MännlichkeitIch bin kein Kofferträger

Die Männer sollen wieder Gentlemen sein, forderte unsere Autorin Michèle Binswanger. Der Schriftsteller Martin R. Dean hält nichts von solchen Oberflächlichkeiten. Eine Replik von Martin R. Dean

Michèle Binswanger meint es gut mit uns Männern, zu gut. Auf der Suche nach einem neuen Männerbild, das uns aus der Krise führen könnte, landet sie unversehens wieder bei alten Hüten. Computer reparieren und Hütten bauen sollen wir Männer können, über angenehme Manieren verfügen und unsere Macht nicht über ihre, der Frau, Ansprüche stellen. Das sind die Restposten, die nach dem Verlust des Ernährungsmonopols und der Bevorzugung nicht männlicher Eigenschaften wie Teamfähigkeit und Multitasking vom Mann übrig geblieben sind.

Es geht, so die allgemeine Klage, mit der männlichen Emanzipation kaum voran. Sie ist zwischen den Anforderungen im Berufsleben und den weiblichen Erwartungen stecken geblieben. Der neue Mann soll »durchsetzungsfähig und rücksichtsvoll« sein, wünscht sich Binswanger. Das wird im Stress der neoliberalen Wirtschaft nicht einfach sein. Wer den ganzen Tag Konkurrenten mit Machtgebaren anblaffen muss, wird, wenn er seiner Partnerin mit zarter Rücksicht begegnet, entweder diese oder sich selber nicht mehr ernst nehmen. Und neu gesellen sich die Frauen als veritable Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt dazu; oft haben sie die besseren Karten. Mit diesen Herausforderungen muss der Mann, die historische Schuld des Patriarchats Münze um Münze abtragend, zurechtkommen. All das wäre schon Grund genug, sich mit einem Rückfall in die alte, patriarchale Männlichkeit zu entlasten. Dass die meisten Männer dies nicht tun, sondern über der Verschiedenheit der Geschlechter eine Partnerschaft auf Augenhöhe anstreben, ist ihnen anzurechnen.

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Sehen wir den neuen Mann einfach nicht? Ist es der Nachbar auf dem Weg in die Krippe oder der Kumpel mit dem Windelpack unter dem Arm, der Mann, der auf der Parkbank weint, weil ihn seine Frau verlassen hat? Sehen wir ihn deshalb nicht, weil er von den Bildern, welche die Konsum- und Unterhaltungsindustrie vom Mann entwirft, ebenso verdeckt wird wie die emanzipierte Frau, die »Emanze!«, wie Schülerinnen von heute voller Abscheu sagen?

»Ladys first«, fordert Michèle Binswanger von den neuen Männern. Das ist ein nettes Motto und sollte, bei angemessenem Affekttraining, den Männern auch beigebracht werden können. Interessanter aber fände ich die Umkehrung: Wie wäre es, wenn Frauen den Männern einmal (nur einmal!) die Türe aufhalten – und Männer darüber weder die Selbstachtung noch die Gelassenheit verlören? Und Frauen dies nicht als erniedrigende, sondern als ironische Dienstleistung betrachteten?

Ich erinnere mich an die Situation, als mir eine Frau auf der Straße zu Hilfe eilte; meine Fahrradkette war herausgesprungen. Sie stellte das Fahrrad kurzerhand auf den Kopf, fügte grinsend die Kette ein, ich half – es war Teamarbeit, und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich deswegen »unmännlich« zu fühlen. Ebenfalls interessanter als die Rückkehr des altgedienten Gentleman finde ich die männlichen Hostessen, die an den Olympischen Sommerspielen in London die Medaillen in lilafarbenen Blazern überbrachten. Angetan wäre ich ebenso, wenn der Sprechstundengehilfe in der Zahnarztpraxis selbstverständlicher würde.

