Julian AssangeFreiwillig gefangen

WikiLeaks-Gründer Julian Assange hat sich in der ecuadorianischen Botschaft in London verschanzt. Der Präsident des Landes, Rafael Correa, gewährt ihm Asyl – wie kam diese Allianz zustande? Auf der Suche nach einer Antwort in London, Quito und Deutschland von Marian Blasberg, und

Assange auf dem Balkon der Botschaft in London

Assange auf dem Balkon der Botschaft in London  |  © Chris Helgren / Reuters

Die merkwürdige Liebesgeschichte zwischen dem Internet-Anarchisten Julian Assange und dem Präsidenten des südamerikanischen Staates Ecuador, Rafael Vicente Correa Delgado, nimmt ihren Anfang im April dieses Jahres. Assange, in England unter Hausarrest, verdient sein Geld als Talk-Journalist und befragt »wichtige Persönlichkeiten der Welt« per Videolink vor der Kamera. Als ersten Interviewpartner hat Assange den Hisbollah-Chef und Assad-Unterstützer Hassan Nasrallah begrüßt. Diesmal ist es Correa. Im Juni wird das Gespräch auf dem Sender Russia Today ausgestrahlt, den Wladimir Putin vor einigen Jahren gründete, um die Linie des Kreml im Ausland zu verbreiten. Russia Today hat als Erster zugegriffen, und Assange braucht Geld. Als Assange und Correa nun aufeinandertreffen, wird es eine folgenreiche Begegnung.

Der Zuschauer sieht Assange irgendwo in der Nähe von London in einem abgedunkelten Zimmer sitzen. Technikkram liegt herum, Bücher, er trägt eine schwarze Lederjacke und einen Dreitagebart, die Haare fallen ihm in langen weißen Strähnen ins Gesicht. Vor Assange auf dem Schreibtisch steht ein Bildschirm, und darauf erscheint der Kopf Correas, der 10000 Kilometer weit entfernt auf der anderen Seite des Atlantiks sitzt. »Ich bin in England seit 500 Tagen unter Hausarrest«, sagt Assange. »Ohne Anklage.«

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»Okay«, sagt der Kopf.

Auf dem Video ist nicht zu sehen, dass die beiden nun vergeblich versuchen, sich auf Englisch zu unterhalten. Aber Assange kann den ecuadorianischen Präsidenten – der immerhin in den USA promoviert hat – nicht verstehen, und sie probieren es deshalb mit einem Übersetzer.

Assange will die ganz großen Themen diskutieren, die Medien, die Wahrheit, Amerika. Das sind auch Correas Themen. Assange fragt den Präsidenten, welchen Einfluss die USA auf sein Land ausübten, Correa antwortet mit einem Witz: Der Präsident Boliviens habe ihm nach den Veröffentlichungen geheimer amerikanischer Botschaftsdepeschen durch WikiLeaks gesagt, die USA seien das einzige Land, das nicht durch einen Umsturz gefährdet sei – in Washington gebe es keine US-Botschaft.

Assange muss lachen, Correa fährt fort: »Ich habe zwei akademische Titel von dort. Ich bewundere die Bevölkerung. Aber ich kann nicht dulden, wenn sie eine Militärbasis in unserem Land unterhalten. Oder, Julian, würden Sie in Ihrem Land eine ausländische Basis dulden? Andererseits, ich hätte kein Problem damit, wenn wir eine in Miami hätten.«

Wieder lacht Assange.

»Ich kann sehen, Julian«, sagt Correa, »dieses Interview macht Ihnen Spaß.«

»Ich mag Ihre Witze«, sagt Assange.

So geht es weiter, Assange liefert die Vorlagen, Correa verwandelt sie in Tore. Sie sind einander zugetan, fast könnte man es flirten nennen. Zwei Kandidaten bei einem Blind Date, die versuchen, im anderen das Gemeinsame zu entdecken. Assange erklärt, dass er über Jahre einen Kampf geführt habe für das Recht, wahre Informationen zu veröffentlichen. Er fragt Correa, wie der es schaffen will, dass seine Regierung dieses Recht nicht unterdrückt, und einen Moment lang wirkt es so, als taste Assange schon einmal ab, was ihn in Ecuador erwarten könnte.

Correa schmunzelt, ihm gefällt die Frage. Er sagt, es sei ein Mythos, dass Staaten in der Lage seien, die Meinungsfreiheit einzuschränken. In Wahrheit hätten die Medien die Macht. »Es sind private Interessen«, sagt Correa, »die sich mit dem heiligen Gewand des Journalisten tarnen, um unsere Regierung zu destabilisieren.«

»Ich teile Ihre Einschätzung«, sagt Assange. »Ich habe das selber oft erlebt. Dass Medien unser Material zensieren, aus politischen Gründen oder weil sie Oligarchen schützen wollen.«

Leserkommentare
  1. erst die Situation umfassend und wahrscheinlich zutreffend darstellen, um dann die beiden Hauptpersonen des Stücks mittels "Persönlichkeitsanalyse" zu desavouieren und so hoffen, alles vorherige als "aus persönlichen Macken" initiierte darzustellen....

    die ganze Geschichte z.B. um Domscheit Berg glaube ich so nicht mehr im geringsten.

    • hareck
    • 09. November 2012 19:04 Uhr
    2. Bravo!

    Hervorragender Artikel, spannend geschrieben, beleuchtet sehr gut die Hintergründe.

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  • Schlagworte WikiLeaks | Julian Assange
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