"Wir brauchen eine Welt-Getreidebank"
DIE ZEIT: Mais und Soja werden vor allem verfüttert. Wäre Fleisch zu verteuern nicht ebenso wichtig?
Von Braun: Natürlich müssen wir über die Problematik einer exzessiven Konsumnachfrage diskutieren. Die neun Milliarden Menschen, die womöglich im Jahr 2050 leben, können pro Kopf von der Weltlandwirtschaft nicht das einfordern, was heute schon an Grenzen stößt.
DIE ZEIT: Spielt die Spekulation mit Nahrungsmitteln bei der aktuellen Krise eine Rolle?
Von Braun: Im Normalfall und beim Preistrend sehe ich da keine größere Wirkung. Aber die Situation ist jetzt gerade mal wieder nicht normal. Wird es knapp – das zeigen unsere Analysen – treibt Spekulation die Preisspitzen eindeutig noch weiter nach oben. Dass entsprechende Akteure an der Börse aktiv sind, beobachten wir auch jetzt.
DIE ZEIT: Wie kann das verhindert werden?
Von Braun: Bei der G20, in den USA und in der EU hat man sich immerhin auf erste Schritte verständigt, aber in der Praxis ist zu wenig geschehen. Kurzfristig wäre es wichtig, Obergrenzen für die Spekulation einzuführen. Zudem sollte das Niveau der Kapitalhinterlegung erhöht werden, auf die potenzielle Investoren verpflichtet werden. Entscheidend ist auch mehr Markttransparenz, insbesondere sollten spekulative sogenannte Over the counter-Geschäfte und Derivate außerhalb der traditionellen Warenterminbörsen beendet werden. Da passiert noch zu wenig, weil wirkungsvolle Schritte von Lobbyisten immer wieder verhindert werden.
DIE ZEIT: Die baden-württembergische Landesbank und die Deka-Bank wollen Anlagen auf Agrarrohstoffe künftig nicht mehr anbieten, die Commerzbank ist bereits ausgestiegen. Sollten andere folgen?
Von Braun: Ich begrüße eine freiwillige Zurückhaltung in der gegenwärtigen Lage, und natürlich muss die exzessive Spekulation abgestellt werden. Aber ein transparentes Engagement der Finanzinvestoren schadet der Preisstabilität bei Nahrungsmitteln im Normalfall nicht, sondern nützt ihr. Die Absicherung an den Märkten ist ein unverzichtbares Instrument für die Bauern wie für den Lebensmittelhandel.
DIE ZEIT: Was sonst muss jetzt geschehen, um eine Hungerkrise wie 2008 zu vermeiden?
Von Braun: Länder, die hohe Lagerbestände haben, sollten jetzt verkaufen, um mit dem steigenden Angebot die Preise zu mildern. Indien zum Beispiel hat etwa 80 Millionen Tonnen Getreide gelagert, etwa doppelt so viel, wie in den USA der Dürre zum Opfer fallen. Vor allem muss verhindert werden, dass Exportstopps verhängt werden. Dagegen hat sich die G20 bereits ausgesprochen, aber dieser Beschluss muss noch bekräftigt werden.
DIE ZEIT: Das Rapid Response Forum, ein Frühwarn-Gremium, das die G20 im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat, will Ende August eine Telefonkonferenz schalten, im September will man sich treffen. Ist das schon zu spät?
Von Braun: Das Rapid Response Forum ist nicht »rapid« genug.
DIE ZEIT: Was sonst sollte die G20 jetzt in die Wege leiten?
Von Braun: Sie sollte die Organisationen der Nothilfe vermehrt unterstützen. Die können sich bei diesen Preisen nicht mehr hinreichend für die Armen engagieren, weil ihr Budget nicht reicht.
DIE ZEIT: Das Welternährungsprogramm muss ja bei jeder Krise erst auf Zuwendungen aus den Geberländern warten. Sollte es endlich mit einer Grundfinanzierung ausgestattet werden, um schneller reagieren zu können?
Von Braun: Die Welt braucht einen Rettungsschirm für die Ernährungssicherung der Armen. Wir brauchen eine Welt-Getreidebank.
DIE ZEIT: Und langfristig? Das CIMMYT-Institut hat darauf hingewiesen, dass die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von wenigen Getreideproduzenten sie in Krisen wie der derzeitigen noch anfälliger macht. Fließt mittlerweile genug Geld in die Agrarproduktion der Entwicklungsländer, damit sie sich stärker selbst versorgen können?
Von Braun: Die sichere Welternährung braucht freien Handel und lokale Investitionen, auch bei den Kleinbauern. Einige Staaten Afrikas und Asiens haben vermehrt in die Agrarwirtschaft investiert, aber in vielen Ländern sind wichtige Reformen der Eigentumsrechte an Land und Wasser und der Ausbau der Infrastruktur noch lange nicht hinreichend.
DIE ZEIT: Wird es bald wieder Hungeraufstände geben wie im Jahr 2008?
Von Braun: Die Gefahr sehe ich noch nicht, aber ebenso wenig wage ich die Prognose, dass es ruhig bleiben wird. Sorge macht mir zum Beispiel, dass der Boom der Arbeitsmärkte in Asien nachlässt und in der arabischen Welt wirtschaftliche Stagnation herrscht. In vielen Ländern ist die Bevölkerung daher nicht mehr bereit, sich eine fahrlässige Nahrungsmittelpolitik gefallen zu lassen.
- Datum 23.08.2012 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.8.2012 Nr. 35
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Steak, die Feinsten Lämmer, Hummer, Krabben und sonstigen Essenskrams der bei manchen, insbesondere bei den Gesundheitsbewussten, Ekel hervorruft, dazu die exotischsten Früchte und Gemüse, jederzeit und überall auf der Welt ist doch für unsere scheinheiligen Eliten eine Selbstverständlichkeit. Und darf auch nicht ernstlich kritisiert werden. Da wird mir die Zeit-Redaktion angesichts ihrer eigenen Kochrubrik recht geben müssen. Auch diese finde ich als Ernährungsberaterin, orientiert an den durch die DGE festgestellten wissenschaftlichen Erkenntnissen, insgesamt nicht empfehlenswert.
Es gibt seit langem zahlreiche Studien, die belegen dass unsere Ernährungsweise katastrophal bis extrem dämlich ist, da sie
1. nicht der menschlichen Gesundheit dient
2. umweltschädlich ist
Allerdings ist auch etwa Monsanto ein gut zahlendes Unternehmen, das es sich heutzutage mit breiter Aufmerksamkeit der Massenmedien leisten kann, diese Studien mit ganz eigenen Methoden zu widerlegen.
Und ja, diese Methoden bringen, wie die Abbildung zeigt, denn auch so beeindruckende Auswüchse wie knallrote Ähren.
[...]
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls
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