Wenn Michael Felten nach Worten sucht, um zu beschreiben, was einen guten Lehrer ausmacht, benutzt er das Bild des Schlüsselfinders. Jeder Schüler habe Stärken, und es sei die Aufgabe des Lehrers, diese Fähigkeiten zu entdecken. Felten ist Gymnasiallehrer an einer Schule im Norden von Köln. Seine Schüler haben die unterschiedlichsten sozialen und ökonomischen Hintergründe, es herrschten, wie er sagt, »keineswegs paradiesische Zustände« – doch er glaubt daran, dass es für jeden einen Schlüssel gebe, der passe.

Das Buch, das Felten vor einigen Jahren über seine Überzeugungen geschrieben hat, ist zu einer Art Pädagogik-Bestseller geworden. Auf die Lehrer kommt es an! heißt es, und es ist kein Zufall, dass sich der Titel nach einer Aufforderung anhört, an die Lehrer, aber auch an die Adresse der Politik und der Eltern: Lasst die Lehrer mal machen; gute Lehrer wissen, wie man das Beste aus ihren Schülern herausholt.

Klingt plausibel – und furchtbar unkonkret. Welche Stärken, welche Fähigkeiten braucht denn ein solcher Lehrer genau, um »gut« zu werden? Und was wiederum macht »gute« Eltern aus – also solche, die sich nicht zu viel um die Schulkarriere ihres Kindes kümmern, aber auch nicht zu wenig?

Etliche Schulforscher beschäftigen sich mit diesen Fragen, und in einem sind sich alle einig: Es ist etwas in Gang gekommen in den letzten Jahren, die Rollenmuster verändern sich. Was früher von einem Lehrer erwartet wurde, gilt nicht mehr; und was einst normales Elternverhalten war, wird von heutigen Pädagogen misstrauisch beäugt.

Manfred Prenzel hat die School of Education an der Technischen Universität München gegründet, der Erziehungswissenschaftler hat sich nicht weniger vorgenommen, als die Lehrerausbildung neu zu erfinden. Weil, wie Prenzel sagt, durch den Ganztagsunterricht alles ganz anders sei als früher. Auch die Situation in den Klassenräumen habe sich gewandelt, die Schülerschaft sei deutlich heterogener als vor 30 oder 40 Jahren. Die Eltern fragen sich: »Lernt mein Kind genug, wenn es mit schwächeren Schülern eine Klasse teilt?« Und die Lehrer: »Wie werde ich allen Schülern gerecht?«

Seien Lehrer in den Halbtagsschulen von einst vor allem als Fachvermittler gefragt gewesen, als Verwalter von Unterrichtsinhalten, so müssten sie heute in die Rolle von Motivatoren schlüpfen, erklärt Prenzel. Er kleidet den Wandel in komplizierte Begriffe: »Lernumgebungen« sollen geschaffen werden, ein »Klima des Lernens«, Lehrer zu »Input-Gebern« werden, die ihre Schüler aktivieren und motivieren. Hier ist der Wissenschaftler Prenzel sich mit dem Lehrer Felten einig: Beide fordern sie Führungsstärke vom Lehrer. Dessen »Persönlichkeit ist wieder in den Vordergrund gerückt«, sagt Prenzel. Sein Bielefelder Kollege, der Schulpädagoge Klaus-Jürgen Tillmann, ergänzt: »Die klassische Erwartungshaltung von Lehrern vor allem an Gymnasien war immer, problemfreie Kinder ins Haus geliefert zu bekommen. Die Zeiten sind vorbei, und das wissen die meisten Lehrer zum Glück auch.«

Die Frankfurter Bildungsforscherin Silke Hertel beschäftigt sich seit Jahren mit den Anforderungen, die an Lehrer gestellt werden. Sie sagt: »Die Schulen sind wichtige Anlaufstellen für Eltern bei Fragen rund um die Schullaufbahn des Kindes. Sie werden aber auch immer häufiger bei persönlichen Krisen von Schülern und Eltern konsultiert.« Umfangreiche Umfragen, die Hertel durchgeführt hat, belegen, dass die meisten Lehrer diese Herausforderungen längst annehmen, dass sie »Beratung« von Schülern wie Eltern als eine ihrer zentralen Aufgaben erkennen. Doch – und das ist das Erschreckende an Hertels Forschungsergebnissen – mehr als 95 Prozent der befragten Lehrer geben zugleich an, dass sie sich durch ihre Ausbildung nicht ausreichend darauf vorbereitet fühlen.