Woody Allen : "Ich könnte auch ein Gondoliere sein"

Woody Allen im Gespräch über das Drehen in Europa, die Kreditkarte seiner Frau und seinen neuen Film "To Rome with Love".

Das Gespräch findet in einem Pariser Luxushotel statt. Vorher wird noch ein Fototermin für ein französisches Magazin eingeschoben, kurioserweise im Badezimmer der Suite. Geräusche und Bruchstücke eines Gesprächs sind durch die offene Tür zu hören. Der Fotograf und die Presseagentin schlagen Allen vor, sich vor der Tür der Dusche fotografieren zu lassen. "Ist das nicht ein bisschen seltsam? Muss ich ein Handtuch um mich schlingen? Wird man mich dann nicht für Brigitte Bardot halten?" Das Klickklick des Auslösers ist zu hören. "Brigitte bedankt sich", sagt Allen. Dann kommt er durch die Tür herein. Wie immer sieht er aus, als sei er gerade der Leinwand entstiegen: braune Cordhose, hellblaues Hemd. Nur die Brille wirkt noch dicker und sein Gesicht noch schmaler.

DIE ZEIT: Mr Allen, in To Rome with Love spielen Sie seit 2006 in Scoop wieder in Ihrem eigenen Film mit. Warum so selten?

Woody Allen: Ich bin zu alt für die meisten Rollen. Vor allem bin ich zu alt, um das Mädchen zu kriegen. Und das gefällt mir nicht. In meinem Alter kann man eigentlich nur noch Pförtner oder Onkel spielen. Das ist eine bittere Pille. (kurze Pause) Sie waren doch schon mal bei mir in New York.

ZEIT: Vor drei Jahren in Ihrem Produktionsbüro, für ein Interview zu Ihrem Film Whatever Works .

Allen:(abwesend) Ah ja, ja. (kurze Pause) Ich müsste dort mal die Sessel neu polstern lassen. Sie sind eigentlich nicht mehr tragbar.

ZEIT: Stimmt, man versinkt darin.

Allen: Aber ich fühle mich wohl in meinem Büro. Wenn man in einem Hotel Interviews gibt, dann weiß man manchmal nicht, wo man sich befindet.

ZEIT: Die Zimmer sehen ja auch alle gleich aus. Es gibt in teuren Hotels einen Stil, den Amerikaner für historisch halten. Nur dass er hier, in Paris, wirklich historisch ist.

Allen: Ah, die Möbel sind also echt? (er klopft vorsichtig auf den Tisch)

ZEIT: Auf Ihrer Kinoreise durch verschiedene europäische Städte sind Sie inzwischen in Rom angekommen. Womit beginnt ein Rom-Film in einem Woody-Allen-Kopf?

Allen: Mit einem Zettel, auf den ich mal eine Notiz geschrieben habe: "Man kann nur in der Dusche singen." Daraus entstand die Geschichte eines römischen Bestattungsunternehmers, der in To Rome with Love nur mit einer Dusche auf die Opernbühne gehen kann.

ZEIT: Was ist Rom für Sie?

Allen: Chaos. Warmherzige Menschen, die die Sonne genießen, auf historischen Treppenstufen sitzen und im Café Espresso trinken. Sie essen in Restaurants wunderbare Gerichte, sie wissen zu leben, und nichts bedrückt sie. Sie laufen wild auf der Straße herum, da, wo die Autos fahren, und die Autos fahren auf dem Bürgersteig. Außerdem lieben sie die Oper und schöne Kleider. In To Rome with Love wollte ich das chaotische Rom-Gefühl einfangen, indem ich viele Figuren in möglichst vielen Situationen zusammenbringe.

ZEIT: Sie zeigen das Kolosseum, die Spanische Treppe, allerlei Touristenperspektiven. Versammeln Sie die Klischees einer Stadt und suchen die Wahrheit darin?

Allen: Vielleicht suche ich auch das Klischee in der Wahrheit.

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Vergebung?

"Ich vergebe den Deutschen nicht. Aber Deutschland ist heute ein demokratisches, fortschrittliches Land."

Das Interview gefällt mir und ich liebe Woody Allens Filme und seine Schauspielerei, vor allem in "Scoop". Aber wofür muss er, der niemals unter den Nazis gelitten hat (übrigens auch keine seiner Verwandten) den Deutschen des 21. Jhr. vergeben?

"ich liebe woody allens filme, aber.."

seien Sie nicht schockiert, woody allen ist jude - also angehöriger jenes volkes, das die deutschen auszurotten versuchten. dass jemand einem volk nicht vergeben mag, das ihn noch vor 70 jahren als 'ungeziefer' in die gaskammer geschickt hätte, ist verständlich, würde ich meinen.
pardon für den drastischen tonfall. aber diese reflexhaft-selbstmitleidige renitenz der deutschen, wann immer an das damals geschehene gerührt wird, geht einem wirklich auf die nerven!

Volk?

Er selbst hat nie unter den Nazis gelitten und auch keiner seiner Verwandten. Er ist Jude, na und? Ich bin Deutscher und weder ich, noch meine Eltern oder >90% der Deutschen von heute hatten irgendetwas mit dem Holocaust zu tun.

Allen kann sich ja gerne die wenigen überlebenden Nazis suchen und ihnen alles übelnehmen, was sie verbrochen haben, aber mich kann er mit seiner verwehrten Vergebung verschonen. Das ist kein Selbstmitleid, sondern Verteidigung gegen eine Anklage.

Sollen die heutigen Einwohner von Nagasaki und Hiroshima anfangen ihm persönlich Vorwürfe zu machen? Er ist schließlich Amerikaner. Sollen die Ureinwohner vl. bei ihm persönlich vorstellig werden, um sich über den Genozid an ihnen zu beschweren?

