"Die Zauberflöte" wird in Berlin aufgeführt © Andreas Rentz/Getty Images

Er legt an, zielt, drückt ab. Popp. Knapp vorbei. Er habe noch ganz andere Pfeile im Köcher, sagt der Mann im Scharlachfrack, senkt die Windbüchse, schwenkt den Dreieckshut und verneigt sich vor der Gastgeberin. Sie errötet, nimmt ihr Gewehr, steckt einen gefiederten Bolzen in den Lauf. Volltreffer. Genau in den nackten Hintern, der in der Mitte der Scheibe prangt. Die Gesellschaft im Tanzmeistersaal johlt. Die knapp 30-jährige Maria Anna Mozart tritt zur Seite, jetzt ist ihr Bruder dran. Kleinwüchsig, blass, sehr quirlig, fünf Jahre jünger. Er verfehlt den Hintern um 20 Zentimeter, wendet sich jäh zur Fensterseite des Saals, durch die endlich mal wieder die Sonne scheint, und ruft: »O Wetter! O worden! O schön!«

Etwa so darf man sich das Bölzelschießen in Salzburg im September 1780 vorstellen, bei dem Emanuel Schikaneder, der Gast im Frack, und Wolfgang Amadeus Mozart schon mal ein gemeinsames Ziel anvisieren. Die Scheiben können gar nicht anzüglich genug bemalt sein beim Lieblingssport der Mozarts. Um 36 Kreuzer wird geschossen, so viel kostet auch das beste Billett im Theater gegenüber, wo Schikaneders Wandertruppe den Winter über spielen wird. Singspiele und Schwänke mit Titeln wie Der lustige Schuster und Der Esel als Deserteur, aber auch Shakespeares Hamlet, wobei sich der Direktor für keinen Helden zu klein, für keinen Hanswurst zu fein ist.

Der 29-jährige Schikaneder mag die Mozarts, und sie mögen ihn. Bei ihnen trifft sich ein Querschnitt seines Salzburger Publikums, von der Kaufmannstochter bis zum fürstbischöflichen Hauslehrer. Natürlich weiß Schikaneder, dass der junge Hoforganist Wolfgang Amadeus, als Kind schon berühmt, jetzt sogar einen Opernauftrag für den Münchner Hof hat. Trotzdem schenkt er der Familie nicht nur aus taktischen Gründen Dauerfreikarten für die ganze Saison. Er fühlt sich verstanden. Die Mozarts haben mehr von der Welt gesehen als er, und zugleich sind sie erstaunlich bodenständig. Es macht hier gar nichts, dass er von ganz unten kommt.

Videolesung - Eva Gesine Baur liest aus "Emanuel Schikaneder. Der Mann für Mozart"

Goethe hat er im Repertoire, aber auch Schwänke mit Bären und Affen

Am 1. September 1751 wird Johann Joseph Schikaneder als drittes Kind zweier Tagelöhner im bayerischen Straubing geboren, am 21. September 1812 stirbt er in Wien. Dass wir noch von ihm wissen, dass Forscher, Dichter, Biografen, Filmemacher sich mit ihm befassten, verdankt sich einem Ereignis, zu dem Mozart 1791 in sein »Verzeichnüß« notiert: »die Zauberflöte. – aufgeführt den 30:t September – eine Teutsche Oper in 2 Aufzügen. von Eman. Schickaneder.«

Bis dahin ist es ein weiter Weg von den Herbsttagen anno 1780, doch begonnen hat er schon viel früher. Wer wissen will, warum die Zauberflöte sogar Leuten ein Begriff ist, denen Opern, auch solche von Mozart, sonst herzlich egal sind, trifft in Schikaneder einen, der auf seinem Weg nach oben mit jeder Art von Publikum klarkommen musste.

Zwei Jahre alt, verliert er den Vater, die Mutter handelt mit Devotionalien in einer Bude am Regensburger Dom. Zwar haben die Jesuiten den aufgeweckten Jungen und seinen älteren Bruder als Stipendiaten ins Gymnasium aufgenommen, wo er neben ein paar Brocken Latein das Geigenspiel und das Notenschreiben lernt, aber eine akademische Laufbahn ist illusorisch. Als »Lyrant« zieht er los, mit zwei anderen Wandermusikern, und lernt, wohl kaum zum ersten Mal, den Hochmut der »besseren« Leute kennen, gegen den er sich wehrt: »Ich habe eben vielleicht so gut studiert wie Sie, nur dass ich arm war und Sie vielleicht ein reicher Dummkopf!« So steht es in seinem Stück Die Lyranten oder das lustige Elend, einem seiner erfolgreichsten.

1773 nimmt eine wandernde Schauspielertruppe den auffallend attraktiven, vielfach begabten 22-Jährigen auf. Es ist eine Zeit, in der manche Pfarrer Schauspielern noch die Sterbesakramente und ihrem Publikum die Absolution verweigern, in der Bauern mit Mistgabeln über die Wandertruppen herfallen und der Spruch »Hängt die Wäsche weg, die Komödianten kommen« noch ernst gemeint ist. Zugleich etablieren Charakterdarsteller wie Konrad Ekhof und sein Schüler August Wilhelm Iffland eine Schauspielkunst, von der auch Friedrich Schiller profitiert an einem der neuen Nationaltheater, die sich zwischen Hoftheater und Wanderbühnen an die bürgerliche Mitte wenden.