Die pädagogische Leiterin der SOS-Kinderdorf-Organisation Österreich, Elisabeth Hauser, erklärte im April 2012 gegenüber der Tiroler Tageszeitung , dass es mehrere "Betroffene gibt" und "dass Kinder mit diversen Auffälligkeiten, die pädagogisch nicht zu klären waren", auf die psychiatrische Beobachtungsstation in Innsbruck gebracht wurden. "Manche kamen wieder ins Kinderheim zurück, manche wurden auch nachher anderswo fremduntergebracht. Die Entscheidung darüber fällte Nowak-Vogl, und wir haben das damals unhinterfragt zur Kenntnis genommen", so Hauser gegenüber der Tiroler Tageszeitung .

Welche verheerenden Folgen die Absonderungspolitik des SOS-Kinderdorfes hatte, zeigt sich an Johanna P.

Dort, so erinnert sie sich, war jede menschliche Regung verboten. Wenn sie aus Sehnsucht nach ihrer Kinderdorf-Mama weinte, wurde sie von der Leiterin Maria Nowak-Vogl an den Haaren in einen eisernen Gitterkäfig geschleppt, ins Gesicht geschlagen und mit Spritzen und Tabletten zur Ruhe gebracht. Welche Medikamente sie erhielt, weiß sie erst seit Kurzem. Unter anderem das berüchtigte Hormonmedikament Epiphysan zur Dämpfung der Sexualität. Sie vermutet, dass sie auch als Versuchskaninchen für weitere Präparate diente.

Johanna P. sagt, sie habe Schwierigkeiten beim Farbensehen gehabt und sei von der Ärztin mithilfe verschiedener Farbklötze getestet worden. Für jede falsche Antwort habe sie Schläge ins Gesicht oder eine Spritze bekommen. Wie lange sie auf der Beobachtungsstation war, weiß sie erst, seit sie vor einigen Wochen Einsicht in ihre Krankenakte erhielt – von April bis Juni 1958 und später noch einmal, von April bis Juli 1962. Offizielle Begründung laut Krankenakte: sexuelle Gefährdung.

Als Johanna P. eines Tages auf der Beobachtungsstation von ihrer Kinderdorf-Mama besucht wurde, fragte das verschüchterte Mädchen: "Warum bin ich hier?" Die Antwort: "Das liegt nicht an mir!"

Verzweifelt bat das Mädchen: "Bitte hol mich hier heraus, mir geht’s nicht gut mit den Spritzen!" Ihre Kinderdorf-Mama wehrte ab: "Ich kann nichts tun! Ich kann nichts tun!" Viele Jahre später erklärte die Mutter, die Rückholung sei ihr von "oben" verboten worden.

Von der Beobachtungsstation wurde Johanna P. in das weltlich geführte Tiroler Landeserziehungsheim Kramsach für "schwererziehbare" Mädchen überstellt. Dort habe es "jede Menge Strafen gegeben, zum Beispiel stundenlanges Scheitelknien". So wie auf der Innsbrucker Beobachtungsstation seien die Schlafräume mit Mikrofonen abgehört worden. Wenn in der Nacht jemand geredet habe, musste die ganze Gruppe den Schlafraum verlassen und auf Holzscheiten knien. Wenn Johanna P. etwas nicht aufaß, wurde ihr eine Woche lang immer dasselbe Gericht vorgesetzt; meistens Gerstensuppe. Wenn sie sich ekelte und das Essen ausspie, zwang man sie, alles aufzuessen. Eine andere Strafe bestand darin, lange Zeit einfach nur dazustehen und die Hände auszustrecken.

Im Buch Im Namen der Ordnung , herausgegeben von dem Tiroler Historiker Horst Schreiber, wird der Bericht von Mercedes Kaiser abgedruckt, die ebenfalls als Heimzögling in Kramsach war. Sie erzählt, wie die Direktorin gerne ihren Hund auf die Kinder gehetzt habe und wie sie ständig unter Schlägen, Haareausreißen und Demütigungen gelitten habe. Viele Mädchen wurden von den Erzieherinnen nur mit Schimpfnamen angeredet: "Drecksau, Misthaufen, Klostampfer, Schweinskopf, Triefauge."

Irgendwann, vermutlich im Jahr 1966, wurde Johanna P. zu Pflegeeltern auf einen entlegenen Bergbauernhof in Salzburg überstellt. Dort lebte eine Familie mit vier eigenen Kindern und einem Pflegekind – einem Buben. Die eigenen Kinder der Pflegeeltern waren von jeder Arbeit befreit. Johanna P. und ihr Leidensgefährte mussten von vier Uhr früh bis spätabends den Hof bewirtschaften. Alles wurde von Hand erledigt, im Stall, auf dem Feld, im Wald. Es gab keine Maschinen, nur Rösser. Johanna P. erzählt, sie habe immer zu wenig zu essen bekommen und deshalb manchmal ein Stück Brot gestohlen. Dann sei sie von den Pflegeeltern geschlagen oder so an den Haaren gerissen worden, dass ihr ganze Schüppel fehlten.

Für die Pflegeeltern war es ein lukratives Geschäft, denn Johanna P. war nicht nur eine vollwertige Gratis-Arbeitskraft, sondern auch eine zusätzliche Einnahmequelle. Das Jugendamt zahlte monatlich einen fixen Betrag an die Pflegeeltern. Johanna P. hatte trotz allem noch Glück, dass sie "nur" als Arbeitssklavin ausgebeutet wurde. Aus Berichten ehemaliger Pflegekinder geht hervor, dass viele von ihnen auch als Sexsklaven benutzt wurden – von den Pflegefamilien, deren Bekanntenkreis sowie Geistlichen.