Die Fans, die ihnen damals im Star Club zujubelten, sind längst ergraut. Gelegentlich trifft man sie im Gängeviertel. Dieses Quartier hatten die Hamburger lange Zeit vergessen, obwohl es nahe der Oper und dem Gänsemarkt liegt. Da standen einige leere, verwahrloste Häuser am Rande der Innenstadt, freigegeben zur Spekulation. Vor drei Jahren griffen Künstler zu und besetzten sie.

Jetzt sehen wir eine Siebzehnjährige vor der eingerüsteten Jupi-Bar stehen und Einlass begehren. "Hast du denn deinen Seniorenausweis dabei?" Kleiner Scherz. Es ist wieder "Faltenrock", die Ü-60-Party, und hinein kommt nur, wer über sechzig ist oder in Begleitung eines Übersechzigjährigen erscheint. Eine an die Wand geschraubte Stehlampe ragt quer über die Tanzfläche, Sofas vom Sperrmüll halten ihre Sprungfedern mühsam im Zaum, es riecht nach Schimmel und Staub, und dazu läuft A Taste Of Honey. Anderswo mag man das Tanztee nennen.

Jeden ersten Sonntag im Monat ist die Bude voll. Dann kommen sogar Damen und Herren aus Eppendorf und Othmarschen und twisten zum kratzigen Vinyl von Señor Rita, der schnurrbärtigen DJane. Die junge Frau und ihre Freunde treiben das reife Partyvolk nicht nur mit den Beatles an. Gibt ja noch mehr Hamburger Jungs: Bert Kaempfert zum Beispiel, dessen Afrikaan Beat mit Flöten, Besen und Knackbass loslegt, oder Johannes Brahms, dessen Wiegenlied von Papa Bue’s Viking Jazz Band so beschwingt interpretiert wird, dass es bestimmt in irgendein Bett führt.

Brahms kam 1833 im Gängeviertel zur Welt. Er soll schüchtern gewesen sein. Gleichwohl hielt er die Proben mit seinem Frauenchor an guten Tagen in einem Boot auf der Außenalster ab. Heute hat er sein eigenes Museumchen in der Peterstraße, Tür an Tür mit Telemann, der von 1722 an die Oper am Gänsemarkt zur Blüte führte. Eine Konkurrenz wie in der Hanseplatte: Wer gilt mehr? Telemann kostet drei Euro Eintritt, Brahms vier. Die Pfeffersack-Charts.

Bert Kaempfert, Jahrgang 1923, hat noch kein Museum. Nach ihm ist ein Plätzchen in Barmbek benannt, hinter dem Globetrotter-Kaufhaus, in dem sich die Hanseaten vor dem Stadtparkbesuch mit Expeditionskleidung ausrüsten. Hamburg hat seit je einen Hang zum Exotischen. Auch Kaempfert war nie in Afrika; seine Swinging Safari bestand im Angeln am geliebten Brahmsee.

Wasser scheint ein Schlüssel zur Hamburger Musikalität zu sein. Nehmen wir das MS Dockville, was kein Motorschiff ist, sondern ein sommerliches Festival auf der Elbinsel Wilhelmsburg. In der Abendstunde stehen schwarze Kräne wie ausgeschnitten im orangeroten Himmel, und die Hafenbecken schimmern türkis. Tausende schwelgen in einem zum Weinen schönen Bild, während Tocotronic auf der Bühne Erinnerungen an die Zeit der "Hamburger Schule" wecken. Dirk von Lowtzow, ihr Sänger, hatte einst sogar den Regen für erhöhten Schaffensdrang verantwortlich gemacht: Da bleibe einem gar nichts anderes, als in den Probenraum zu gehen.

Auch die Elbphilharmonie wird nah am Wasser gebaut. Jeden Sonntag lädt Hamburgs beliebteste und unbezahlbarste Baustelle in der HafenCity zur Besichtigung ein. Karten werden am Monatsanfang vergeben und sind sofort weg. Alle wollen rauf. Es gibt zwar noch nichts zu hören, aber einiges zu sehen.

Unten der alte Kaispeicher für Tee, Tabak und Kakao, dann die Panorama-Plattform mit Blick über Werften und Lagerhäuser und oben schließlich die futuristische Welle aus Glas mit dem Eigentlichen – ein kühnes Gebäude, das seine Wirkung schon im Rohbau nicht verfehlt. Den Konzertsaal erreicht man erst in einer Höhe von 50 Metern. Er ist auf 362 Federpakete gelagert und seiner Umgebung komplett enthoben. Wenn die Queen Mary draußen vorbeifährt und tutet, soll man drinnen ja nichts davon mitbekommen.