Wie also entkommt man als Mann dem Strauß weiblicher Erwartungen? Mehr denn je ist der Mann mit widersprüchlichen Wünschen konfrontiert. Er muss tagsüber Kinderbetreuer und durchsetzungsfähiger Arbeitnehmer sein, abends Gesprächspartner und Koch – und nachts ein guter Liebhaber. Dies alles zu sein und – wie Binswanger schreibt – dazu noch »sich selber zu gehören«, braucht ein akrobatisches, aber vielleicht notwendiges Egotraining. Bloß, die Emanzipation geht nur dann voran, wenn Frauen und Männer ihre geschlechterspezifischen Eigenschaften nicht mehr als fix (er-)leben, sondern im Rollenspiel vertauschen können. Wenn die Rollen radikal aufgebrochen werden. Schwierig wird das beim Begehren, dem weiblichen wie dem männlichen. Männer, die sich allzu gern zähmen lassen, werden als Objekt des weiblichen Begehrens ausgemustert. Gleichzeitig wagen es moderne Männer kaum, über ihre Wunschfrau nachzudenken. Mit dem Rückgriff auf Altbewährtes lassen sich diese Widersprüche aber sicher nicht lösen.

Männlichkeit muss man beweisen, Frau ist man einfach. Das ist die Quintessenz von Michèle Binswangers Text. Aber ihr Ratschlag, dass Männer wieder vermehrt auf Form und Stil achten, bleibt an der Oberfläche der Kleiderordnung hängen. Unvorstellbar wäre die Umkehrung, dass Männer den Frauen Tipps für Kleidung und Habitus geben würden. Und der Mann als Kofferträger? Am liebsten nur auf Reisen!

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Leserkommentare
    • J-M
    • 28. August 2012 16:15 Uhr

    Wenn ich mir irgendeiner Sache im undurchsichtigen Gender-Dschungel absolut sicher bin, dann dieser: Wenn du dich als Mann finden willst, um ein guter Mann als Mann und ein guter Partner für eine Frau sein zu wollen, dann höre NIEMALS auf den Ratschlag einer Frau! Schau dir Männer an, die Erfolg bei Frauen und Erfolg in Beziehungen haben und frag dich: "Wie machen die's?"

    Das Kofferbeispiel habe ich auch schon andersherum erlebt, dass ich einer Frau anbot, ihren Koffer auf die Ablage zu hieven und sie das empört als Macho-Gehabe von sich wies. Insofern gibt es einfach keine allgemein sinnvolle Verhaltensweisen!

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    Mein Eindruck ist, Männern helfen Frauen mit schweren Koffern nicht, weil es sie einfach nicht interessiert, nicht weil sie Angst vor einer Abweisung haben. Ich bin ziemlich klein und zierlich gebaut und bekomme eher selten Hilfe angeboten, wenn ich was Schweres trage. Mir hat allerdings mal ein Mann Hilfe beim Aufpumpen meines Fahrradreifens angeboten... Muss wohl der Minirock gewesen sein, den ich anhatte.

    "Muss wohl der Minirock gewesen sein, den ich anhatte."

    Kann es nicht auch einfach Höflichkeit gewesen sein?

    die auf die Männer anspringen, die Erfolg bei Frauen haben.
    Und entscheiden Sie dann, ob Sie die Strategie dieser Männer kopieren wollen oder doch lieber authentisch Sie selbst sein wollen.

    "Auf jeden Topf passt ein Deckelchen", nur der Topf muß schon zeigen, was seine Maße (=Maßstäbe) sind.

    k.

    • Mejan
    • 28. August 2012 16:19 Uhr

    Ein Man is dann ein Man, wenn er Verantwortung übernimmt. Für das was er macht und für das was er sagt. Ein Man ist dann ein Man, wenn seine Steuerungszentrale sich auf dem richtigen Platz befindet. Und eine Frau ist dann eine Frau, wenn sie das endlich begriffen hat, und ein Man das alles sein lässt, was ihn zum Man Macht.

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  1. sollte mensch mensch helfen. Geschlechtsunabhängig.

    Wenn aber Menschen eingeteilt werden in die Gruppen G und K und die Angehörigen der einen Gruppe öffentlich verkünden, was die der anderen für sie tun sollen --- dann fragt der gesunde Menschenverstand, was denn die Angehörigen der einen Gruppe für die der anderen tun.

    Und: Was erwarten denn die Angehörigen der anderen Gruppe von denen der einen?

    Es gibt Zeiten, da gibt es Texte für Dienstpersonal. In diesen wird dem Dienstpersonal verkündet, wodurch es zu gutem Dienstpersonal wird.

    Sind wir schon wieder so weit?

    Eine Leserempfehlung
  2. Komisch.

    Ein Artikelchen, das in zwei Wochen gerade mal EINEN einzigen Kommentar von Leserseite provozierte, wird nun von professioneller Seite fuer wichtig genug erachtet, um hochoffiziell zu antworten?

