Uff. Auch manch einem Bankangestellten fällt vielleicht bald ein Stein vom Herzen. Immer wahrscheinlicher wird, dass der Steuervertrag mit Deutschland zum Scheitern verdammt ist, und dies wiederum freut keineswegs bloß Sozialdemokraten aus Wuppertal. »Ich kann mir eine Menge Investitionen sparen«, sagt der Chef einer bekannten Privatbank in der Deutschschweiz, »Investitionen in Schulung, Formulare, IT, Überwachung, in Steuerberater oder Anwälte.« Und am vergangenen Freitag, bei der Vorlage ihrer Halbjahresergebnisse, bekundete die Spitze der Basellandschaftlichen Kantonalbank ganz offen, was sie vom Abkommen hält. »Der automatische Informationsaustausch käme uns günstiger«, sagte Beat Oberlin, der Präsident des Instituts. Simon Leumann, der für strategische Projekte zuständige Spitzenmann, rechnete gleich auch vor, wie viele Probleme ihm der Vertrag ins Haus brächte: Was die Politiker da ausgehandelt, nachverhandelt und hinterhergebessert hatten, ließe sich in der Kantonalbank fast nicht seriös und fristgerecht umsetzen. Oswald Grübel, der prominenteste Banker im Land, hatte sein Urteil schon vor der Nationalratsdebatte im April gefällt. »Wenn ich im Parlament wäre«, sagte er zum Tages-Anzeiger, »würde ich dagegen stimmen.«

Uff. Der Vertrag, den die Finanzminister Wolfgang Schäuble und Eveline Widmer-Schlumpf im September 2011 unterschrieben hatten, spaltet nicht nur Deutschland und die Schweiz, nicht nur Schweizer Banker und andere Schweizer, er treibt nicht allein rheinische Sozialdemokraten und christdemokratische Bundespolitiker gegeneinander – sondern er wird hierzulande oft als ein ungeliebtes Zwischenergebnis empfunden. SP-Linke und SVP-Rechte sind sich sogar einig, dass es eher nicht sein sollte, und es war kein Bluff, als Botschafter Tim Guldimann, unser Mann in Berlin, letzte Woche öffentlich davor warnte, dass die Stimmung in der Schweiz gegen das Abkommen kippen könnte. Wenn Politiker wie Norbert Walter-Borjans im Fernsehen allen Ernstes verlangen, dass deutsche Behörden in der Schweiz ermitteln können müssen, wird das Nein bei einer Volksabstimmung tatsächlich absehbar.

Jetzt also zurück auf Feld eins. »Der Vertrag hätte beiden Seiten etwas gebracht«, sagt Hans-Peter Portmann, Finanzexperte der FDP und Vizepräsident des Zürcher Bankenverbands. Doch seine Trauer über ein gescheitertes Abkommen hielte sich ebenfalls in Grenzen: »Wenn Deutschland den Courant normal wählt, haben wir das zu akzeptieren.« Denn zum Courant normal gehören zwar in jüngster Zeit allerlei politische Scharmützel, Druckwellen gegen Schweizer Banken, Moraldebatten, CD-Gerüchte und verunsicherte deutsche Bankkunden – doch andererseits kann die Schweizer Seite hier einfach auf die bestehenden OECD-Musterverträge und Doppelbesteuerungsabkommen pochen: Das gilt. Ein automatischer Informationsaustausch, wie ihn Befürworter plus Gegner des Schäuble-Vertrages warnend an die Wand malen, ist derzeit gar kein Thema.

Wohin die Reise geht, ist ohnehin klar – auch ohne Deutschlandvertrag

Immerhin hat die Schweiz seit einigen Wochen ratifizierte Abgeltungsabkommen mit Großbritannien und Österreich, ähnliche Verhandlungen laufen mit Italien und Griechenland. Laut guten Quellen interessiert sich eine Handvoll weiterer Staaten fürs Steuermodell, bei dem die Schweizer Banken eine pauschale Summe an die jeweiligen Finanzbehörden in den Heimatstaaten ihrer Kunden überweisen. Was daraus wird, ist allerdings völlig offen, denn solange von Chur bis Genf Unterschriften gegen die unterzeichneten Steuerabkommen gesammelt werden, wartet das Finanzministerium in Bern lieber ab.

