DIE ZEIT: Vor 20 Jahren starb der junge Aussteiger Christopher McCandless in der Wildnis Alaskas. Herr Lasell, Sie leiten die Rettungseinsätze auf dem Stampede Trail, wo sich das Drama ereignete. Haben Sie mehr zu tun, seit die Geschichte 2007 unter dem Titel Into the Wild in die Kinos kam?

Rusty Lasell: Oh ja, die Zahl unserer Einsätze ist deutlich gestiegen. Früher waren auf dem Pfad hauptsächlich die Arbeiter einer Eisenerzmine unterwegs – und ein paar Einheimische, die hier auf die Jagd gingen. Aber seit der Journalist Jon Krakauer ein Buch über die Geschichte geschrieben und Sean Penn es verfilmt hat, kommen immer mehr Touristen zum Wandern her. Inzwischen gibt es sogar Veranstalter, die McCandless-Touren im Hubschrauber oder Geländefahrzeug anbieten.

ZEIT: McCandless stammte aus einem wohlhabenden Elternhaus, träumte aber vom Aussteigen. Er trampte nach Alaska, schlug sich in der Wildnis durch – und verhungerte nach 113 Tagen, weil ein Fluss mit Schmelzwasser ihm den Rückweg in die Zivilisation abschnitt. Was bringt Menschen dazu, auf den Spuren dieses Mannes zu wandern?

Lasell: Viele Leute sind unzufrieden mit ihrem Leben, aber sie ändern nichts. McCandless hingegen warf alles weg, was er hatte, und wagte den Ausstieg. Ich denke, für diesen Mut wird er bewundert. Wir nennen Aussteiger wie ihn hier oben »end of the roaders« : Es sind Einzelgänger, die insgeheim davon träumen, ganz am Ende des Kontinents so leben zu können, wie sie wollen.

ZEIT: Ist der Stampede Trail auch ein besonders schöner Wanderpfad?

Lasell: Er ist schon ganz hübsch, führt durch die Tundra und durchquert zwei Gletscherflüsse. Aber es gibt weitaus beeindruckendere Wanderwege ganz in der Nähe, etwa im Denali-Nationalpark. Die Touristen kommen wirklich meist nur wegen McCandless. Viele wollen auch den Bus sehen und darin übernachten...

ZEIT: Der umgerüstete Stadtbus diente ursprünglich Arbeitern als Behausung. McCandless stieß auf das Fahrzeug, quartierte sich ein und verhungerte darin. Ist es nicht makaber, wenn Touristen jetzt dort übernachten? 

Lasell: Tja. Wissen Sie, durch den Bus haben die Leute immerhin ein Ziel – und wir können sie besser finden und retten. Wenn wir ihn abtransportieren, laufen die Touristen überall herum und verirren sich in noch entlegeneren Gebieten. Also lassen wir ihn besser dort, wo er steht.

ZEIT: Sind noch irgendwelche Gegenstände von McCandless darin?

Lasell: Nein, aber die Eltern haben nach seinem Tod eine kleine Gedenktafel im Bus angebracht, die ist immer noch da. Und es gibt einen Koffer mit Tagebüchern, in die sich Besucher eingetragen haben.

ZEIT: Ein paar dieser Notizen werden im Internet zitiert: »Ich habe sehr geweint.« – »Jetzt weiß ich, wer ich bin.« – »Du hast mich inspiriert«. Können Sie selbst diese Äußerungen nachvollziehen?

Lasell: Nein. Aus meiner Sicht war McCandless nur ein naiver Junge auf der Suche nach sich selbst. Und der Bus ist nichts weiter als ein altes Fahrzeug, ein Gerippe mit Holzofen drin. Ich habe auch nie dort übernachtet.