Stadt Hamburg an der Elbe Auen / wie bist du stattlich anzuschauen / mit deiner Türme Hochgestalt / und deiner Schiffe Mastenwald. Ah, ein herrliches Lied, die offizielle Hymne der Stadt, von Methfessel, 1828, und jeden Tag wird sie zigmal intoniert, draußen in Wedel, ganz im Westen, noch hinter Blankenese, für jeden Frachter, jeden Tanker, der bei auflaufendem Wasser den Fluss hochfährt. Schiffsbegrüßung mit Sang und Klang!

Dargeboten im nun sechzigsten Jahr von einer halb automatischen, voll komplizierten Schiffsbegrüßungsanlage, die von erfahrenen Begrüßungskapitänen in Uniform gesteuert wird. Die Kommandobrücke befindet sich zwischen Kaffee und Kuchen: "Könnten wir noch ein Stück Nusstorte bekommen?"

Es macht Appetit, wenn haushoch, die Sonne verdunkelnd, ein Ozeanriese an der Fährhaus-Terrasse vorbeiwummert, wenn Flaggen gehisst und eingeholt werden, wenn die Hymne des Herkunftslandes erschallt und das derart umfassend begrüßte Schiff sodann in tiefstem Bass und immer wieder schockierender Lautstärke den Gruß erwidert, dreimalig tutend.

Willkommen in Hamburg!

Früher steuerten noch viele deutsche Schiffe ihren Heimathafen an, an Deck Matrosen mit Tränen in den Augen. Von den philippinischen Besatzungen heute heißt es, sie seien von Einigkeit und Recht und Freiheit nicht so gerührt. Dafür kann der Kaffeegast jetzt alle möglichen Nationalhymnen hören, 150 Länder haben sie im Programm. Die Globalisierung klopft ans Trommelfell.

Hamburg, Stadt des Handels und der Klänge, der Waren und Weisen, Start und Ziel musikalischer Vielfalt. Hier tönen alle, immer schon. Von Mendelssohn bis Bach-Sohn, von Blumfeld bis Rolf Zuckowski, von Wolf Biermann bis Gunter Gabriel.

Um mehr von diesem unvergleichlichen Mix zu hören, verlassen wir Wedel, fahren ganz in die Stadt, bis ins Karolinenviertel am Heiligengeistfeld. Da gibt es diesen innovativen, kleinen Laden, der sich Hanseplatte nennt und einer klaren Idee folgt: nur "Musik von hier" zu verkaufen, egal, welche. Im direkten Vergleich zeigt sich, wer es gerade bringt und wer nicht. Jan Delay ist ein Renner, Hans Albers will keiner. Jenseits der Tonträger gibt es ortstypische Stützen für Leib und Seele, von schlickfesten Gummistiefeln bis zu maritimen Veermasterkissen.

Gelegentliche Abendveranstaltungen in der Hanseplatte dienen der Vorstellung neuer Werke. Dann steht Nudelsalat hinter den Turntables, alle trinken aus Flaschen, und wir haben Glück: Jacques Palminger soll gleich auftreten, einst Punk-Schlagzeuger, später Mittäter beim Telefonstreichtrio Studio Braun, letzthin Sprechgesangsartist mit eigener Band. Sein Genörgel zu tiefergelegten Bässen ist so hafenschlammig wie nur was.

Zwei Stunden warten wir auf ihn und seine Kings of Dub Rock, er läuft im Laden umher, plaudert mit Freunden und Kollegen, tritt aber nicht auf. Als wir schon gar nicht mehr damit rechnen, steigt "Jacke" auf einen Tisch, um sein Publikum ein paar Minuten lang zu beschimpfen, und das war’s.

Beifall bekommt er trotzdem, denn so kennt man es in Hamburg. Man wartet ewig, bis es mal losgeht und ist dann immer schon dankbar, überhaupt etwas zu hören. Bei der Elbphilharmonie, die erst 2010 fertig werden sollte, dann 2011, jetzt 2015, vielleicht 2016, wird das nicht anders sein.

Gehen wir lieber hinaus in die lauschige Nacht. Und was ist das? Auf der Reeperbahn nachts um halb elf, direkt auf dem Gehweg vor dem Hot-Dog-Laden, in dem sich Udo Lindenberg hin und wieder die Mayonnaise von der Brille wischt, wippen plötzlich fünf junge Männer. Drei Gitarren, Schlagzeug, Trompete. "Wir sind Denmantau und spielen Mariachi Alternative Rock."

Im Nu wächst eine Traube um die freche Band aus Hamburg-Wilhelmsburg, schon wird getanzt, bis auf die Straße stehen die Leute, Taxis hupen. Tolle Rhythmen, echt laut, eine Viertelstunde lang, dann hält ein Streifenwagen auf der Höhe des Geschehens.

Drei dicke Beamte schieben sich in aller Seelenruhe durch den Pulk, Unmut schlägt ihnen entgegen: "Ey, lasst sie doch! Ist doch geil! Ey, die Bullerei, so blöd, ey!"

Denmantau maulen nicht, sie teilen sich auf. Während die einen freundlich mit den freundlichen Beamten plaudern und im Flimmern der Leuchtreklamen ihre Papiere vorzeigen, sammeln die anderen das Geld ein, bevor das Publikum sich wieder zerstreut. Siebzig Euro. Fürs Frühstück reicht’s.

Die fünf haben Ausstrahlung und ein Konzept: "Vom Bürgersteig auf die Bühne steigen." Straßenmusik sichert ihren Broterwerb, bis die große Karriere gezündet hat. Ende September wollen sie nach L.A. auswandern.

Nur ein paar Schritte weiter, an der Ecke zur Großen Freiheit, bleibt eine andere Band polizeilich unbehelligt, weil sie keinen Piep mehr von sich gibt. Es sind die Beatles, zum Denkmal erstarrt.

In wenigen Wochen ist wieder Reeperbahn-Festival. Dann öffnen sich alle Türen, Talente rocken die Schuppen, und erhitzte Mädchen posieren mit den stählernen Silhouetten von John, Paul, George und Ringo.