    Moeglicherweise sollte man auch die Meinungen der kommentierenden Leserschaft ernster nehmen und die Nichtbeteiligung als Themenrating verwenden?

  3. ... habe ich mir vor fuenfundzwanzig Jahren mal eine unvorgewarnte Ohrfeige eingehandelt, als ich einem kleinen und zierlichen, mir aber bis dahin und seither unbekannten Persoenchen eine schwere Tuere aufgehalten habe.

    Seitdem ziehe ich es vor, keine Qualitaets-Erwartungen mehr an die Reaktionen auf meine spontanen Handlungen zu stellen.

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    . . .die Frauen an selbstverständlich in ihr Verhalten einbauen. Völlig irres Verhalten, aber eine Therapie wird wohl nicht helfen, Voraussetzung ist Einsicht der Person. Habe schon öfters von solchen Szenen gehört, hatte aber noch nicht das "Erleben". Biedere mich aber auch nicht an und die können die Türen wie jeder selbst aufmachen. Sind ja schon groß und wollen für voll genommen werden.

  4. Mein Eindruck ist, Männern helfen Frauen mit schweren Koffern nicht, weil es sie einfach nicht interessiert, nicht weil sie Angst vor einer Abweisung haben. Ich bin ziemlich klein und zierlich gebaut und bekomme eher selten Hilfe angeboten, wenn ich was Schweres trage. Mir hat allerdings mal ein Mann Hilfe beim Aufpumpen meines Fahrradreifens angeboten... Muss wohl der Minirock gewesen sein, den ich anhatte.

    Antwort auf "Falscher Ratgeber!"
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    • DIELOGE
    • 28. August 2012 17:45 Uhr

    'aufpumpen' ist auch ausgesprochen männlich (-:

    Da sind sie der Wahrheit sehr Nahe gekommen.

    Leider habe ich den Eindruck, dass eine immer größere werdende Anzahl Frauen die Vorteile der "Gleichberechtigung" nutzen um letztlich doch nur ihre eigene Agenda (gegen die Männer) durchzusetzen.

    Warum sollte ich mich für eine Frau interessieren? Weil sie eine Frau ist? Nein, eine Frau wird dann interessant, wenn sie ein spannender MENSCH ist! Und dazu gehört weit mehr als lange Beine und ein Minirock.

    . . .schreieb: Rollkoffer sind angesagt, zum Reifen aufpumpen gibt es Standpumpen, kann jeder bedienen. Werdet mal selbstständig und verbringt eure Zeit nicht damit, irgendetwas von Männern ein zufordern.

    • E.Wald
    • 28. August 2012 18:40 Uhr

    einfach Fragen, wenn Sie Hilfe benötigen und sich bedanken, wenn Sie Hilfe erhalten haben; Sie müssen dann auch nicht mehr auf einen gnädigen Helfer warten, sondern übernehmen selbst die Verantwortung (wie es im Grunde ja richtig ist), das fühlt sich auch besser an.

    • Coiote
    • 28. August 2012 18:45 Uhr

    " [...] bekomme eher selten Hilfe angeboten [...]"

    Wer nicht nach Hilfe fragt, ist selbst schuld.

    Zitat: "Muss wohl der Minirock gewesen sein, den ich anhatte."

    Selbstüberschätzung ist schon eine dumme Sache...
    Meine liebe Dame, lassen Sie sich eines sagen; es braucht schon ein wenig mehr als einen "Minirock" um bei einem durchschnittlichen Mann in mittleren Jahren die Hormone verrückt spielen zu lassen.
    Wenn ich z.B. in Italien oder Spanien einer Frau, egal welchen Alters oder mit/ohne Mini, die Tür aufhalte, oder sie z.B. im Hotel grüße, ist die Reaktion höflich.
    In Deutschland sollte Mann mit einem Rümpfen der Nase als Reaktion rechnen. Das ist zwar immer noch besser als eine Ladung MACE in's Gesicht - aber es spigelt die Psyche dieser Damen sehr klar wider.
    Mich kratzt's nicht wirklich, jedoch brauchen sich Frauen wie Sie nicht zu wundern, wenn Mann sich wegdreht anstatt höflich "den Gentleman" zu machen, also zu helfen - denn wenn Hilfsbereitschaft mit solchen Unterstellungen quittiert werden überlegt man es sich in Zukunft schon zu helfen. Und dazu müssen Sie nicht einmal etwas sagen, der Mann merkt schon anhand Ihrer Reaktion(en) wie Sie die Hilfe aufgefasst und (nicht) gewürdigt haben!

