Johanna P. kam 1951 in einer zerrütteten Tiroler Familie zur Welt. Und weil sie allen im Weg war, wurde sie von der Fürsorge ins SOS-Kinderdorf nach Imst gebracht. In welchem Alter das genau war, weiß sie bis heute nicht, denn alle offiziellen Unterlagen sind verschwunden oder wurden vernichtet.

Vier oder fünf schöne Jahre durfte sie im Kinderdorf verbringen. In ihrer Erinnerung war es eine unbeschwerte Zeit. Auf einem Foto sieht man eine fröhliche Gruppe von sieben älteren Buben, einem älteren Mädchen und der Kinderdorf-Mutter mit einem Kind auf dem Arm – Johanna P. Im Unterschied zu ihren Kinderdorf-Geschwistern sieht sie ein wenig ernst und zweifelnd in die Welt; als ahne sie, dass ihr Glück nicht lange dauern wird.

Im Zentrum des Fotos steht ein zwölfjähriger Bub, mit offenem Lächeln, selbstbewusst. Es ist Helmut Kutin. Die Schicksale dieser beiden Kinder – das von Johanna und das von Helmut – werden sich in zwei gegensätzliche Richtungen bewegen.

Helmut Kutin wird die Lehrerbildungsanstalt absolvieren, Volkswirtschaft studieren, eine Sprachausbildung in Paris und innerhalb weniger Jahre eine steile Karriere innerhalb der Kinderdorf-Organisation machen. Als Präsident von SOS-Kinderdorf Österreich und SOS-Kinderdorf International (bis 2012) kümmert er sich seit 1986 umsichtig um das Wohlergehen Zehntausender Kinder auf der ganzen Welt. Dabei ist ihm seine Kinderdorf-Schwester ganz aus dem Blickfeld geraten. Johanna P. hat wiederholt versucht, mit Kutin Kontakt aufzunehmen, wurde jedoch immer abgewimmelt oder auf später vertröstet.

Johanna P. wird in Tirol durch eine Hölle gehen, wie man sie sich grausamer kaum vorstellen kann. Eines Tages im Jahr 1958 verdunkelte sich ihr Leben. Warum, kann sie sich erst heute zusammenreimen. Die Ursache lag in der gnadenlosen Aussonderungspolitik der SOS-Kinderdörfer. Im Alter von sieben Jahren kam sie – so wurde ihr das später erklärt – wegen eines "krummen Fußes" und weil sie beim Sprechen ein wenig lispelte, auf die psychiatrische Kinder-Beobachtungsstation der Dr. Maria Nowak-Vogl in Innsbruck .

Stillschweigend und zähneknirschend wurde von Kinderdorf-Müttern die Politik der SOS-Kinderdorf-Organisation hingenommen, Kinder auszusondern, bei denen im Lauf ihrer Entwicklung ein kleiner körperlicher Makel sichtbar wurde – etwa eine leichte Verkürzung eines Beines. Ihnen drohte die Einweisung auf die gefürchtete psychiatrische Beobachtungsstation von Nowak-Vogl in Innsbruck, wo sie geschlagen, gequält und schließlich in eines der zahlreichen Tiroler Erziehungs- und Strafheime abgeschoben wurden. Heute fragt man sich, was sich das SOS-Kinderdorf dabei dachte.