Israels Generalstab ist dagegen, der Mossad auch. Der Oppositionschef warnt vor den "dramatischen Folgen" eines Angriffs auf den Iran , und inzwischen mahnt sogar der israelische Staatspräsident Schimon Peres, wie der deutsche der Politikferne verpflichtet, dass "wir das nicht allein machen können". Ein Ex-Geheimdienstchef spricht von "vorsätzlich geschürter Hysterie", wo "jemand ein Feuer legt und dann nach der Feuerwehr schreit". In Israel weiß jeder, wer gemeint ist: Regierungschef Benjamin Netanjahu und Verteidigungschef Ehud Barak, die immer lauter die Krieg-in-Sicht-Trommel rühren.

Alle Jahre wieder, am liebsten im Sommer, obwohl der Lärm nicht gerade touristenfreundlich ist. Diesmal streut "Bibi", wie einfach die Sache doch wäre. Israel müsse nicht alle Anlagen plattmachen; es genüge schon, "Zeit zu gewinnen" und so dem "Unvorhergesehenen" eine Chance zu bieten. Das ist zwar ein paar Nummern kleiner als "Vorsehung", aber so redet ein Feldherr nicht und schon gar kein israelischer. Vom Sues- bis zum Sinai-Krieg, vom Bombardement des irakischen Reaktors 1981 bis zur "Operation Obstgarten" gegen den syrischen Reaktor 2007 hat Israel stets den Überraschungsschlag gewählt.

Warum also agitiert Netanjahu den US-Verteidigungsminister Panetta, die "Uhr für eine friedliche Lösung" laufe ab? Aus den alten Gründen – um den internationalen Druck auf den Iran zu verstärken, um die Chameneiisten mit der "Rationalität der Irrationalität", wie es im Strategie-Jargon heißt, zu schrecken. Der Psychokrieg löst aber das Urproblem nicht. Israel kann allein nicht, Amerika will (noch) nicht – und schon gar nicht im Wahlkampf. Überdies hat Obama gerade Dringlicheres auf der Liste: die Chemiewaffen des Diktators von Damaskus. Deren Einsatz überschritte Amerikas "rote Linie". Auch wenn sie in die "falschen Hände" gerieten (gemeint sind die Dschihadisten aufseiten der Opposition), müsste Amerika eingreifen.

Es rechnet sich nicht – das ist das realpolitische Fazit

Für einen Alleingang Israels gilt ein doppeltes Nein: Es kann und sollte ihn nicht wagen. Das bekunden nicht nur die Militärs, die Dienste und die Opposition. Auch die Mehrheit des Volkes will das Soloabenteuer nicht. Die israelische Luftwaffe, größer als die deutsche oder französische, hat zwar einen langen Arm, aber er ist nicht lang genug, um den 3000-Kilometer-Roundtrip zu schaffen. Für mehr als einmal hin und zurück reicht die Handvoll Tanker nicht, aber der moderne Luftkrieg – siehe Serbien, siehe Libyen – erfordert Wochen.

Zudem fehlen die schweren "Bunkerbrecher" (nur Amerika hat sie), welche die wichtigsten, massiv gehärteten Ziele knacken könnten. Die Ausbeute bliebe also mager; rechnet man die Risiken dagegen, käme im schlimmsten Fall eine dezidiert negative Bilanz heraus. Hier nur einige Gefahren: Der Angriff würde im Iran Volk und Regime zusammenschweißen, ade, Regimewechsel. In den sunnitischen Hauptstädten würden die Israelis zwar heimlichen Applaus ernten, aber die arabische Straße würde wie ein Mann gegen den "zionistischen Imperialismus" aufstehen – kein guter Ausblick für den Arabischen Frühling. Die Attacke könnte die Sanktionen zu Fall bringen, womöglich auch das Überleben Assads sichern.

Im Norden Israels könnte Hisbollah eine zweite Front mit zigtausend Raketen eröffnen, im Süden Hamas eine dritte. Der Iran könnte die Ölader durch die Straße von Hormus abschnüren. Und Amerika wäre nicht bloß düpiert: Der Alleingang könnte die USA in einen aufgezwungenen Krieg ziehen – ein Desaster für das Verhältnis zum besten Verbündeten Israels.