Ob ein Deal mit Berlin hier frischen Schwung bringen würde, bleibt Spekulation. Doch ohnehin sind die fassbaren Vorteile des Vertrags – aus Schweizer Sicht – recht überschaubar. Kommt die Sache durch, können sich die Schweizer Banken in einem wichtigen Land aus der politischen Schusslinie schleichen; das Hin und Her von CD-Käufen und CD-Bluffs, von Klagen und Gegenklagen fände ein Ende. Und weil der neue Vertrag mit einem Schlag alle deutschen Schwarzgelder legalisiert sowie für künftige Steuerehrlichkeit sorgt, müssten die Banken ihre deutschen Kunden nicht ganz so rüde herausspedieren, wie sie es mit ihren US-Kunden vorgemacht haben.

Wohin die Reise geht, ist ohnehin seit Längerem klar – ob mit oder ohne Deutschlandvertrag. Gegen außen hat sich die Schweiz vor drei Jahren verpflichtet, die OECD-Standards zu erfüllen und bei Verdacht auf Steuerhinterziehung Amtshilfe zu leisten. Im Inneren versprechen die Banken ebenso lange eine »Weißgeldstrategie«: Wer den Verdacht weckt, das Finanzamt umgehen zu wollen, soll abgewiesen werden. Bestehende Schwarzgeldkonti will man stetig abbauen.

Ob das reicht? Ob man den Banken glauben kann? Ob der Wechsel rasch genug abläuft? Ob der politische Druck nicht vorher zu stark wird? Das sind die anderen Fragen. Immerhin hat auch die EU-Kommission ein Interesse daran, dass Verträge wie jener zwischen Bern und Berlin Schiffbruch erleiden. Ziel müsse ein Schweizabkommen für alle EU-Länder sein, fordert Steuerkommissar Algirdas Šemeta. Dieser Vertrag wiederum soll den gläsernen Steuerzahler liefern – den automatischen Informationsaustausch. Der Fiskus dürfte dann über die Landesgrenzen hinweg in die Konten blicken, die Banken müssten die Behörden in der Heimat über die Zinserträge ihrer Kunden informieren. Allerdings ist ein solches Vertragswerk noch die reinste Fata Morgana, eine Idee, die wegen des Widerstands von Luxemburg und Österreich nicht mal in der EU voll umgesetzt ist. Der Kommission fehlt bislang selbst das Verhandlungsmandat, um so etwas in Bern einzufordern.

Was also gilt, ist der sogenannte OECD-Standard, und der besagt, dass – beispielsweise – die nordrhein-westfälischen Steuerbehörden bei Verdacht auf Hinterziehung jeweils ein einzelnes Amtshilfegesuch in Bern einreichen müssen. So ist es heute, und so wird es nach dem Willen der SPD-geführten Bundesländer wohl noch längere Zeit sein; immerhin sieht der kürzlich angepasste OECD-Mustervertrag bald auch Gruppenanfragen vor, wenigstens unter bestimmten Bedingungen. Umgekehrt kann der Bundesrat nun auf diesen internationalen Meta-Vertrag pochen – jedenfalls solange sich mächtige Staaten wie die USA oder wichtige Finanzplätze wie Singapur dem Informationsautomatismus ebenfalls verweigern. »Es ist nicht auszuschließen, dass der automatische Informationsaustausch einmal internationaler Standard wird. Dann werden wir uns diesem auch unterziehen«: So sagte es Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner unlängst in der ZEIT. »Das hieße aber, dass sich alle Länder daran halten müssten, auch sehr große.«