Dann sagte sie zu Johanna P.: "Da legst dich jetzt nieder, und dann kommen Männer! Und dann tust du, was sie sagen!"

Johanna P. schluckt und verstummt und presst ihre Lippen zusammen. Ihr Gesicht ist ein einziger, großer Schmerz. Als ich sie im Februar zu unserem Gespräch treffe, bricht Johanna P. zum ersten Mal ihr Schweigen. Mehr als 40 Jahre lang trug sie ihr schlimmes Geheimnis mit sich. Mit niemandem hat sie je darüber gesprochen. Es muss einen befreienden Prozess in Johanna P. ausgelöst haben, dass sie den Mut fand, mir ihre Geschichte zu erzählen. Vor zwei Monaten rang sie sich durch, auch ihrem Mann und ihren beiden Söhnen zu offenbaren, was damals im Erziehungsheim St. Martin geschah. Nun will sie, dass die Öffentlichkeit weiß, was ihr angetan wurde. Sie besteht auch nicht mehr darauf, dass ihr Name geändert wird.

Erst nach einer langen Pause redet Johanna P. bei unserem Treffen weiter. Sie habe überhaupt nicht gewusst, was los war, warum, wieso. Sie sei ja nie aufgeklärt worden, von niemandem.

"Da war ein Eisenbett im Raum, und dann sind die Männer gekommen, einer nach dem anderen, Offiziere vom Bundesheer, ältere Männer. Ich weiß nicht, wie alt, als Kind kann man das schwer schätzen, sechzig vielleicht. Ich hab mir gedacht, das ist normal, das muss man tun, im Heim hat man ja immer alles tun müssen, was befohlen wurde. Sonst hat man eine Strafe bekommen oder ist in den Karzer gekommen. Ich war noch Jungfrau, ich hab überhaupt nicht gewusst, was passiert. Ich hab mich ausziehen müssen."

Nach dem ersten Offizier war alles voller Blut. Er lachte, zog sich an, und beim Hinausgehen sagte er zum nächsten: "Ein guter Seemann fährt auch übers Rote Meer!" Der zweite Offizier befahl ihr: "Auf die Seite legen!" Der dritte Offizier und der vierte kamen herein, zogen ihre Penisse heraus und pissten auf das weinende, im eigenen Blut liegende Mädchen.

Johanna P. fängt an zu schluchzen, verbirgt ihr Gesicht in den Händen. Die Erinnerung überwältigt sie. Erst Minuten später kann sie weiterreden.

Kurz darauf kam Fräulein M. ins Zimmer und schrie sie an: "Du Drecksau, jetzt kannst du duschen gehen!" Eine Stunde lang stand Johanna P. unter der Dusche. Nur duschen, duschen, duschen. Mit Wasser alles wegmachen, die Schmerzen und alles. Sie weiß noch genau, wie Fräulein M. aussah. Schlank, mit glattem, braunem Haar und groben Gesichtszügen, vielleicht vierzig Jahre alt, vielleicht fünfzig. Sie besitzt auch eine Fotografie von ihr.

Vor dem nächsten Fasching hatte Johanna P. Todesangst. Sie machte sich klein, duckte sich, hoffte, unsichtbar zu werden. Wieder befahl Fräulein M. ihr und einigen anderen Mädchen: "Du! Du! Du! Du und du!" Und drohte Johanna P.: "Wehe, du tust nicht, was die Männer wollen!" Fünf Offiziere kamen ins Zimmer, umstellten Johanna P., zogen ihre Penisse heraus und befahlen: "Los!"

Nein, das tut sie nicht, dachte sie, auf gar keinen Fall. Sie geriet in Panik und fing an, laut zu schreien! Sofort ging die Tür auf und Fräulein M. stürzte herein. Wutentbrannt packte sie Johanna P. bei den Haaren, zerrte sie aus dem Zimmer und sperrte sie unter wüsten Beschimpfungen in den Karzer. Dort blieb sie eine ganze Woche lang.

"Unglaublich, was ein Mensch alles aushalten kann!" Johanna P. schüttelt den Kopf über sich selbst und wiederholt: "Unglaublich!"

Sie wurde immer nur belogen, sagt sie, vom Kinderdorf, von den Fürsorgerinnen, den Erzieherinnen, den Ärzten – von allen. Sie wollte Hebamme werden, aber daraus wurde nichts. Hin und wieder ging sie zur Klinik, zu der Abteilung, wo die Kinder zur Welt kamen; hörte ihnen zu, wie sie schrien. Kurze Momente von Glück.

Als die Vorkommnisse in St. Martin nun in den vergangenen Tagen, wenn auch nur in groben Zügen, öffentlich wurden, versprachen Tiroler Landesregierung und Bundesheer volle Aufklärung. Eine Studie der Universität Innsbruck über die Geschichte der Tiroler Erziehungsheime und Fürsorgeerziehungsregime vom Juni 2012 empfiehlt eine gesonderte Untersuchung des Heimes in Schwaz. Dort, so wird festgehalten, habe eine "besonders strenge und einschränkende Strafpädagogik" geherrscht. Bei der Opferschutzkommission seien "sehr viele Gewaltmeldungen" von Betroffenen aus St. Martin eingetroffen. Die Leidensgeschichte von Johanna P. kannten die Studienautoren nicht.