Uns geht’s doch gut, oder? Während überall in Europa die Finanzkrise tobt, erscheint Deutschland wie eine Oase der Prosperität. Nahezu unverwundbar die Wirtschaft, robust der Arbeitsmarkt und gelassen die Bürger. Doch der friedliche Eindruck täuscht offensichtlich – zumindest nach Meinung der meisten Deutschen: Schließlich rechnet eine große Mehrheit von ihnen, so eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid, nicht mehr damit, dass die Probleme der Gegenwart durch die bisherige Politik in den Griff zu bekommen sind. Acht von zehn Bundesbürgern wünschen sich eine »neue Wirtschaftsordnung«.

Einerseits hat das Vertrauen in die Politik und ihre Fähigkeit, der Wirtschaft den richtigen Rahmen zu setzen, merklich gelitten. Andererseits glauben immer weniger Bürger an die Selbstheilungskräfte des Marktes. Zwei Drittel der Deutschen finden den Satz falsch: »Man muss die Märkte nur machen lassen, dann lösen sich die Probleme.«

»Uns haben die Ergebnisse auch überrascht«, sagt Aart De Geus, Chef der Bertelsmann Stiftung, die die Umfrage in Auftrag gegeben hat. Ganz offensichtlich, so de Geus, seien die Deutschen problembewusster als bislang angenommen – sähen allerdings andere Defizite, als es die Schlagzeilen der Zeitungen nahelegen. Denn während die dortige Debatte seit Monaten von der Euro-Krise dominiert wird, wünschen sich die Deutschen dringend ein Wirtschaftssystem, das auch andere Aufgaben löst: eines, das vor allem die Umwelt besser schützt und den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft stärker berücksichtigt.

Zugleich glauben weniger Bürger als früher, dass diese Ziele durch traditionelle Mittel der Wirtschaftspolitik erreicht werden können, also beispielsweise durch die Förderung des Wirtschaftswachstums. Zwar hält nach wie vor ein Drittel der Deutschen das Wachstum für »sehr wichtig« für die Lebensqualität in der Gesellschaft. Gegenüber einer Befragung im Jahr 2010 sank dieser Anteil jedoch um 14 Prozentpunkte. Und Wachstum, das durch Schulden finanziert wird oder auf Kosten der Umwelt geht, lehnen sogar acht von zehn Deutschen ab.

Werden die Deutschen zu Wachstumsskeptikern?

Doch kann das stimmen? Kann es sein, dass die Deutschen mitten in der Euro-Krise zu postmaterialistischen Wachstumsskeptikern mutieren – während Europas Politiker die Genesung des Kontinents gerade durch mehr Konsum und Wachstumsprogramme beschleunigen wollen?

Bei Soziologen ist die sogenannte »Einstellungsforschung«, die Emnid betreibt und die so spektakuläre Ergebnisse liefert, umstritten. Nicht selten hängt das Ergebnis von der Art der Frage ab, von den vorgegebenen möglichen Antworten oder gar von der augenblicklichen Stimmung der Befragten. »Es gibt unter Soziologen schon Skepsis, ob man aus den punktuellen Befragungen wirklich langfristige Veränderungen der Einstellungen ablesen kann«, sagt Jens Beckert, Chef des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung.

Doch die Ergebnisse dieser Studie deckten sich, so der Soziologe, auch ziemlich stark mit seinen eigenen Beobachtungen. Die Bürger spiegelten einfach das Wirrwarr der politischen Diskussionen zurück. »Wo selbst Experten diametral unterschiedliche Rezepte zur Lösung der Krise verkünden, wächst logischerweise auch bei den Bürgern eine grundsätzliche Unsicherheit mit dem System«, so Beckert.

Dazu passe auch, dass etwa die Hälfte der von Emnid Befragten in der aktuellen Krise auf Sparen und Schuldenabbau setzt, die andere Hälfte auf Wachstum. Die Bürger seien eben genauso gespalten wie die Politiker und die Experten. Zugleich aber spüren sie, dass andere, grundsätzliche Probleme von der Krise überlagert und verdrängt würden und ungelöst blieben. Dadurch wachse wiederum ihr Zweifel am System.