicare und Social Security sind zugleich auch die beliebtesten staatlichen Leistungen. Bis Ryan kam, hatten sich beide Parteien vor einer Debatte über Kürzungen in diesem Bereich gedrückt.

Doch Ryan ist eben der Mann für radikale Reformen in Staat und Wirtschaft. Mit einer nie dagewesenen Schrumpfkur für Washington will Ryan das Haushaltsbudget, das derzeit rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht, bis 2050 auf nur noch knapp vier Prozent zurechtstutzen. Gleichzeitig propagiert Ryan Steuersenkungen, größtenteils für Besserverdiener und Unternehmen – da stimmt er mit Romney klar überein. Niedrigststeuern und weitestgehende Liberalisierung sollen Innovation und Investition ankurbeln. Die Mittelschicht soll entlastet werden und Jobs in der wieder aufblühenden Wirtschaft finden.

Ryans Vorschlag sieht vor, dass quasi alle Bundesausgaben mit Ausnahme der Verteidigung gestrichen würden: Dabei verschlingt der Verteidigungshaushalt heute allein fast fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nicht einmal Ausgaben für die grundlegende Infrastruktur wie Autobahnen oder Flughäfen, die Ryan ausdrücklich gutheißt, wären dann noch finanzierbar.

Nun hat sich Mitt Romney, der seine Karriere akkuraten Zahlenanalysen verdankt, bereits vorsichtig von Ryans Budgetplan distanziert. Sein eigener 59-Punkte-Plan sieht allerdings ebenfalls drastische Sparmaßnahmen vor, wenn auch nur eher vage.

In diesem Stadium geht es wohl aber nicht nur darum, ob die Vorschläge Romneys oder Ryans oder beider gemeinsam allesamt sachlich stimmig oder gar konkret realisierbar seien. Ryan selbst hat eingeräumt, seine Pläne seien lediglich "eine Basis für eine Debatte unter Erwachsenen" über die fundamentalen Probleme des Landes und wie sie zu lösen sind. Da zählen vor allem die Signale, wohin die Reise gehen soll, und diese Signale sind eindeutig: Ryan bekennt sich zu einer freien Marktwirtschaft in der möglichst reinsten Form.