Wer wenige Jahre nach Erscheinen so manch hochgelobtes Buch wieder zur Hand nimmt, versteht die Aufregung nicht mehr – zu sehr speiste sich die Aufmerksamkeit offenbar aus einer zeitgenössischen Stimmung, aus bestimmten Themen, die im Werk verhandelt wurden, aber nicht aus der Erzählkunst, der Raffinesse der Komposition, der Welthaltigkeit des Werks, die noch Bestand hätte.

Der Rummel um Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann war 2005 und auch noch in den Folgejahren gewaltig. Der Roman stand 37 Wochen auf Platz 1 der Spiegel- Bestsellerliste. Die New York Times ermittelte im Frühjahr 2007, dass das Werk im Vorjahr das am zweitbesten verkaufte Buch der Welt gewesen war. Allein in deutscher Sprache hatte es sich bereits zwei Jahre nach Erscheinen etwa 1,5 Millionen Mal verkauft.

Zu einem Lieblingsrätsel der Feuilletons jener Jahre gehörte die Frage: Wie konnte das passieren? Wie konnte ein historischer Roman, der um zwei verschrobene Wissenschaftler der Goethezeit kreist, ein Weltbestseller werden? Aufgrund eines konservativen Gesinnungswandels in der westlichen Welt? Aufgrund einer Rückbesinnung auf die Wurzeln unserer übertechnisierten Gegenwart? Kurzum: aufgrund von Nostalgie? Weil die Anschläge auf den Westen durch den Islamismus unser Selbstverständnis irritierten? Oder lag es an der Fragilität der Wirtschaft (die Wirtschaft ist ja immer fragil, selbst in Boomzeiten, die dann als besonders trügerisch gelten, Ungerechtigkeiten erzeugen, Abstiegsängste und so weiter).

Ach was! Wer jetzt, nach einigen Jahren, noch einmal die Vermessung der Welt in der Hand hat, weiß es besser. Schon nach den ersten Seiten: Es ist die unbändige Komik, eine rasante, jedem wohlvertraute Ursituation der menschlichen Verfasstheit, die uns unmittelbar angeht. Ein alter und weltweit renommierter Mathematiker liegt im Bett und möchte nicht aufstehen. Er soll zu einem Forscherkongress nach Berlin, das passt ihm überhaupt nicht. In einem schwachen Moment hatte er zugesagt, jetzt kann er nicht mehr absagen. Die Frau versucht, ihn aus dem Bett zu locken, er nennt sie das Unglück seiner späten Jahre. Sein Sohn steht mit gepackter Reisetasche im Wohnzimmer, der Wissenschaftler empfindet ihn als Zumutung. Er zerbricht vor Wut einen Krug. "Erst als seine uralte Mutter, aufgestört vom Lärm, aus ihrem Zimmer kam, ihn in die Wange kniff und fragte, wo denn ihr tapferer Junge sei, faßte er sich."

Dann reist er ab, unter Verwünschungen, Gemeinheiten und schwerem Gejammer. Zwar werden bereits auf den ersten Seiten munter weltliterarische Anspielungen gesetzt (der grauenhafte Anbruch des Tages und das Zerbrechen eines Kruges sind dem Zerbrochnen Krug von Kleist entlehnt), doch nichts ist schwer, hausbacken erstarrt oder künstlich verkompliziert in diesem Roman, es ist leichter Komödienstoff. Leicht nun aber gerade nicht im Sinne von anspruchslos – sondern im Sinne von Castiglione und seinem Buch über den Hofmann, der einst propagierte, dass man die größte Kunstfertigkeit nur dann zur Vollendung treibe, wenn dieser keine Anstrengung anhafte, sondern lässige Mühelosigkeit.

Das Leben des Mathematikers und Astronomen Carl Friedrich Gauß, der in der Eingangsszene so schwer aus dem Bett kommt, wird mit den Abenteuern von Alexander von Humboldt verzahnt, der zwecks Naturerforschung Lateinamerika bereiste. Der eine, Gauß, leidet an den Zumutungen des Alters, am Gefangensein in einem schwachen Körper, der dem reinen Geist eine Frechheit ist. Der andere, Humboldt, leidet auf seinen Reisen unter Flöhen zwischen den Zehen, an ihn begehrenden Frauen, an heftigen Gewittern über dem reißenden Strom Orinoko, den er, durchnässt bis auf die Knochen, doch stets in preußische Uniform gekleidet, bezwingt.

Beide Wissenschaftler werden an einem bestimmten Punkt die Karikatur ihrer selbst. Das Innere, das sie zur Sprache bringen möchten, zerschellt an den Grenzen des Körpers und dessen begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten – ein Umstand, der bekanntermaßen die "Grundlage aller Komik der Anschauung" (Helmuth Plessner) ist, von der Kehlmanns Roman zehrt. Da macht der Wissenschaftler die größten Entdeckungen der Menschheit und läuft doch mit den profansten Zahnschmerzen durch die Straßen. Intellektuelle Grandiosität und Albernheit des Körpers bilden in diesem Roman ein Zwillingspaar: Der Mensch ist so ungeheuer geistreich und hat Verstopfung.

Die Verweise in diesem Buch sind zahlreich, die Interpretationsansätze, wie bei allen großen Werken der Weltliteratur, reichhaltig: Die Vermessung ist ein Roman über deutsche Manie und vermessene Unbedingtheit (die folgenreich sein sollte), über den aufkeimenden Nationalismus in der Romantik, über das amerikanische Zeitalter, das schließlich anbricht, über Zufall und Notwendigkeit – aber auch und vielleicht vor allem: über die Möglichkeit, auf die Unfertigkeit der Kreatur namens Mensch mit heiterer Menschenfreundlichkeit zu blicken.