Hamburger Pizzaboten liefern Argumente für einen großen Plan der Bundesregierung: Eine Million Elektroautos bis zum Jahr 2020 in Deutschland wünscht sich Kanzlerin Angela Merkel; auch die EU-Kommission plant fest damit, dass bis 2050 ausschließlich elektrisch betriebene Fahrzeuge durch Europas Stadtzentren rollen. Ernüchternd dagegen die Realität: Gerade einmal 1600 dieser Autos wurden seit Jahresbeginn in Deutschland verkauft. Die Deutschen misstrauen ihnen noch, sie scheuen die langen Ladezeiten, fürchten, mit leerem Akku liegen zu bleiben, und ärgern sich über die hohen Preise. Zu Recht?

Joey’s Pizza, Marktführer im Bereich Lieferservice von Pizzen, hat in den vergangenen Monaten eine Umstellung seines Fuhrparks auf Elektrofahrzeuge getestet – und festgestellt, dass sich der Wechsel lohnen kann.

Im April stattete die Firma eine Filiale in der Hamburger Innenstadt mit sechs Elektrorollern und einem Elektroauto aus. Die Boten fahren ihre Ware seitdem geräusch- und emissionsarm aus, denn getankt wird Ökostrom. Nach 100 Tagen ziehen die Pizzalieferanten von Joey’s eine positive Bilanz: Die Fahrzeuge seien zuverlässig, die Reichweiten mit etwa 80 Kilometern ausreichend, und lange Ladezeiten könnten mit Wechselakkus umgangen werden.

Seit Gründung der Firma vor fast 25 Jahren sei Elektromobilität immer mal wieder ein Thema gewesen, sagt Geschäftsführer Karsten Freigang. Regelmäßig hieß es: »nicht ausgereift«. Nicht nur das hat sich geändert. Hinzu kommt nun das Argument: Die elektrisch betriebenen Scooter sind im Betrieb sogar billiger als Zweiräder mit Verbrennungsmotor. Zwar liegt der Anschaffungspreis eines tauglichen Elektrorollers mit rund 4.000 Euro um über 2.500 Euro höher als beim Benziner – dafür hat Joey’s bei einer angenommenen Lebensdauer von 24 Monaten und aktuell geltenden Sprit- und Strompreisen Verbrauchskosten von nur 315 Euro pro Jahr (Elektro) gegenüber 1.730 Euro (Benzin) errechnet. Nach etwa 20 Monaten könne sich ein Elektroroller also amortisieren.

Bei den Pizzaboten geht der Trend ohnehin zu einem Fuhrpark ohne Autos; mit aufmontiertem Spezialkoffer können die Scooter von Joey’s bis zu acht Pizzen mitnehmen. Erst bei Großbestellungen oder größeren Entfernungen steigen die Boten ins Auto.

Eine »schöne Sache« nennt der Automobilwirtschaftsexperte Ferdinand Dudenhöffer den Pizza-Feldversuch. Momentan sei die Lieferbranche wegen der kurzen Fahrtwege »einer der wenigen realistischen Einsatzorte für Elektromobilität«. Doch in der Gesamtschau sehe es düster aus: »Im Autobereich herrscht tote Hose, da bewegt sich gar nichts.« Die bescheidene Zahl an Zulassungen sei »alles andere als lustig«, sagt der Experte.

Er warnt: »Die Elektromobilität in Deutschland ist auf dem besten Wege zu scheitern.« Die Eine-Million-Marke der Bundesregierung, die Verkehrsminister Peter Ramsauer erst vor wenigen Wochen noch einmal als Ziel bestätigte, sei spätestens seit diesem Jahr Makulatur. Dudenhöffers Prognose: »Wenn wir 2020 nur zehn Prozent davon erreichen, ist das schon ein dolles Ergebnis.«

Die Pizzalieferanten von Joey’s wollen den Einsatz der Elektrofahrzeuge hingegen ausweiten. Ob sich das für alle Filialen lohnt, ist fraglich: Die erweiterte Praxistauglichkeit sollen nun Tests in Liefergebieten fernab der Innenstädte und in hügeliger Topografie zeigen. Und es gilt, den Winter abzuwarten: Weil Kälte die Speicherkapazität von Batterien vermindert, kann die Reichweite von elektrisch betriebenen Fahrzeugen bei minus fünf Grad Celsius um mehr als die Hälfte sinken, hat die Prüforganisation Dekra gemessen.