Der Linzer Sozialhistoriker Michael John schätzt, dass in Österreich in der Zeit zwischen 1945 und 1980 auf Anordnung der Jugendämter etwa 150.000 Kinder kostenlose Zwangsarbeit bei Bauern leisten mussten. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine bewusste Politik zur Subventionierung der Landwirtschaft in ländlichen Gebieten. Dieses dunkle Kapitel der österreichischen Nachkriegsgeschichte ist bis heute überhaupt nicht erforscht.

Um von ihren brutalen Pflegeeltern wegzukommen, dachte sich Johanna P. einen komplizierten Plan aus. Sie fing an, gezielt Gegenstände und Werkzeuge zu verstecken, und hoffte, die Pflegeeltern würden irgendwann genervt aufgeben und sie wieder in ein Heim zurückschicken. Ihr Plan ging auf, und sie kam in das Landeserziehungsheim für Mädchen St. Martin in Schwaz in Tirol, das in Wirklichkeit ein Zwangsarbeitslager war. Dort geschah das Allerschlimmste.

In St. Martin besuchte Johanna P. die heiminterne Haushaltungsschule. Der Unterricht entsprach dem damaligen Frauenbild: kochen, putzen, waschen, bügeln, nähen. Nebenbei gab es das sattsam bekannte Programm: Schläge und Arbeit. Viele Mädchen wurden gezwungen, für die Firma Swarovski in Heimarbeit Glassteine auf Metallfassungen aufzukleben. Swarovski erklärt dazu, dass auch nach gründlichen Recherchen im Firmenarchiv, im Heim St. Martin und beim Land Tirol keinerlei Hinweise oder Unterlagen gefunden wurden. Johanna P. wurde der heiminternen Wäscherei zugeteilt, wo sie dazu verdammt wurde, Uniformen der Militärkaserne Absam zu waschen.

Während der Arbeit im Heim war den Mädchen das Reden verboten. Wer dagegen verstieß, wurde mit Schlägen bestraft. Auch das Putzen von Toiletten und Gängen gehörte zu den Strafen. Wer das nicht ordentlich erledigte, musste auf einem Holzscheit knien oder auf ausgestreckten Armen Bücher halten. Als besondere Demütigung bekamen die Mädchen eine Glatze geschoren und waren damit als Sträflinge gekennzeichnet. Die schwerste Strafe war der "Karzer" in einem dunklen Raum im Keller, mit einem Bett ohne Polster und nur einer Decke; mit einem kleinen Beobachtungsloch in der Tür; mit Brot und Wasser – zwei Tage lang, eine Woche lang, je nachdem.

Einmal, erzählt Johanna P., habe sie sich geweigert, die Wäsche zu waschen. Sie war krank, es ging ihr körperlich so schlecht, dass sie nicht mehr konnte und nicht mehr wollte. Da habe es geheißen: "Du bist gar nicht krank, du spielst das nur. Ab in den Karzer!"

Eine der Erzieherinnen, "Fräulein M.", hatte lesbische Neigungen. Sie suchte sich Mädchen aus und lockte sie auf ihr Zimmer. Wer sich weigerte, musste mit willkürlichen Strafen rechnen. Johanna P. zählte zu dieser Gruppe.

Nach Absolvierung der Haushaltungsschule wurde Johanna P. befohlen, in einem privaten Haushalt der Umgebung zu arbeiten, von acht Uhr früh bis sechs Uhr abends. Zusätzlich musste sie jeden Sonntag im Spital in Schwaz das Frühstück zubereiten. Alles ohne Bezahlung und ohne Sozialversicherung. Den Lohn für die Arbeit kassierte das Heim. An Weihnachten bekam sie ein bisschen Geld, um sich Schuhe oder Wolle zu kaufen.

Für Johanna P. war dieses Heim deshalb so schrecklich, weil sie sich hier noch mehr als zuvor als Außenseiterin fühlte. Sie hatte keine Freundin, die sie um Rat fragen konnte. "Jede hat sich selber und andere verraten, jede hat geschwiegen, jede war ein Feind", sagt sie. Bücher, Fernsehen, Radio, Zeitschriften – derartige Dinge gab es in ihrer Sklavenwelt nicht.

Irgendwann während unseres Gesprächs zieht sie zwei Fotos aus ihrer Tasche: "Die habe ich als Beweis!" Niemand könne behaupten, sie sei nicht in St. Martin gewesen. Die Fotos zeigen – undeutlich, unscharf – eine Faschingsveranstaltung in einem großen Saal. Auf der Rückseite steht eine Jahreszahl: 1968. Johanna P. war siebzehn Jahre alt.

Ihr Finger zeigt auf die verschwommenen Figuren im Hintergrund des Saales: "Da sind sie! In Uniform!" – Offiziere der nahe gelegenen Kaserne in Absam. Ihnen wurde um Mitternacht als besondere Ehre eine Jause serviert. Anschließend, so erzählt Johanna P., habe die Erzieherin – Fräulein M. – auf sie und zwei andere Mädchen gezeigt und im Befehlston geschrien: "Ihr kommt jetzt mit!" Fräulein M. habe sie auf ein Stockwerk mit leerstehenden Zimmern geführt und jeder von ihnen schreiend befohlen: "Du gehst in das Zimmer! Und du in das! Und du in das!"