Allens Einstellung in dieser Sache ist einfach ignorant.

ja und genau an ihrer

Denkweise kann man erkennen, das sich doch einige hierzu die falschen Gedanken machen.

es ist halt doch immer sehr schön, wenn man dann die eigene Schuld wieder auf die "Anderen" abwälzen kan, nicht wahr. Man hat ja nichts "damit" zu tun.
und die Japaner sind auch noch sauer auf die Amerikaner. warum: weil Sie selbst einen blutigen Pazifikkrieg entfachten und die Amerikaner sich auf einmal dagegen wehrten. Schon böse, die Amerikaner.

Bitte was?

Welche Schuld schiebe ich denn auf andere? Da gibt es gar nichts zu schieben, ich wurde 45 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Ich bin Schuld dran, dass meine Familie und ich gestern ein paar Minuten zu spät ins Restaurant kamen, weil ich unbedingt noch Laufen gehen wollte, aber Schuld am Holocaust? Geht's noch dreister mir so etwas vorzuwerfen?!

Desweiteren enthalte ich Allen keine differenzierte Meinung vor - seine Meinung ist ganz einfach nicht differenziert, sondern er verdammt ein Volk auf Basis seiner Vergangenheit. Gut, lassen wir Hiroshima und Nagasaki außen vor und konzentrieren uns nur auf Indianer und Sklaven - haben die Schwarzen in den USA denn das Recht die Weißen von heute zu hassen, wegen Sklaverei, Rassentrennung etc.?

hmmm ...

Ja, vergessen werden darf es nicht. Aber: Eben nicht unter der Überschrift "Was DIE DEUTSCHEN Böses tun können" sondern unter der Überschrift "Wozu der MENSCH fähig ist". Das exzessive Beharren auf der Singularität der deutschen Verbrechen im 2. Weltkrieg führt nur dazu, dass sich alle anderen quasi imun fühlen.

Dabei gibt und gab es unfassbare Unmenschlichkeit in allen Weltgegenden, Rassismus war im 20. Jahrhundert lange die Norm, gerade auch in Amerika. Lernen können wir nur, wenn wir uns nicht distanzieren sondern achtsam werden, damit so etwas wie Hitlerdeutschland nie wieder passiert - und zwar nirgends auf der Welt.

und vielleicht können wir auch lernen

erstmal nicht undifferenziert zu vergleichen. das wäre z.B. auch wichtig. und zum Beispiel anzuerkennen., das Deutsche nunmal erstmals systematisch und geplant ungefähr 6 Millionen Menschen in Vernichtungslagern mit Giftgas umbrachten und für einen Weltkrieg sich verantwortlich zeichneten, der ungefähr 40 Millionen Menschen in ganz Europa das Leben kostete.

Deshalb ist die Überschrift "Wozu ist der Mensch fähig" im Bezug auf die Nazis ein wenig sag ich mal schwammig ausgedrückt. Es müßte eher heißen, "zu welchen Verbrechen gegen Menschen waren die Deutschen fähig?".

Überinterpretation

Allen wird zu dem Thema gefragt und gibt eine kurze Antwort.
Ich finde, die wird hier völlig überinterpretiert.
Aus der Antwort geht weder hervor, dass er den Deutschen heute irgend etwas vorwirft (eher im Gegenteil), noch dass das Thema für ihn persönlich überhaupt von besonders großer Bedeutung wäre.
Dass er "den Deutschen" nicht vergibt, nun, wem sollte er denn vergeben?
Ohne eine Nachfrage ist ziemlich unklar, wie er das überhaupt gemeint hat.

perpetuum mobile

Allen ist wie ein perpetuum mobile in Form eines Kreisels. Alles dreht sich bei ihm um die ewig selben Themen. Mal halbwegs gelungen, oft erschreckend langweilig und trivial. Wenn die Amerikaner in Europa ihre Sehnsüchte projizieren, dann tun die Europäer dasselbe mit Allen.
Sie sehen in ihm den Spiritus Rector, den Erlöser. Dabei müsste er die ganze Zeit schreien: “Aber ich bin nich der Messias!“

Den europäischen Salon-Intellektuellen gelüstets nach dem “Leben des Brian“ :)

Deutschland etwas differenzierter betrachten

"Ich vergebe den Deutschen den Holocaust nicht" - so hätte seine Antwort lauten müssen, und sie hätte eine klare Trennlinie zwischen den Deutschen bis 1945 und danach gezogen.

Offenbar muss man es dieser Generation jüdischer Amerikaner aber zugestehen, Deutschland kollektiv zu verdammen. Steven Spielberg verhält sich da ähnlich; wer einmal erlebt hat, wie steif er in Deutschland auftritt, weis, dass der Stachel da noch sehr tief sitzt.

Sicherlich zurecht.

Trotzdem aber sollten dieses Persönlichkeiten Deutschland etwas differenzierter betrachten.

Weiß nicht

Wie differenzierter?

Letzte Woche ist eine Moderatorin eines Münchener Radiosenders rausgeflogen, weil sie am Samstagmorgen die Hörer mit "Arbeit macht frei" begrüßt hat. Ihre Assistentin ist auch rausgeflogen, weil sie einem Protestanrufer geantwortet hat, er solle es mit Humor nehmen.

Am Platz des Denkmals für die Opfer des Nazionalsozialismus haben die Stadtwerke das Schild "An der Gasleitung wird gearbeitet" aufgestellt.

Droht uns neben dem, den wir jetzt schon wieder besser kennenlernen müssen, ein Dödel-Faschismus?

Woody Allen würden dazu sicher ein paar seiner grandios-schwarzen Witze einfallen.

Das Interview: HERRLICH!