    Also meine persönliche Erfahrung ist ihrer Minirock-Geschichte ähnlich:
    So lange eine Frau sexuell attraktiv genug wirkt, wird sie keinerlei Probleme haben eine helfende männliche Hand zu finden, ganz egal bei was.

    Wenn Sie sagen, dass Ihnen Männer fast nie nicht helfen, dann würde ich daher ehrlich gesagt vermuten dass entweder Ihr BMI oder Ihr Alter als zu hoch empfunden werden...

    hat sie wohl zu viel reingepackt

  5. und das beim ZO-Aufreger Nr. 1

    Für wen ist dann diese Replik wichtig?

    An Männer werden widersprüchliche Anforderungen gestellt, an Frauen nicht? Was ist verkehrt daran, wenn sie sich etwas mehr Galanterie, Humor und Elan von ihm wünscht?
    In Form gebrachte Stärke genannt.

    Aber ist ein Mann immer stark, so daß er auf die äußere Form seiner Überlegenheit achten muß? Verliert bei einer solchen Grunderwartung Frau nicht die Fassung, wenn mann mal Schwäche zeigt?

    Da wünscht mann sich von Frau etwas mehr Selbstreflektion und weniger Geschlechter-Scheuklappen. Mann sollte demnach immer wissen was er will, Ziele verfolgen, Erfolg anstreben und ein Gentlemen sein.

    Eine Frau möchte ein Frau, oft auch Mutter, sein dürfen – möglichst uneingeschränkt und darin vom Partner, Mann und Vater der Kinder, unterstützt.
    Wo aber unterstützt sie ihn als Mann und vor allem als Vater? Lässt sie ihm den Raum seine Männlichkeiten zu entfalten, darf er nach eigener Überlegung und Zugang zu den Kindern Vater sein?
    Darf er evtl. Schwächen ausgleichen und seine Rolle als Mann und Vater partnerschaftlich entwickeln?
    In den seltensten Fällen gelingt das, weil Frau oft/stets besser weiss, was für ihn gut ist – weil´s für sie die alles so schön geplant hat, gut ist.

    Partner – und Elternschaft gelingt nur im Team bzw. Tandem. Mal sollte sie die Führung haben, mal sollte er sie übernehmen.

    In diesem sehr weiblichen Revier, herrschen Schieflagen vor, die nur von beiden Seiten ausbalanciert werden könnnen

    Eine Leserempfehlung
    • PanB
    • 28. August 2012 16:38 Uhr

    Die für mich traurigste Daseinsform als sehe ich in den Einkaufswagenhinterherschiebern.
    Dort zeigt er seine wahre Entmündigung...beobachten sie doch das nächste mal dieses Rollenspiel.

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    • Hainuo
    • 28. August 2012 16:55 Uhr

    Als ob man in irgendwelche Rollen schlüpfen müsste, um als guter Mann zu gelten. Wie wärs mal mit Authentizität? Man kann Computer scheisse finden und Fahrräder reparieren können oder umgekehrt. Akzeptabel ist ein Partner, wenn er selbstbewusst mit seinen Schwächen umgehen kann. Und was handwerkliche Arbeit angeht: Es steht sowohl Mann als auch Frau gut zu Gesicht, sich damit auszukennen.

    Was Tür aufhalten oder Koffer hochstemmen angeht: Es ist einfach nett und manch einer wäre erstaunt, wie positiv "nett sein" sich auf andere Menschen auswirkt.

    Es ist wirklich traurig, das solche Sachen überhaupt angesprochen werden müssen. Es sollte selbstverständlich sein, anderen (egal ob Mann oder Frau) die Tür nicht ins Gesicht zu knallen oder schwächeren (oder kleineren) Personen den Koffer hochzustemmen. Das hat rein gar nichts mit Entmündigung zu tun, sondern ist einfach Ausdruck einer fortgeschrittenen Stufe unserer kulturellen Umgangsformen.

    Wer auf Partnersuche ist oder einfach besser mit seinen Mitmenschen klarkommen möchte, sollte folgenden einfachen Satz beherzigen:

    "Es ist nett, wichtig zu sein, aber wichtiger, nett zu sein."

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