Der Anleger Mühlenkamp: Mit der "Saselbek" geht es auf Alsterkreuzfahrt

Lange Zeit habe ich mir den Westen glitzrig, elegant und irgendwie auch wild vorgestellt. Komisch, dass ich solche Illusionen noch hatte, als ich vor zwölf Jahren aus dem Osten nach Hamburg zog. Leider wirkte dort alles irgendwie muffig: sauteure Wohnungen mit speckigen Achtziger-Jahre-Kacheln und Gärten voll fleischiger Rhododendronbüsche, das berühmte Schauspielhaus direkt am Bahnhof und die Akademie der Künste am Zubringer zur Autobahn. – Also, Liebe auf den ersten Blick war diese Stadt für mich nicht.

Aber dann verliebte ich mich doch. Es lag wohl am Wind und am Himmel über der Außenalster, die sich als riesiger See mitten in der Stadt ausbreitet. Ein Kollege hat sie mal mit dem Meer verglichen, und tatsächlich weht einen etwas wie Unendlichkeit an, wenn man hier langradelt. Am schönsten ist der späte Vormittag, wenn das Blassgrau des Wassers ins Blaugrüne übergeht, wenn der frühe Autolärm verebbt und der Rhythmus der Wellen einen in den kühlen Tag trägt. Es ist ja in Hamburg fast nie warm, sodass ich sommers oft sehnsüchtig an meine alte Heimat Sachsen-Anhalt denke, als wäre es die Toskana. Doch selbst in der Toskana müsste ich die schwebenden Segelboote und dieses Großstadturlaubsgefühl vermissen. Wo sonst gibt es solche Radwege zur Arbeit?

Ich glaube, deshalb bin ich überhaupt im Westen geblieben. Deshalb wohne ich immer noch im selben schäbigen Haus in Alsternähe und ignoriere die vorwurfsvollen Fragen meiner Freunde, wann ich endlich umziehe. Jeden Morgen, wenn ich ins Blaue, ins Offene radle, kommt mir das Leben glitzrig und voller Möglichkeiten vor. Ich sehe die schnellen Wolken, rieche das wogende Schilf – und sogar die verhassten Rhododendronbüsche scheinen mir plötzlich ganz hübsch. Das macht wohl die Liebe. Sie verwandelt die Welt und bringt uns in Bewegung. Ich habe die Alster schon auf Langlaufskiern umrundet und auf Schlittschuhen überquert. Und ich werde niemals müde, abends am Ufer entlangzuspazieren und zuzuschauen, wie alles Unwichtige versinkt.