Agrarökonom Braun"Schluss machen wäre Kurzschluss"

Die Folgen von Dürre, Börsenspekulation und Biospritboom – ein Gespräch mit dem Agrarökonomen Joachim von Braun von 

DIE ZEIT: Herr von Braun, trotz der dramatischen Dürren in den USA behaupten viele Experten: Wenn man die erwarteten Ernteausfälle mit den Lagerbeständen an Getreide gegenrechne, dann werde es für alle reichen.

Joachim von Braun: Es würde reichen für die Reichen. Aber wer von einem Euro pro Tag lebt und schon 70 Cent für Nahrung ausgibt, für den reicht das Geld bei den jüngsten Preissteigerungen um 50 Prozent nicht, um sich gesund zu ernähren. Mehr als eine Milliarde Menschen sind in dieser Situation.

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DIE ZEIT: Wirken sich die steigenden Weltmarktpreise denn aus? In vielen Ländern spielen ja Mais, Weizen und Soja kaum eine Rolle, weil man Reis oder Maniok isst und auch keine Tiere mit amerikanischen Futtermitteln versorgt.

Von Braun: Gewiss, die Auswirkungen sind unterschiedlich von Land zu Land. Aber der Markt funktioniert in stärkerem Maße global. Wenn die Preise an den amerikanischen Warenterminbörsen springen, dann spürt man das heute sehr schnell auch in Äthiopien oder Bangladesch. Je mehr Getreide ein Land importieren muss, desto größer sind die Probleme, und diese Abhängigkeit trifft besonders viele Entwicklungsländer. Auch ziehen Preissteigerungen bei einem Produkt andere Produkte mit. Der steigende Maispreis wegen der Dürre führt zum Beispiel dazu, dass jetzt mehr Weizen an Tiere verfüttert wird. Das hat den Weizenpreis stark erhöht.

DIE ZEIT: Welche Länder machen Ihnen die größten Sorgen?

Von Braun: Besonders die Staaten Ostafrikas, die sich noch immer nicht von der Hungerkatastrophe des vergangenen Jahres erholt haben. Die Sahel-Region steckt ohnehin mitten in einer Krise. Auch in Ägypten sind die Nahrungsmittelpreise ein brisantes Politikum. Dort blockieren sie das Wirtschaftswachstum, das die politisch fragile Region jetzt so dringend braucht. Fatal ist, dass die lokalen Märkte auf steigende Weltmarktpreise sogar noch schneller reagieren als bei sinkenden Preisen.

DIE ZEIT: Ist die Nutzung von Biosprit schuld?

Von Braun: Die Getreidepreise wären schätzungsweise um 30 Prozent niedriger, wenn die Biospritquoten und die entsprechenden Subventionen in Europa und den USA abgeschafft würden.

DIE ZEIT: Der Beimischungszwang, der 2006 eingeführt wurde, trug ja die Logik der Massenproduktion absehbar in sich. Schon damals gab es viele Warner. Wie erklären Sie sich, dass weder die EU noch die Bundesregierung auf die frühe Kritik reagiert haben?

Von Braun: Politik-Korrektur ist oft schwierig. Die Interessengruppen im Umfeld der Bioenergiewirtschaft sind inzwischen stark. Ja, der klimapolitische und ökologische Nutzen sind falsch eingeschätzt beziehungsweise beim Start in diese Politik gar nicht erst genauer untersucht worden. Nun kommt bei den hohen Getreidepreisen noch dazu, dass dies ja auch die Futtermittelpreise erhöht und den Bauern, die Fleisch und Milch erzeugen, Einkommenseinbußen bringt.

DIE ZEIT: Entwicklungsminister Dirk Niebel hat einen Verkaufsstopp für Biosprit gefordert. Ist das Hungerbekämpfung oder Populismus?

Von Braun: Ein Moratorium für die Nutzung von Getreide für Bioenergie wäre zurzeit richtig.

DIE ZEIT:In den USA landet Bioethanol ja schon länger und in ganz anderen Dimensionen in den Tanks. Sehen Sie auch dort Bewegung? Oder hat Obama im Wahljahr keine Chance gegen subventionierte Bauern und die Auto- und Mineralölwirtschaft?

Von Braun: Der Druck zur Veränderung kommt von den Viehhaltern und denen, die sich um die Auswirkungen in den Entwicklungsländern sorgen. Der erfolgreiche Umgang mit der Dürrekatastrophe, die in den USA 60 Prozent der Bauern und die Hälfte des Landes unter Stress setzt, ist relevant für den Ausgang der Wahl. Viele Staaten, in denen die Wahl traditionell knapp verläuft, sind betroffen. Ich erwarte aber in den Monaten bis zur Wahl keine signifikante Veränderung in der amerikanischen Politik.

DIE ZEIT: Sollte mit Biosprit ganz Schluss sein, oder sehen Sie auch sinnvolle Möglichkeiten, Energiepflanzen zu nutzen?

Von Braun: Ganz Schluss zu machen wäre ein unsachgemäßer Kurzschluss. Die Biomasse gehört in ein gutes Energiekonzept, weil sie es ermöglicht, Energie zu speichern und die Mengen zu regulieren – anders als bei Wind und Sonne. Schluss mit dem simplen Verbrennen von Biomasse und Getreide, Schluss mit der Konkurrenz von Energiegewinnung und Ernährung – das ist allerdings zu fordern. Ebenso eine ganzheitliche, intelligente Konzeption, also eine Bioenergie-Wende. Wir brauchen Forschungsinvestitionen in die nachhaltige Produktion und Verarbeitung von Biomasse, nicht Subventionen, die die gegenwärtigen Techniken zementieren.

Leserkommentare
  1. Steak, die Feinsten Lämmer, Hummer, Krabben und sonstigen Essenskrams der bei manchen, insbesondere bei den Gesundheitsbewussten, Ekel hervorruft, dazu die exotischsten Früchte und Gemüse, jederzeit und überall auf der Welt ist doch für unsere scheinheiligen Eliten eine Selbstverständlichkeit. Und darf auch nicht ernstlich kritisiert werden. Da wird mir die Zeit-Redaktion angesichts ihrer eigenen Kochrubrik recht geben müssen. Auch diese finde ich als Ernährungsberaterin, orientiert an den durch die DGE festgestellten wissenschaftlichen Erkenntnissen, insgesamt nicht empfehlenswert.
    Es gibt seit langem zahlreiche Studien, die belegen dass unsere Ernährungsweise katastrophal bis extrem dämlich ist, da sie
    1. nicht der menschlichen Gesundheit dient
    2. umweltschädlich ist
    Allerdings ist auch etwa Monsanto ein gut zahlendes Unternehmen, das es sich heutzutage mit breiter Aufmerksamkeit der Massenmedien leisten kann, diese Studien mit ganz eigenen Methoden zu widerlegen.
    Und ja, diese Methoden bringen, wie die Abbildung zeigt, denn auch so beeindruckende Auswüchse wie knallrote Ähren.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

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